WolfsBlog
·10. August 2026
Trauerfall auf der Porzellanhochzeit

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·10. August 2026

Ich möchte an dieser Stelle mein tief empfundenes Beileid aussprechen. Der Wiederaufstieg des VfL Wolfsburg ist am Samstag im zarten Alter von 90 Minuten verstorben. Todesursache: 0:0 gegen Kaiserslautern. Er hinterlässt 33 völlig bedeutungslose Spieltage, einen neuen Trainer und eine Mannschaft, die frecherweise nicht nach ein paar Wochen Vorbereitung bereits spielt wie Real Madrid auf Koks. Die Trauerfeier fand unmittelbar nach Abpfiff in den Kommentarspalten statt. Statt Blumen wurde gemeckert. Reichlich. „Alles wie immer“, „Das wird nichts“, „Gegen Hannover gibt’s auf die Fresse“ – die üblichen Kondolenzschreiben. Besonders tragisch: Der VfL ist damit vermutlich die erste Mannschaft der Fußballgeschichte, die nach dem ersten Spieltag praktisch schon wieder abgestiegen ist, ohne überhaupt ein Gegentor kassiert zu haben. Effizienter kann man einen Weltuntergang kaum organisieren. Die einen sahen Damar und Reese und bekamen erstmals seit längerer Zeit wieder Lust auf Fußball. Die anderen sahen ein 0:0 und bestellten vorsorglich den Grabstein für den Wiederaufstieg. Willkommen beim VfL Wolfsburg. Dazwischen gibt es traditionell wenig.
Porzellanhochzeit mit Buffet
Dabei war das gegen Kaiserslautern ziemlich genau das, was man von einer nahezu komplett umgebauten Mannschaft erwarten konnte: teilweise vielversprechend, teilweise noch Porzellanhochzeit. Gerade in der ersten Halbzeit konnte man durchaus erahnen, was Tobias Strobl mit diesem VfL vorhaben könnte. Hinten kennt man sich teilweise allerdings noch ungefähr so gut wie die Teilnehmer bei „Hochzeit auf den ersten Blick“, und nach der Pause hatte die Mannschaft kurz vergessen, dass Fußballspiele traditionell aus zwei Halbzeiten bestehen. Wenn das im November immer noch so aussieht, können wir gern gemeinsam den Katastrophenschutz verständigen. Anfang August würde ich der Truppe noch ein paar Trainingseinheiten zugestehen. Natürlich hätte der VfL gewinnen sollen. Natürlich darf man sich über zwei liegen gelassene Punkte ärgern. Und null Tore sind ungefähr so befriedigend wie All-you-can-eat am Salzstangen-Buffet. Aber zwischen „Da war mehr drin“ und „Alles wie immer, die Saison ist gelaufen“ liegen ungefähr sechs Therapiestunden und eine Mutter-Kind-Kur im Harz. Wer jetzt bereits die Saisonbilanz zieht, beschwert sich beim Vorspeisensalat wahrscheinlich auch darüber, dass das Schnitzel nicht geschmeckt hat.
Exorzist im Maislabyrinth
Zum Glück gibt es neben der eigenen Meckerfraktion noch jene Menschen, die sich im Internet beruflich mit der Existenz des VfL Wolfsburg beschäftigen. Fußball-Influencer. Content-Clowns. Traditions-Taliban mit Ringlicht. Menschen, deren größter Beitrag zur Sportpublizistik darin besteht, mit Baseballcap vor einer Handykamera zu sitzen und „Bruder, komplett bodenlos“ zu sagen. Seit Jahren erklären uns diese digitalen Dorfältesten, dass Wolfsburg endlich aus der Bundesliga verschwinden müsse. Plastik. Volkswagen. Keine Fans. Keine Tradition. Raus! Jetzt haben wir nach 29 Jahren endlich geliefert und sind tatsächlich abgestiegen – und irgendwie ist es auch wieder nicht richtig. Was sollen wir denn noch machen? Die geben erst Ruhe, wenn wir die Volkswagen Arena in ein Maislabyrinth umwandeln. Einige sind so besessen, hab gehört, der Papst wollte schon n Exorzisten nach Frankfurt schicken. Die Basti-Reds dieser Welt haben aber so viel Luft zwischen den Ohren, die fragen noch: Exorzist? Welches Instrument spielt der denn?
Apropos heiße Luft. Kaiserslautern. Was für ein Auswärtsmob! 5.000? 6.000? Ach was. Mindestens 10.000 Lauterer waren da. Wahrscheinlich 20.000. Wenn man einigen Social-Media-Koryphäen glaubt, eher 40.000. Die Volkswagen Arena fasst zwar nicht einmal 30.000 Menschen, aber wer bei TikTok Mathematik studiert hat, lässt sich von solchen Details nicht aufhalten. Vermutlich wurden da alle mit rotem Pulli zwischen Fallersleben und Grafhorst gleich mitgezählt. Ich habe inzwischen ohnehin erfahren, dass Wolfsburg seit Samstag offenbar zu Rheinland-Pfalz gehört. Der Mittellandkanal heißt jetzt Mosel, im Badeland gibt es Saumagen und die Autostadt wurde in Fritz-Walter-Erlebnispark umbenannt.
Versteht mich nicht falsch: Die Lauterer waren zahlreich und laut. Starke Fanszene. Fertig. Aber diese traditionelle Wolfsburger Gästefan-Inventur nimmt inzwischen Züge an, als würde nach jedem Heimspiel das Statistische Bundesamt mit Wärmebildkameras durch die Arena laufen. Wenn 6.000 Wolfsburger nach Hannover fahren, sind 6.000 Wolfsburger nach Hannover gefahren. Wenn 6.000 Lauterer nach Wolfsburg kommen, beginnt auf Instagram die Völkerwanderung. Dann war die gesamte Stadt rot, kein Wolfsburger weit und breit und vermutlich hat Gott im Olaf Marschall-Trikot persönlich noch den Anstoß ausgeführt. Das ist keine Fußballberichterstattung mehr. Das ist betreutes Vorurteil mit WLAN.
Riss im Wanderzirkus
Dabei hätte dieser erste Spieltag genügend echten Irrsinn geboten. Zum Beispiel Braunschweig. Sechs Tore. Sechs! Das waren mindestens sieben zu viel. Wenn Eintracht Braunschweig sechs Tore in einem Fußballspiel erzielt, sollte die DFL nicht die Tabelle aktualisieren, sondern zunächst überprüfen, ob irgendwo ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum entstanden ist. Vielleicht wird Christian Lindner Vorsitzender der Linkspartei. Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht.
Überhaupt scheint die Zweite Liga genau der durchgeknallte Wanderzirkus zu sein, den alle angekündigt haben. Ergebnisse wie beim Flipperautomaten, Favoriten stolpern und nach einem Spieltag glaubt bereits die halbe Liga an den Aufstieg und die andere Hälfte hat vorsorglich Transfermarkt.de nach vereinslosen Trainern durchsucht. Und jetzt wartet Hannover. Nach deren Auftakt gegen Pöbel-Pelé gehe ich nicht davon aus, dass unsere niedersächsischen Freunde uns aus reiner Nachbarschaftsliebe die nächsten drei Punkte in einem Präsentkorb mit Schleife überreichen werden.
In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig.







































