
Rund um den Brustring
·2. April 2025
Rund um den nächsten Gegner: Im Gespräch mit Leipzig-Experte Ulli Kroemer

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·2. April 2025
Ausgerechnet vor dem Pokal-Halbfinale wechselt Gegner Leipzig den Trainer. Über die aktuelle Lage dort sprachen wir vorab mit Sportjournalist und Leipzig-Experte Ullrich Kroemer.
Rund um den Brustring: Hallo Ulli und vielen Dank, dass du binnen weniger Monate schon wieder für unsere Fragen zur Verfügung stehst. Leipzig gastierte ja Mitte Januar erst im Neckarstadion und verlor nicht nur das Spiel 2:1, sondern auch zwei Spieler durch Platzverweise. Wie blickst Du auf das damalige Spiel zurück?
Ulli: Die Partie war symptomatisch für die RB-Saison. Auf eine ordentliche Startphase und erste Hälfte folgte eine wehrlose Vorstellung in der zweiten Hälfte. Die Platzverweise durch unglückliche und unclevere Aktionen des Sturmduos passten ins Bild.
Im Anschluss an dieses Spiel zeigten beide Mannschaften durchwachsene Leistungen: Der VfB gewann nur noch gegen Freiburg und Dortmund, Leipzig gegen St. Pauli und ebenfalls Dortmund, außerdem kamen natürlich beide im Pokal weiter. Der Absturz des VfB auf Platz 11 kam für viele überraschend, war die weitere Entwicklung der Rückrunde für dich nach dem Spiel damals schon absehbar?
Bei RB hatte man nach dem fürchterlichen Herbst zu Jahresbeginn die Hoffnung, dass mit mehr Personal, unter anderem Xavi Simons, Spielkultur und Erfolg zurückkehren. Die Partie gegen den VfB brachte dann die Erkenntnis, dass es weiter zäh werden würde. Leipzig hat danach nie zu konstanten Leistungen gefunden.
Nach der Niederlage in Mönchengladbach zog man am Wochenende die Reißleine und entließ Trainer Marco Rose. Die richtige Entscheidung?
Ja, aber sie kam zu spät. Dass Jürgen Klopp und Marcel Schäfer so lange wie möglich am Trainer festhalten wollten, ehrt sie. Aber die Mannschaft war viel zu leicht zu entschlüsseln und brach regelmäßig in sich zusammen. Bereits nach dem 1:2 gegen Mainz zu Hause wäre ein notwendiger Zeitpunkt für den Wechsel gewesen. Doch der Klub hat sich die Trennung von dem gebürtigen Leipziger Rose nicht einfach gemacht.
Nachfolger ist Thomas Tuchels ehemaliger Co-Trainer Zsolt Löw, der auch schon mal beim VfB im Gespräch war und sich in Leipzig schon auskennt. Er soll die Mannschaft bis Saisonende trainieren. Was hältst Du von dieser Personalie und welchen Fußball erwartest Du von Löw?
Einen besseren Interimstrainer als Löw hätte RB nicht bekommen können. Er kennt den Red-Bull-Fußball seit 2012 und war bis 2018 als Co-Trainer in Leipzig, hat Erfahrung und Titel gesammelt, kann hervorragend mit Spielern umgehen und steht für die reine Pressing-Gegenpressing-Lehre – also drängenden Red-Bull-Fußball. Dennoch hat er sich unter Thomas Tuchel auch weiterentwickelt. Ich gehe davon aus, dass RB mutiger und zielstrebiger agiert, wieder aktiver gegen den Ball spielt und vielleicht zur Viererkette zurückkehrt. Zudem ist Löw ein unheimlich offener und sympathischer Typ, dem die Herzen zufliegen.
Was waren denn zuletzt die Stärken und Schwächen Leipzigs?
Stärken: An guten Tagen stand die Abwehr kompakt; die Torhüter Peter Gulacsi, der bereits 13 weiße Westen in der Liga hat, und Maarten Vandevoordt agieren stabil. Schwächen: Den Leipzigern ging teilweise jeglicher Plan mit dem Ball ab, das Übergangsspiel war eine Katastrophe und die Stürmer wurden kaum in Szene gesetzt. Der Mannschaft, die viel zu viele formschwache Spieler hat, fehlte es an Struktur und Widerstandsfähigkeit. Der Fußball war phlegmatisch, bieder und unattraktiv, ein absoluter Absturz in die Mittelmäßigkeit.
Der VfB zeigte zuletzt schwankende Leistungen, hat aber auch seit Mitte Februar kein Spiel mehr gewonnen. Wie schätzt Du die Kräfteverhältnisse beider Teams ein?
Ich sehe den VfB stärker als RB zuletzt, weil die Stuttgarter viel mehr Substanz hinsichtlich der Spielkultur haben. Doch der Effekt des Trainerwechsels ist nicht zu unterschätzen. Löw kann diese Befreiung durch eine andere Ansprache und Energie sowie einige taktische Anpassungen durchaus bewirken.
Zum Abschluss: Dein Tipp für Aufstellung und Ergebnis?
Gulacsi (Vandevoordt) – Geertruida (Baku), Orban, Lukeba (Bitshiabu), Raum – Seiwald, Haidara (Vermeeren) – Baumgartner, Xavi Simons – Sesko, Openda.
Titelbild: © Alex Grimm/Getty Images