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·26. Juli 2026
Pirlo und der russische Schatten: Eignung ist im Nationaltrikot nur die halbe Miete

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·26. Juli 2026

Ein gelöster Werbevertrag ändert die Vertragslage, nicht die Erinnerung. Wer ein Land im Krieg vertritt, muss über jeden Verdacht erhaben sein.
Es gibt Verträge, die man unterschreibt, ohne ein Amt im Blick zu haben. Und es gibt Ämter, die einen für alles haftbar machen, was man je unterschrieben hat. Andrea Pirlo erlebt gerade den Übergang vom einen ins andere. Der frühere Weltmeister gilt weiterhin als Favorit auf den Posten des italienischen Nationaltrainers, doch seine Verbindung zum russischen Wettanbieter Fonbet bringt die geplante Ernennung ins Wanken. Wer Italien repräsentieren will, muss verstehen, dass hier keine Privatangelegenheit mehr verhandelt wird.
Der entscheidende Punkt ist nicht das Engagement für einen Wettanbieter an sich. Ein solcher Vertrag ließe sich beenden, und darum geht es der Gazzetta dello Sport zufolge auch nicht in erster Linie. Problematisch ist die russische Herkunft des Unternehmens vor dem Hintergrund von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, auf deren Seite Italien klar steht. Damit verschiebt sich die Frage von einer sportlichen auf eine politische Ebene. Ein Nationaltrainer trägt nicht nur Trikot und Wappen, sondern die außenpolitische Grundhaltung seines Landes mit.
FIGC-Präsident Giovanni Malagò handelt in dieser Lage richtig, wenn er die Geschäftsbeziehungen prüfen lässt, bevor er verhandelt. Das ist kein Misstrauensvotum gegen Pirlo, sondern die Mindestanforderung an einen Verband, der weiß, was ein solches Amt symbolisiert. Dass mehrere italienische Politiker verschiedener Parteien Zweifel äußern, ist bemerkenswert: Wo Parteigrenzen sonst jede Debatte spalten, herrscht hier ein seltener Gleichklang. Das sagt mehr über die Tragweite als jede Schlagzeile. „Russische Schatten" titelte die Gazzetta – und der Schatten fällt nicht auf einen Werbevertrag, sondern auf eine Repräsentationsfrage.
Man muss Pirlo zugutehalten, dass er den Vertrag mit Fonbet nach Darstellung seiner Anwälte ausschließlich im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit beim United FC in Dubai eingegangen ist. Mit der Auflösung des Trainervertrags dort könne er auch die Zusammenarbeit mit dem Wettanbieter einseitig und ohne Vertragsstrafe beenden. Das ist juristisch sauber und öffnet einen Ausweg. Aber es beantwortet nicht die eigentliche Frage: Reicht das Beenden eines Vertrags aus, um das Bild wegzuwischen, das der Werbeauftritt in Moskau vor zwei Monaten hinterlassen hat, gemeinsam mit Ex-Nationalspieler Marco Materazzi? Ein gelöster Vertrag ändert die Vertragslage. Er ändert nicht die Erinnerung.
Genau hier liegt der Wertkonflikt, den der Verband auflösen muss. Sportliche Eignung steht bei Pirlo offenbar außer Frage, sonst wäre er nicht Favorit. Doch Eignung ist im Nationaltrikot nur die halbe Miete. Wer ein Land in einem Moment vertritt, in dem dieses Land eine klare Seite in einem Krieg bezogen hat, muss über jeden Verdacht der Nähe zur anderen Seite erhaben sein. Das ist keine übertriebene Moralisierung, sondern die Logik des Amtes.
Dass zunächst Gespräche über eine vorzeitige Beendigung des Engagements in den Vereinigten Arabischen Emiraten laufen und der Verband erst danach offiziell verhandeln will, zeigt: Alle Beteiligten haben die Brisanz erkannt. Pirlo kann Nationaltrainer werden – aber nur, wenn vorher alles gelöst ist, was Zweifel nährt. Der Verband darf sich diese Reihenfolge nicht abkaufen lassen. Erst die Klarheit, dann der Vertrag.
Unbedingt lesen: Vertrag mit russischem Wettanbieter: Pirlo-Deal gerät ins Wanken
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