Rund um den Brustring
·9. Januar 2026
Rund um den nächsten Gegner: Im Gespräch mit Leverkusen-Experte Sebastian Bergmann von der Rheinischen Post

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·9. Januar 2026

Nur gegen zwei Mannschaften ist der VfB in dieser Saison noch nicht angetreten. Eine davon ist Leverkusen, wo die Brustringträger den Start ins neue Jahr bestreiten. Vor dem Spiel sprachen wir mit Bayer-Experte Sebastian Bergmann von der Rheinischen Post.
Rund um den Brustring: Hallo Sebastian und vielen Dank, dass Du dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Leverkusen hatte vor der Saison einen großen Umbruch zu bewältigen, unter anderem verließ Double-Trainer Xabi Alonso den Club gen Madrid und würde durch Erik Ten Hag ersetzt — der aber Anfang September nach einem Punkt aus zwei Spielen schon wieder Geschichte war. Was war da los und wie viel hatte das mit den Veränderungen im Kader zu tun?
Sebastian: Erik ten Hag hatte es innerhalb kürzester Zeit geschafft, den gesamten Klub gegen sich aufzubringen. Schon im Trainingslager im Sommer in Rio de Janeiro gab es große Dissonanzen, angefangen bei der Terminierung des ersten Testspiels bis hin zu unterschiedlichen Auffassungen über den Verbleib von Schlüsselspielern wie Granit Xhaka. Auch die Trainingsmethoden und fehlenden Ansprachen sorgten bei Klub und Spielern für Verwunderung. Die durchwachsene Vorbereitung tat dann ihr Übriges. Schon vor dem zweiten Spiel in Bremen, dem letzten von ten Hag, war klar, dass die Zeit des Niederländers in Leverkusen abgelaufen war. Das Motto der Klubverantwortlichen war: Lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende. Ten Hag hatte sich angesichts des XXL-Umbruchs im Sommer sicher mehr Zeit gewünscht, doch Sportgeschäftsführer Simon Rolfes und Co. fehlten nach den ersten Wochen schlicht der Glaube, dass er die Entwicklung der neuen Werkself vorantreiben konnte. Ab Februar ist ten Hag zurück bei seinem Stammverein Twente Enschede und arbeitet dort als Technischer Direktor.
Kommen wir zum Kader: Mit Florian Wirtz, Jeremie Frimpong, Lukas Hradecky, Jonathan Tah, Granit Xhaka, Piero Hincapié oder Victor Boniface verließen viele Stützen die Mannschaft, im Gegenzug kamen Spieler wie Malik Tillman, Loïc Badé, Mark Flekken oder Ibrahim Maza, der schon vor einem Wechsel zum VfB stand bevor wir die Champions League-Teilnahme verspielten. Wie bewertest Du nach fast einer kompletten Hinrunde die Transferbilanz von Simon Rolfes?
Dass Rolfes die Stars aus der Doublesieger-Mannschaft qualitativ nicht 1:1 ersetzen können würde, war ja zu erwarten. Klares Ziel war, eine neue Mannschaft zusammenzustellen und diese Schritt für Schritt aufzubauen. Gemessen an dieser Vorgabe ist das erste Halbjahr durchaus positiv zu bewerten – abgesehen von der immerhin schnell korrigierten Fehleinschätzung ten Hags als passenden Trainer. Die meisten Sommerzugänge haben bislang überzeugt, allen voran die im internationalen Vergleich als „Schnäppchen“ verpflichteten Ibrahim Maza, Christian Kofane und Ernest Poku. Auch Jarell Quansah, Loic Badé und Mark Flekken – trotz vereinzelter Patzer – haben sich auf die gesamte erste Saisonhälfte gesehen bislang gut gemacht. Einzig Eliesse Ben Seghir, für den Bayer immerhin auch 32 Millionen Euro ausgegeben hat, ist bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben und aktuell nur Reservist.
Wo siehst Du im Winter noch Nachholbedarf?
Da im Laufe des Januars auch Weltmeister Exequiel Palacios nach langer Verletzungspause zurückkommen soll, gibt es aktuell keine klaffenden Lücken im Kader. Alle Positionen sind doppelt oder dreifach besetzt, mal mit mehr, mal mit etwas weniger Qualität. Eine Ausnahme ist die von Alejandro Grimaldo bearbeitete linke Seite. Für den Spanier, in dieser Spielzeit bislang stärkster Bayer-Profi, gibt es keinen natürlichen Ersatz. Das liegt aber auch an seiner Rolle als verkappten Spielmacher auf der Linksverteidigerposition.
Ab September übernahm Kasper Hjulmand die Mannschaft, den man in Deutschland zuletzt bei Mainz 05 an der Seitenlinie gesehen hatte und der die Mannschaft auf Platz 3 führte. Was zeichnet ihn als Trainer aus?
Hjulmand strahlt eine ungemeine Gelassenheit gepaart mit dem nötigen Fingerspitzengefühl für die Situation aus, in der sich der Werksklub nach der goldenen Alonso-Ära und dem Intermezzo mit ten Hag aktuell befindet. Er hat von Beginn an darauf verwiesen, dass die Mannschaft Zeit braucht, um sich zu entwickeln, auf dem Weg zurück zu einem absoluten Spitzenteam aber auch Punkte sammeln muss. Der sportliche Erfolg und die spielerische Entwicklung lassen darauf schließen, dass er die richtigen Hebel betätigt hat.
Wie lässt Hjulmand die Mannschaft spielen und wo siehst Du aktuell die Stärken und Schwächen von Leverkusen?
Wie Alonso – und darauf ist das Personal der Werkself auch ausgelegt – bevorzugt Hjulmand ein 3–4‑2–1‑System. Das gestaltet sich wie schon in den Vorjahren variabel und gewährt den Spielern Freiheiten, was man vielleicht am deutlichsten an der Rolle Grimaldos sehen kann, der über die linke Seite kommend häufig ins Zentrum zieht und von dort das Spiel lenkt. Nicht zuletzt dank ihm strahlt Bayer bei Standards eine große Gefahr aus, hat auf der anderen Seite aber durchaus Probleme, ebensolche zu verteidigen. War Leverkusen unter Alonso aufgrund der vielen späten Treffer auch als „Laterkusen“ bekannt, hat die Werkself in dieser Saison schon viele Tore in den Anfangsminuten erzielt. Anfällig hingegen war Bayer bislang besonders in der Viertelstunde vor dem Seitenwechsel. Womöglich lohnt es sich für gegnerische Angreifer auch, Torwart Flekken unter Druck zu setzen und Fehler zu provozieren. So hat zum Beispiel Nick Woltemade beim 2:2 in Leverkusen einen Elfmeter für Newcastle herausgeholt.
Der VfB wartet ohnehin seit 2018 auf einen Sieg gegen Leverkusen, war aber selten so nah dran wie in den letzten beiden Jahren, als sich die Mannschaften mehr oder minder auf Augenhöhe begegneten. Kannst Du uns Hoffnung machen, dass es am Samstag endlich wieder soweit ist?
Dass Leverkusen in dieser Saison schlagbar ist, auch in der BayArena, haben andere Teams in dieser Saison gezeigt. In den letzten Wochen vor der Pause hat sich die Mannschaft in den Leistungen und den Ergebnissen aber durchaus stabil präsentiert. Anhaltspunkte, anzunehmen, dass das im neuen Jahr anders aussieht, gibt es nicht wirklich. In den letzten direkten Duellen zwischen Leverkusen und Stuttgart ging es immer eng zu, egal, wo gespielt wurde. Und davon gehe ich auch für das Topspiel am Samstag wieder aus, weswegen ich auch dem VfB zutraue, etwas mitzunehmen.
Was ist für Leverkusen Deiner Meinung nach drin in dieser Saison?
Die Mannschaft kann den DFB-Pokal gewinnen. Im Viertelfinale Anfang Februar ist die Werkself klarer Favorit gegen den FC St. Pauli und dann ist es auch nicht mehr weit bis nach Berlin und zum Titel. Was die Bundesliga betrifft, ist die Mannschaft ebenfalls stark genug, um sich einen der drei Plätze hinter den Bayern in der Endabrechnung zu schnappen und in die Königsklasse einzuziehen. In der Champions League gehe ich davon aus, dass Hjulmands Team die Play-offs erreicht – nicht viel mehr. Denn für die internationalen Top-Teams – sofern diese in Bestbesetzung antreten — reicht es in dieser Saison noch nicht.
Beim VfB fehlt Bilal El Khannouss wegen der Teilnahme am Afrika-Cup mit Gastgeber Marokko. Wie ist die Situation bei Leverkusen und wer fällt sonst noch aus?
Edmond Tapsoba ist am Dienstag mit Burkina Faso an Gastgeber Marokko gescheitert. Hjulmand hat aber bereits angekündigt, dass er erst schauen wird, wie sich die Afrika-Cup-Teilnehmer nach ihrer Rückkehr physisch und mental präsentieren. Tapsoba kriegt noch ein paar Tage Urlaub. Da ihre jeweiligen Nationalteams weitergekommen sind, werden Bayer gegen Stuttgart Maza, Kofane und Ben Seghir fehlen. Ansonsten dürften abgesehen von Palacios (Reha) nach aktuellem Stand alle Spieler einsatzbereit sein.
Zum Abschluss: Dein Tipp für Startelf und Ergebnis?
3:1. Flekken – Quansah, Andrich, Belocian – Arthur, Garcia, Fernandez, Grimaldo – Poku, Tillman – Schick.
Titelbild: © Dean Mouhtaropoulos/Getty Images









































