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·29. Mai 2026
Pirlo in Moskau: Wenn eine Floskel den Charakter verrät

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·29. Mai 2026

Andrea Pirlo posiert beim Tag des Fußballs für einen russischen Wettanbieter. EU-Politikerin Picierno und Skeletonpilot Heraskewytsch reagieren scharf.
Es gibt Bilder, die sich nicht mit einer Pressemitteilung erklären lassen. Andrea Pirlo und Marco Materazzi, Weltmeister von 2006, haben am Sonntag beim "Tag des Fußballs" im Moskauer Luschniki-Stadion Autogramme geschrieben und für Selfies posiert. In derselben Nacht hatte Russland Kiew mit Raketen- und Drohnenangriffen überzogen. Wer diese beiden Tatsachen nebeneinanderlegt, muss nicht moralisieren. Die Gleichzeitigkeit reicht.
Die Veranstaltung rund um das russische Pokalfinale war keine zufällige Verabredung unter Sportlegenden. Laut Guardian wurde sie von einem russischen Wettanbieter organisiert, für den Pirlo als Markenbotschafter fungiert. Es traten kremlfreundliche Künstler auf. Und Pirlo erschien an der Seite des russischen Fußballers Artjom Dsjuba, von dem der ukrainische Skeletonpilot Wladyslaw Heraskewytsch sagt, er unterstütze offen die "Kreml-Politik und die Tötung von Ukrainern". Wer mit ihm die Bühne betritt, weiß, was er was.
Pirlos Erklärung im Guardian ist deshalb so unbefriedigend, weil sie tut, als gäbe es diesen Kontext nicht. "Unsere Präsenz in Moskau ist ausschließlich unserer Leidenschaft für den Sport und der Zuneigung der Fans geschuldet, die uns während unserer gesamten Karriere stets unterstützt haben." Das ist die Sprache, die jeder Markenbotschafter sprechen würde, in jedem Land, zu jeder Zeit. Sie passt auf Tokio, Mumbai, Buenos Aires. Sie passt aber nicht auf Moskau im Mai 2026, nicht in ein Stadion, dessen Bühne ein Wettanbieter bezahlt, nicht in eine Nacht, die mit Drohneneinschlägen in Kiew begann. Eine Floskel, die überall funktioniert, sagt am konkreten Ort nichts.
Pina Picierno, Vizepräsidentin des EU-Parlaments, hat den Vorgang in den Sozialen Medien hart kommentiert. Geld könne viele Dinge kaufen, schrieb sie, "es kann sogar, unglaublicherweise, einen Sportchampion dazu bringen, in Moskau Bälle zu signieren, in denselben Stunden, in denen dieses kriminelle Regime wahllos Zivilisten tötet und europäische Länder bedroht". Was Geld nicht kaufen könne, sei "die Glaubwürdigkeit, die Haltung, das Wissen, wie man mit Ehre und geradem Rücken in den Angelegenheiten der Welt steht". Man muss diesen Ton nicht mögen. Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass er in Brüssel formuliert wird, nicht in einem Boulevardstudio.
Heraskewytsch, der wegen seines Helms mit den Gesichtern von Kriegsopfern von den diesjährigen Winterspielen ausgeschlossen worden war, hat es persönlicher gefasst. Es sei "traurig zu sehen, wie sich Kindheitsidole zu moralisch bankrotten Menschen entwickeln, für die nichts wertvoller ist als der russische Rubel". Das ist ein harter Satz, und er stammt von einem, der einen Preis für seine Haltung bezahlt hat. Pirlo zahlt in Moskau keinen Preis. Er kassiert.
Die größere Frage hinter dem Auftritt ist nicht, ob Pirlo gegen ein Gesetz verstößt. Sie lautet, was ein Weltmeistertitel eigentlich für eine Verpflichtung mit sich bringt, wenn man ihn längst in Werbeverträge übersetzt hat. Pirlo arbeitet inzwischen als Trainer bei United FC in Dubai. Er hat eine Karriere, eine Bühne, eine Reichweite. Er hatte die Wahl, ob er sie diesem Wochenende leiht. Er hat sich entschieden, und die Begründung, die er nachschiebt, trägt die Entscheidung nicht.
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