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·8. Januar 2026

Torsten Lieberknecht: „Glas für mich eher halb leer“

Artikelbild:Torsten Lieberknecht: „Glas für mich eher halb leer“

Torsten Lieberknecht ist kein Trainer der leisen Zwischentöne. Seit seinem Amtsantritt beim 1. FC Kaiserslautern steht er für Klarheit, Haltung und eine spürbare Identifikation mit dem Verein. Der Betzenberg ist für ihn nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Herzensort mit all seinen Emotionen, Erwartungen und Spannungsfeldern. Lieberknecht denkt Fußball ganzheitlich, spricht offen über Ziele, Defizite und Entwicklungsschritte und scheut dabei weder Selbstkritik noch klare Worte.

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Im ersten Teil des Interviews mit Treffpunkt Betze zieht der FCK-Coach eine Zwischenbilanz der bisherigen Saison, ordnet sportliche Entscheidungen ein und erklärt, warum er unbeirrt an seinem Weg festhält. Auch dann, wenn der Gegenwind mal stärker wird.

„Wollten unbedingt die 30-Punkte-Marke erreichen“

Treffpunkt Betze: Hallo Torsten, 27 Punkte nach der Hinrunde, Platz sieben in der Tabelle: Ist das Glas aus deiner Sicht zur Winterpause eher halb voll oder eher halb leer?

Torsten Lieberknecht: Was die nackte Punktzahl betrifft, ist das Glas für mich eher halb leer. Wir wollten unbedingt die 30-Punkte-Marke erreichen, weil sie einfach ein wichtiges Signal gewesen wäre. Vor allem, weil wir uns selbst um einige Punkte gebracht haben. Wenn ich auf die Vorrunde zurückblicke, dann komme ich relativ schnell auf vier oder fünf Zähler, die wir liegen gelassen haben.

Ich denke da an Spiele wie das Heimspiel gegen Nürnberg oder das Auswärtsspiel in Düsseldorf. In Karlsruhe hätten wir uns dafür vielleicht mit einem Unentschieden zufriedengeben müssen, aber insgesamt gab es genug Situationen, in denen wir näher dran waren, noch mehr herauszuholen. Rechnet man das zusammen, dann hätte das Glas deutlich voller sein können – und genau deshalb überwiegt bei mir dieser Gedanke.

Treffpunkt Betze: Was sind aus deiner Sicht die ausschlaggebenden Gründe für die Punktverluste?

Torsten Lieberknecht: Ganz klar die fehlende Effizienz. Gerade gegen Nürnberg hatten wir genügend Chancen, um das Spiel frühzeitig zu unseren Gunsten zu entscheiden. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mehrere Partien. Auch in Düsseldorf war es ähnlich: Wenn du dort das 2:0 machst, ist das Spiel im Grunde entschieden.

Stattdessen bleibt es beim 1:0 und dann ist Fußball eben brutal. Ein Gegentor reicht, um alles wieder offen zu machen. In Düsseldorf kam dann noch dieser eine Moment hinzu, bei dem ich nach wie vor der Meinung bin, dass die Abseitsposition von Ivan nicht so eindeutig war, dass sich der VAR hätte einschalten müssen. Aber das sind alles keine Ausreden. Entscheidend ist: Wir hatten mehrfach die Möglichkeit, den Deckel draufzumachen, haben es aber nicht konsequent genug getan.

„Haben uns positiv entwickelt“

Treffpunkt Betze: Gab es trotz allem positive Highlights in der Vorrunde?

Torsten Lieberknecht: Absolut. Und davon sogar einige. Allein die 27 Punkte sind ja kein schlechtes Ergebnis. Ich ziehe zwar ungern Vergleiche zur Vorsaison, aber Daten und Fakten werden natürlich herangezogen. Wir haben eine bessere Tordifferenz, stehen tabellarisch besser da und haben immerhin einen Punkt mehr. Vor allem offensiv haben wir uns entwickelt. Zu Saisonbeginn hieß es oft, wir würden zu wenige Tore schießen – inzwischen gehören wir zu den fünf besten Teams der Liga, was die Anzahl der Treffer betrifft. Dazu kommt unsere Spielidee. Wir haben uns bewusst für eine mutige Ausrichtung entschieden. Gerade zu Hause wollen wir den 'Betze-Fußball' zeigen, den viele kennen: nicht nur kompakt stehen, sondern hoch attackieren, früh pressen und den Gegner unter Druck setzen.

Spiele wie gegen Preußen Münster oder Holstein Kiel waren dafür echte Benchmark-Spiele. Die Daten bestätigen das: Wir sind die beste Mannschaft, wenn es um Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte geht. Das zeigt mir, dass wir nicht nur darüber reden, sondern diese Idee auch umsetzen. Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit der Verletztenmisere. Trotz vieler Ausfälle haben wir es häufig geschafft, dies gut zu kompensieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und was mir persönlich sehr wichtig ist, ist die Einbindung des eigenen Nachwuchses. Spieler wie Mika Haas oder Leon Robinson haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das sie zu festen Größen macht. Das ist etwas, das sich viele beim FCK wünschen, und das gehört für mich klar ins halb volle Glas.

Treffpunkt Betze: Mit Spielern wie Semih Sahin, Marlon Ritter oder Naatan Skyttä verfügt der FCK nominell über eine der stärksten Mittelfeldreihen der Liga. Dennoch zeigt sich insbesondere im Bereich der Passgenauigkeit ein Defizit. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass sich die Mannschaft in diesem Punkt so schwertut?

Torsten Lieberknecht: Das hängt unmittelbar mit unserem Spielstil zusammen. Wir sind keine klassische Ballbesitzmannschaft. Wir definieren uns über Intensität, Pressing und Umschaltmomente. 15 unserer Tore sind aus hohen Balleroberungen entstanden, was zeigt, wo unsere Stärke liegt.

Natürlich gibt es Situationen, in denen wir aus einem Ballgewinn mehr Ruhe entwickeln könnten. Aber unser Energielevel ist oft sehr hoch und wir wollen schnell nach vorne spielen. Das bringt Risiko und damit auch eine höhere Fehlerquote mit sich. Trotzdem gibt es Momente, in denen wir sauberer und konzentrierter agieren müssen.

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„Es gibt keine leichten Gegner“

Treffpunkt Betze: Nach zuletzt nur vier Punkten gegen vermeintlich leichte Gegner habt ihr mit Hannover, Schalke, Elversberg und Darmstadt nun vier echte Schwergewichte vor der Brust. Was stimmt dich zuversichtlich, dass ihr in diesen direkten Duellen um die Spitzenplätze besser abschneiden werdet?

Torsten Lieberknecht: Zunächst einmal blicke ich da bewusst ein Stück zurück. Nach dem aus meiner Sicht sehr enttäuschenden Pokalaus gegen Hertha BSC standen wir unter enormem Druck. In dieser Phase haben wir vier Punkte geholt. Das ist aus meiner Sicht ein Beleg dafür, dass die Mannschaft damit umgehen kann. Das Spiel gegen Dresden war so ein typisches ‚Stinker-Spiel‘, eines von denen, bei denen du weißt, dass es extrem unangenehm wird. Am Ende konnten wir es aber für uns entscheiden. Und dann ging es zu Arminia Bielefeld. Das war für mich ein sehr wichtiges Spiel, auch aus Trainersicht. Bielefeld hatte zuvor in nur zwei Spielen im eigenen Stadion kein Tor erzielt, das war in den Testspielen gegen den AS Monaco und in einem Drittligaspiel gegen den Halleschen FC. Unser Ansatz war klar: Diese offensive Stärke mussten wir ausschalten.

Für mich gibt es grundsätzlich keine leichten Gegner. Wenn Braunschweig Schalke schlägt, Magdeburg in Berlin gewinnt oder Dresden gegen Karlsruhe punktet, unterstreicht das genau diesen Punkt. Entscheidend sind Tagesform, Spielform und konstante Leistung. Daran orientieren wir uns. Jetzt zählt erst einmal das Spiel gegen Hannover, das ist das Wichtigste. Am besten gehst du da raus und holst drei Punkte. Ich bin überzeugt und habe das Selbstbewusstsein, dass wir gegen jeden Gegner bestehen können.

Treffpunkt Betze: Was euch bislang noch ein Stück weit fehlt ist die Konstanz. Während die Heimbilanz aktuell auf Aufstiegskurs ist, sieht es auswärts dagegen nicht so gut aus. Wo siehst du den Schlüssel, um diese Diskrepanz aufzulösen?

Torsten Lieberknecht: Das ist genau einer der entscheidenden Punkte. Unsere Heimbilanz ist absolut in Ordnung. Da bewegen wir uns auf einem Niveau, das ganz klar in die obere Tabellenregion geht. Auswärts sieht das anders aus. Dort müssen wir einen Schlüssel finden, um konstanter zu punkten. Ein Beispiel dafür war für mich das Spiel bei Arminia Bielefeld, auch wenn das viele vielleicht überrascht hat. Aus Trainersicht war diese Partie enorm wichtig, weil sie gezeigt hat, dass wir auch in der Lage sind, ein Spiel anders zu interpretieren: tiefer zu verteidigen und weniger offensiv zu agieren, aber trotzdem die Chance zu haben, mit einem 1:0 nach Hause zu fahren. Genau diese Variabilität ist auswärts oft entscheidend.

Am Ende geht es darum, die starke Heimbilanz aufrechtzuerhalten und gleichzeitig auswärts mehr Siege einzufahren. Das ist eine große Aufgabe, keine Frage – aber genau deshalb bin ich hier. Das ist ein Anspruch, den ich lebe, ausspreche und mit meiner Mannschaft auf dem Platz umsetzen will. Konstanz ist dabei natürlich auch eine individuelle Frage. Wenn es mehr Spielern gelingt, ihr Leistungsniveau dauerhaft abzurufen, wird automatisch auch die Mannschaft insgesamt konstanter auftreten. Und genau daran arbeiten wir.

Am Freitag um 13:00 Uhr erscheint der zweite Teil unseres ausführlichen Interviews mit Torsten Lieberknecht. Darin spricht der Trainer über das Leistungsniveau der Ersatzspieler, auf welchen Positionen der FCK nachlegen könnte und sein Umgang mit Kritik.

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