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·30. Mai 2026

Oliver Kahn rechnet ab: zu viel Verwaltung, zu wenig Vision im deutschen Sport

Artikelbild:Oliver Kahn rechnet ab: zu viel Verwaltung, zu wenig Vision im deutschen Sport

Der frühere Bayern-Chef vermisst Mut zur Inszenierung, fordert Lernen vom US-Sport und warnt vor zu glatten, berechenbaren Spielerprofilen.

Oliver Kahn meldet sich zu Wort, und er meldet sich nicht zum Tagesgeschäft. Der frühere Vorstandschef des FC Bayern hat der Sports Illustrated Deutschland ein Statement gegeben, das man als grundsätzliche Standortbestimmung lesen muss. Kahn vergleicht den deutschen Fußball mit dem US-Sport und kommt zu einem unbequemen Befund: Hierzulande werde Sport noch immer in der Überzeugung betrieben, „dass allein der Sport für sich sprechen muss". In den USA dagegen werde er „konsequent als Gesamterlebnis gedacht – vom College-Sport bis zur NFL". Das ist mehr als eine Stilfrage. Es ist die Frage, was Profifußball heute eigentlich verkaufen will.


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Kahns Diagnose über den deutschen Fußball ist scharf, ohne polemisch zu sein. Es gebe „eine einzigartige Fankultur und eine starke emotionale Bindung", räumt er ein, das ist die Stärke. Aber dann folgt der Satz, der hängenbleibt: „zu viel Angst vor Kritik, zu wenig Mut zur Inszenierung. Zu viel Verwaltung, zu wenig Vision." Vier Wortpaare, die das Selbstbild der Branche treffen. Wer in den vergangenen Jahren Pressekonferenzen, Medientage und Markenauftritte deutscher Vereine verfolgt hat, wird sich schwer tun, Kahn zu widersprechen.

Bemerkenswert ist, dass Kahn nicht in die übliche Kopierfalle tappt. „Wäre es ein Fehler, zu fordern, Deutschland solle das US-System einfach kopieren", sagt er, und das ist die intellektuell ehrliche Variante. Tradition dürfe aber „nicht dazu führen, notwendige Veränderungen zu blockieren". Der deutsche Fußball müsse nicht werden wie der US-Sport, „aber er muss verstehen, warum dieser weltweit so erfolgreich ist – und den Mut haben, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen". Das ist die anspruchsvollere Aufgabe: nicht imitieren, sondern lernen. Und genau daran scheitert die Branche bisher.

Der zweite Strang seiner Argumentation betrifft die Spieler selbst. In den USA, sagt Kahn, würden Athleten früh als Persönlichkeiten aufgebaut, Selbstinszenierung sei Teil des Systems. „Die Sportler haben Profile, Haltung, Ecken und Kanten. Sie sind nicht nur Leistungsträger, sondern auch Identifikationsfiguren. Daraus entstehen Geschichten – und aus Geschichten entsteht Bindung." Im deutschen Fußball werde „Individualität weniger gefördert, es geht vor allem um Fehlervermeidung und Kontrolle". Vieles wirke dadurch professionell, aber auch „glatter und berechenbarer". Wer in den vergangenen Saisons Spielerinterviews mitgeschrieben hat, kennt diese Glätte. Sie ist trainiert, sie ist gewollt, und sie ist langweilig.

Kahns Schluss daraus ist konsequent: Ohne markante Charaktere fehlten die Emotionen. „Spieler sind nun einmal Projektionsflächen. Und ohne diese verliert ein Sport an Strahlkraft – gerade in einem globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit." Dieser Wettbewerb wird nicht nachsichtiger werden. Er wird härter, schneller, multimedialer. Wer dort mit der Haltung antritt, der Sport möge bitte für sich sprechen, hat verloren, bevor das Spiel angepfiffen wurde.

Man kann Kahn vorwerfen, dass er als langjähriger Bayern-Vorstand selbst Teil dieses Verwaltungsapparats war, den er nun kritisiert. Das schwächt das Argument nicht. Es macht es eher glaubwürdiger, weil hier jemand spricht, der die Mechanik von innen kennt. Die Frage ist, ob die Branche zuhört. Bislang spricht wenig dafür.

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