Patrick Arnold im Interview zur LAG-Wanderausstellung „Stabil bleiben – gegen Diskriminierung im Fußball“ | OneFootball

Patrick Arnold im Interview zur LAG-Wanderausstellung „Stabil bleiben – gegen Diskriminierung im Fußball“ | OneFootball

In partnership with

Yahoo sports
Icon: FC Schalke 04

FC Schalke 04

·4. Februar 2026

Patrick Arnold im Interview zur LAG-Wanderausstellung „Stabil bleiben – gegen Diskriminierung im Fußball“

Artikelbild:Patrick Arnold im Interview zur LAG-Wanderausstellung „Stabil bleiben – gegen Diskriminierung im Fußball“

Anlässlich der #STEHTAUF-Aktionstage präsentieren die Königsblauen seit Dienstag (3.2.) bis Freitag (6.2.) erstmals die von der LAG NRW (Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte NRW) konzipierte Wanderausstellung „Stabil bleiben – gegen Diskriminierung im Fußball“ im Schalke Museum. Initiator Patrick Arnold erklärt das Konzept.

Patrick, bitte erläutere uns das Konzept der Ausstellung, die noch bis Freitag (6.2.) im Schalke Museum zu sehen ist. Die Wanderausstellung „Stabil bleiben – gegen Diskriminierung im Fußball“ ist als mobiles, niedrigschwelliges Bildungsangebot konzipiert, das Diskriminierung im Fußball sichtbar macht und zur Auseinandersetzung einlädt. Denn wir beobachten aktuell, dass menschenfeindliche Einstellungen, rechte Tendenzen und Diskriminierung im Fußball zunehmend normalisiert werden. Die Ausstellung thematisiert und erläutert unterschiedliche Diskriminierungsformen. Dabei werden grundlegende Informationen mit konkreten Beispielen aus dem Fußballalltag verknüpft und durch weiterführende Impulse sowie Leitfragen ergänzt. Unser Ziel ist es nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Reflexionsprozesse anzustoßen, um Menschen für diese Probleme zu sensibilisieren und gleichzeitig zu unterstützen, eine klare Haltung zu entwickeln.


OneFootball Videos


Erschließt sich der Rundgang von selbst, und für welche Zielgruppe ist er besonders geeignet? Die Ausstellung kann eigenständig genutzt werden, eignet sich aber ebenso als Ausgangspunkt für vertiefende Workshops oder moderierte Formate. Besonders nützlich ist sie für Fanprojekte, Vereinsheime im Amateur- und Jugendfußball, Jugendtreffs, Bildungseinrichtungen sowie für alle, die Fußball als sozialen Raum verstehen und aktiv diskriminierungskritisch gestalten möchten.

Woran liegt die Zunahme von rechten Tendenzen und Diskriminierung Deiner Meinung nach? Aus der Perspektive der politischen Bildungs- und Präventionsarbeit lässt sich eine zunehmende Sichtbarkeit und Offenheit rechter Tendenzen sowie gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Fußball feststellen. Diskriminierende Äußerungen und Handlungen werden häufiger offen artikuliert, sprachlich verharmlost oder als legitime Meinungsäußerung dargestellt. Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Dynamiken wie dem Rechtsruck, multiplen Krisenerfahrungen und einer zunehmenden Polarisierung.

Welche Rolle spielt dabei der Fußball? Der Fußball bildet diese Entwicklungen nicht nur ab, sondern verstärkt sie teilweise, da klare Grenzziehungen und konsequente Interventionen nicht immer erfolgen. Wo Diskriminierung folgenlos bleibt oder relativiert wird, entstehen Räume, in denen sich menschenfeindliche Einstellungen verfestigen und weitergetragen werden können. Bundesweit ist zudem zu beobachten, dass rechte Akteurinnen und Akteure verstärkt versuchen, den Raum Fußball gezielt zu politisieren. Aufkleber und Graffiti verbinden die Glorifizierung des eigenen Vereins zunehmend mit nationalistischen Bezügen – etwa durch Botschaften wie „Für Verein und Vaterland“, häufig in Kombination mit der Deutschlandflagge. Ziel dieser Symbolik ist es, Fußball als vermeintlich „natürlichen“ Teil eines rechten Vorfelds zu markieren und rechte Narrative sowie Parolen im Alltag der Fanszene zu normalisieren.

Gleichzeitig beobachten wir, dass einzelne gewaltbereite Fußballfans mittlerweile konkrete Funktionsstellen innerhalb rechter Parteien und Strukturen übernehmen, auch in Nordrhein-Westfalen, und an Vernetzungstreffen teilnehmen, etwa beim „Institut für Staatspolitik“, der Kaderschmiede der Neuen Rechten in Schnellroda. So werden Erlebniswelten aus Fußball, Jugendkultur und Parteipolitik gezielt verknüpft, um Berührungsängste abzubauen, Milieus zu öffnen und neue Rekrutierungspotenziale zu erschließen. Diese Entwicklungen verdeutlichen, wie dynamisch und strategisch rechte Einflussnahme im Fußballkontext derzeit erfolgt und wie wichtig eine frühzeitige, reflektierte und demokratische Gegenarbeit ist. Die Ausstellung versteht sich als eine unserer Antworten auf diese Entwicklungen.

Ist das Narrativ des Fußballs als vermeintlicher Querschnitt der Gesellschaft damit überholt und bietet stattdessen eine Nische für Diskriminierung? Der Fußball bietet häufig eine besondere Anschlussfähigkeit für Diskriminierung, gerade weil er gar keinen Querschnitt der Gesellschaft abbildet. Dieses Bild ist mittlerweile glücklicherweise widerlegt. Da viele gesellschaftliche Gruppen im Stadion gar nicht oder eher unterrepräsentiert vertreten sind, sprechen Sozialarbeiter-Praxis sowie Forschung eher von Brennglasdynamiken. Emotionale Aufladung, Anonymität, starke Wir-gegen-sie-Logiken und kollektive (maskuline) Dynamiken senken Hemmschwellen und erleichtern Grenzüberschreitungen womöglich stärker als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Hinzu kommt der weit verbreitete Mythos des unpolitischen Sports, der dazu genutzt wird, diskriminierende Inhalte zu entpolitisieren und Kritik abzuwehren. Aussagen wie „Das gehört doch zum Fußball dazu“ oder „Politik hat im Stadion nichts verloren“ tragen dazu bei, dass herabsetzende Parolen als Tradition, Humor oder Emotion legitimiert werden. Gleichzeitig ist der Fußball eine öffentliche Bühne mit hoher Reichweite, die auch Rechte gezielt nutzen, um ihre Narrative sichtbar und anschlussfähig zu machen.

Hast Du argumentative Tipps für Menschen, die im Stadion oder in anderen Situationen in Diskussionen geraten, um Vorurteile und Diskriminierungen zu entlarven und zu benennen? Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, Menschen argumentative Sicherheit im Umgang mit Diskriminierung zu vermitteln. In hitzigen Stadion- oder Alltagssituationen geht es dabei weniger darum, Diskussionen zu gewinnen, sondern Haltung zu zeigen und Grenzen zu markieren. Diskriminierende Aussagen sollten klar benannt und nicht relativiert werden. Ich-Botschaften können helfen, die eigene Position deutlich zu machen, ohne weiter zu eskalieren. Zugleich ist es sinnvoll, gängige Abwehrargumente wie den Verweis auf Meinungsfreiheit oder den „unpolitischen Fußball“ einzuordnen und zu widersprechen. Perspektivwechsel und das Sichtbarmachen der Auswirkungen auf Betroffene können Diskussionen öffnen, während solidarisches Verhalten – auch durch kurze, klare Interventionen – Betroffene stärkt. Nicht zuletzt gehört auch der Selbstschutz dazu: Nicht jede Situation erfordert eine ausführliche Debatte. Entscheidend ist, dass Diskriminierung nicht unwidersprochen bleibt und demokratische Gegennarrative im Fußball sichtbar und wirksam werden. Zu guter Letzt empfehle ich die Dokumentation und eine Übermittlung an medif-nrw.de sowie den jeweiligen Bezugsverein. Auf Schalke kann man sich direkt an die Anlaufstelle wenden.

Impressum des Publishers ansehen