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·23. Juli 2026

RWE im Kadercheck: Eine Auslese für die 2. Bundesliga?

Artikelbild:RWE im Kadercheck: Eine Auslese für die 2. Bundesliga?

Rot-Weiss Essen hat für einen Bluff ziemlich schlechte Karten: Jeder weiß, dass die Ruhr-Metropole ab Sommer 2027 Zweitliga-Fußball anbieten will. Trotz eines Umbruchs im Kader sind die Vorzeichen gut. Hat der Kader noch ernsthafte Schwächen oder ist er bereit für die 2. Bundesliga? liga3-online.de unterzieht RWE dem Kadercheck.

Abgänge größtenteils ersetzt

Viel knapper als RWE kann man die 2. Bundesliga kaum verpassen. Die Erinnerung an 180 Relegationsminuten gegen Greuther Fürth tut an der Hafenstraße immer noch weh, erst der umkämpfte 1:0-Sieg im Hinspiel, dann das absurde 0:2 in Fürth, wo Essen etliche Großchancen vergab und sich letztlich selbst um den Lohn brachte. Kritisch aufzuarbeiten gab es im sportlichen Bereich dennoch einiges: Essen holte in der Saison 2025/26 zu wenige Punkte in den Duellen mit Topteams, Essen kassierte viel zu viele Tore und erlitt selbst in der entscheidenden Phase noch Systemzusammenbrüche wie das 3:5 in Cottbus nach 3:1-Führung oder das 1:6 beim VfB Stuttgart II. Auch im Kopf wirkte das Team nicht immer bereit für den großen Coup.


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Ändern soll sich das in der Saison 2026/27 unter neuen Voraussetzungen: Trainer Uwe Koschinat darf den nächsten Anlauf wagen, muss aber ein neues Teamgefüge zusammenbauen. Nominell sind die verabschiedeten Stammspieler größtenteils längst ersetzt, doch harmoniert dieser Kader der Premium-Klasse auch wie ein künftiger Aufsteiger? Diese zentrale Frage, so viel können wir vorwegnehmen, wird auch dieser Kadercheck offen lassen. Antworten sind ab dem 8. August zu erwarten.

Torhüter: Alles bleibt beim Alten

Einige Mannschaftsteile wurden im Sommer auf links gedreht, zwischen den Pfosten veränderte sich derweil nichts. Und das ist für RWE eine gute Nachricht: Wenig deutet aktuell auf einen Abschied vom langjährigen Stammkeeper Jakob Golz (27) hin, der – so wird zumindest gemutmaßt – längst höherklassige Optionen hätte wahrnehmen können. Hinter ihm steht mit Felix Wienand (24) ein zuverlässiger Ersatz bereit, Malte Brüning (22) bleibt dritter Torwart.

Verteidigung: Wenig Neues, aber eine neue Hierarchie

Schon die Frage nach der Formation ist bei RWE völlig offen. Im Vorjahr wechselte Trainer Uwe Koschinat öfters zwischen einem 3-4-2-1 und einem 4-2-3-1 – die stabileren Defensivleistungen zeigte Rot-Weiß dabei tendenziell mit Dreierkette, was angesichts von offensivfreudigen Flügelverteidigern und Zentrumsspielern mit Tempodefiziten nicht völlig überraschend kam. Ohne Ex-Kapitän Michael Schultz und Tobias Kraulich, beide sind noch auf Vereinssuche, wird das Herzstück der Abwehr dabei neu geordnet. Auch der seit fünf Jahren gesetzte, aber nicht fehlerfreie Jose Enrique Rios Alonso (25) muss sich umschauen, denn mit Max Geschwill (25/Holstein Kiel) drängt ein hochkarätiger Neuzugang in die Startelf.

Dazu wird auch Ben Hüning (21), der sich in der Relegation bemerkenswerte Duelle mit Zweitliga-Torschützenkönig Noel Futkeu lieferte, höhere Ansprüche anmelden. Noch offen ist die Zukunft von Luca Bazzoli (25), der im Vorjahr als Neuzugang zunächst völlig fehl am Platz schien, auch die Leihe zum späteren Absteiger Ulm war eher kein Erfolg. Koschinat traut ihm aber eine Rolle zu. Nichtsdestotrotz könnte noch ein weiterer Innenverteidiger kommen.

Prima besetzt sind auch die Außenverteidiger-Positionen, denn die Vorjahres-Leihgaben Jannik Hofmann (24/Nürnberg) und Franci Bouebari (22/Freiburg) wurden fest unter Vertrag genommen. Auf der linken Seite ist derzeit Ekin Celebi (26) Bouebaris Herausforderer, auf der rechten Seite steht noch Michael Kostka (22) zur Verfügung. Vor einer Dreierkette kann dazu auch Lucas Brumme (26) auf der linken Schiene agieren – nominell ist diese Auswahl auf einer traditionell schwer zu besetzenden Position schon das höchste Regal, das die 3. Liga derzeit zu bieten hat.

Junge Mittelfeldzentrale als Schwachstelle?

Überhaupt Schwächen in diesem Kader zu finden, ist alles andere als leicht. Doch das zentrale Mittelfeld, ob defensiv oder offensiv orientiert, könnte dazugehören. Gleich drei entscheidende Spieler haben Essen verlassen: Die Erfahrung und Härte von Sechser Klaus Gjasula (Hoffenheim II), die Raffinesse von Topscorer Kaito Mizuta (Le Havre) und der begnadete rechte Fuß von Torben Müsel (Magdeburg) können in ihrem Zusammenspiel kaum kurzfristig kompensiert werden. Neuzugang Janne Sietan (24/Waldhof Mannheim) soll das Loch vor der Abwehr stopfen, besitzt aber am Ball eher nicht die Ruhe eines Gjasula. Gianluca Swajkowski (21) steht bei Koschinat hoch im Kurs, muss aber zulegen. Ruben Reisig (30) kam erst zu Jahresbeginn, konnte aber bis dato nicht wirklich überzeugen.

Eine Reihe weiter vorn ruhen große Hoffnungen auf Zehner Noah Pesch (21), fest verpflichtet von Borussia Mönchengladbach. Er konnte sich im Vorjahr beim 1. FC Magdeburg eine Liga höher noch nicht wie gewünscht durchsetzen, gehört aber zur Kategorie Profis, die jeder Drittligist in seinem Kader will. Was ihm als auch Dresden-Leihgabe Tony Menzel (21) zuletzt fehlte, ist Spielpraxis. Insgesamt ist das Mittelfeld vielversprechend, aber kaum erfahren. Ein klassischer Anführer täte RWE gut – auch weil diese Führungsspieler in den anderen Mannschaftsteilen ebenso fehlen.

Große Positionskämpfe in der Millionen-Offensive

Je nach Formation gilt es drei oder vier Posten in der Offensive zu besetzen, um die sieben bis acht Spieler kämpfen. Doch wo andere Klubs mit Nachwuchs- und klassischen Ergänzungsspielern auffüllen, hat fast jeder RWE-Stürmer Startelf-Ansprüche: Mehr als drei Millionen Euro beträgt der addierte Marktwert aus Daten von "transfermarkt.de", allein Augsburg-Leihgabe Aiman Dardari (21) wird auf 800.000 Euro taxiert. Er kämpft auf der linken Seite wahrscheinlich mit Lucas Brumme um Koschinats Gunst, kann aber auch rechts auflaufen. Dort wiederum sollte Dickson Abiama (27), der in der Rückrunde voll einschlug, nach seiner festen Verpflichtung vom 1. FC Kaiserslautern beste Aussichten haben. Weiter hinten in der Hierarchie ist auf Basis der Vorsaison Marvin Obuz (24), der oft spielte, aber anders als in seiner Durchbruchssaison 2023/24 nur eine Nebenrolle eingenommen hat. Ein Abgang kann hier derzeit nicht völlig ausgeschlossen werden.

Geliehen sind derweil auch die klassischen Neuner Semir Telalovic (26/Nürnberg) und Jaka Cuber Potocnik (21/Köln), letzterer allerdings bereits im 2. Jahr. Potocnik muss allmählich raus aus seinem Talent-Status, denn in der Vorsaison war der Slowene nur sporadisch gefragt. Wer übernimmt aber die ersehnte Knipser-Rolle? Kurioserweise ist der beste Stürmer der Saison 2025/26, der zugleich auch vom Publikum gefeiert wird, ein sportliches Dauerthema: Marek Janssen (29) erzielte 14 Tore trotz "nur" 1.374 Einsatzminuten, hat beim Cheftrainer aber seit jeher einen schweren Stand.

Fakt ist aber: Janssen hat seinen Torriecher in der 3. Liga nachgewiesen, die direkte Positionskonkurrenz noch nicht. Die Causa ist sinnbildlich für eine Offensivreihe, die sich aufgrund ihrer Besetzung primär mit Luxusproblemen beschäftigen muss. Doch da bekanntlich die beste Einheit über die besten Einzelkönner siegt, sollte RWE die interne Entwicklung gut beobachten. Unzufriedene Gesichter zu vermeiden, wird für Koschinat und Co. zu einer Hauptaufgabe.

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