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·27. September 2026

Tuchel sucht sein System: Diesmal keine Fünferkette und trotzdem dasselbe Ergebnis wie gegen Argentinien

Artikelbild:Tuchel sucht sein System: Diesmal keine Fünferkette und trotzdem dasselbe Ergebnis wie gegen Argentinien

London. Es hätte die Pointe des englischen Fußballjahrs werden können: Thomas Tuchel bringt in der zweiten Halbzeit zwei defensive Spieler, stellt auf Fünferkette um und verteidigt die Führung gegen den Weltmeister. Genau so hatte er es im WM-Halbfinale gegen Argentinien versucht. Genau dafür war er in England zerrissen worden.

Er tat es nicht. Stattdessen reagierte er, wie es die Öffentlichkeit auf der Insel im Rückblick gefordert hatte – mit offenem Visier. Es half nichts. Die Süddeutsche Zeitung zieht daraus einen Schluss, der über dieses Spiel hinausweist: Das WM-Aus war nicht ausschließlich Tuchel anzulasten.


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Zweimal geführt, zweimal verloren

Die Parallele ist frappierend. 1:2 gegen Argentinien im Juli, 2:3 gegen Spanien im September – beide Male nach eigener Führung, beide Male gegen die Weltspitze. Und beide Male war Anthony Gordon Torschütze und wurde ausgewechselt. Hartnäckige Kritiker, notiert die SZ, könnten genau darin das Muster sehen.

Am Samstag hatte England einen Rückstand nach 100 Sekunden gedreht: Lamine Yamal traf früh, Gordon und Harry Kane antworteten binnen vier Minuten. Beiden Toren gingen laut SZ „herrliche Kombinationen“ voraus. Dann kam der Elfmeter, dann kamen zwei spanische Joker.

Kanes Bilanz: dritter Fehlschuss in zehn Anläufen

Die Zahl relativiert das Bild vom unfehlbaren Elfmeterschützen. Bei WM-, EM- und Nations-League-Spielen hat Kane in seinen vergangenen zehn Versuchen dreimal nicht getroffen – und die Schauplätze waren jedes Mal prominent: EM-Halbfinale 2021, WM-Viertelfinale 2022, jetzt Wembley gegen Spanien.

Der Ablauf am Samstag: Rodri brachte Jude Bellingham zu Fall, Kane rutschte bei der Ausführung mit dem Standbein weg, der Ball knallte an die Unterkante der Latte und prallte vor der Torlinie wieder auf. „Es ist schwer zu verkraften“, sagte der Kapitän. In der Schlussphase wurde er ausgewechselt.

Luis de la Fuente relativierte die Bedeutung der Szene später: Sein Team wäre auch nach einem verwandelten Strafstoß noch zurückgekommen.

Die zwei Gefahren des englischen Ansatzes

Die SZ benennt präzise, woran der Plan scheiterte. Erstens der Spielaufbau: Marc Guéhi verlor vor dem 0:1 den Ball an Yamal, den zweiten Gegentreffer leitete Nico O’Reilly mit einem desaströsen Fehlpass am eigenen Strafraum ein. Das Mittelfeld habe hörbar an Ballsicherheit gewonnen – Elliott Anderson und Bellingham werden als „erneut überragend“ bezeichnet, der 20-jährige Myles Lewis-Skelly stand ihnen kaum nach. Für die Abwehr gelte das noch nicht.

Zweitens die Intensität. Der läuferische Aufwand, mit dem England Spaniens Ballbesitzspiel eindämmte, forderte seinen Preis: Beim dritten Gegentor kombinierten sich die Spanier „erstaunlich mühelos mit zwei Pässen durch das Zentrum“. Tuchel selbst räumte ein, seine Spieler seien „von all dem Einsatz müde“ geworden.

Die Zerrissenheit des Trainers

Der interessanteste Teil der SZ-Analyse betrifft Tuchels eigene Positionsbestimmung – und die hat sich innerhalb eines Jahres zweimal verschoben.

Bei seiner Vorstellung kündigte er einen Stil an, der den Volldampf-Fußball der Premier League widerspiegeln sollte. Nach dem WM-Aus kamen ihm Zweifel: Ballbesitz spiele in schwierigen Situationen eine „entscheidende Rolle“, sagte er damals, und stellte in den Raum, dass dies womöglich weniger in der englischen als in der spanischen DNA verankert sei. Vor dieser Länderspielperiode argumentierte er wieder anders: Er müsse seinen Wunsch nach Kontrolle vielleicht „zurücknehmen“, damit die eigenen Stärken stärker zum Vorschein kämen.

Die SZ ordnet ihn dabei als pragmatischen Trainertyp ein – anders als Jürgen Klopp oder Pep Guardiola passe er seinen Stil dem Kader an, nicht umgekehrt. Was seine bisherigen Mannschaften ausgezeichnet habe, sei allerdings eine Grundstabilität gewesen. Genau die fehlt bislang.

ESPN fasst den Auftrag so zusammen: Tuchel wurde verpflichtet, um „Englands größte Frage zu beantworten: Wie gewinnt man?“ Um die Antwort ringt er noch.

Die Palmer-Absage

Für die größte Unruhe sorgte etwas anderes. Cole Palmer, ins Aufgebot berufen, sagte kurzfristig ab – angeblich ebenfalls wegen einer Verletzung. Der Offensivspieler hatte zuvor in sämtlichen Pflichtspielen des FC Chelsea mitgewirkt. Das nährt laut SZ Spekulationen, Palmer könnte auf diese Weise seinen Frust über die Nicht-Nominierung zur WM ausgedrückt haben.

Tuchels Kommentar zum 24-Jährigen fiel knapp und deutlich aus: „Er verpasst zu viele Gelegenheiten.“

Ohnehin konnte der Trainer nicht auf die gewohnte Kadertiefe zurückgreifen; verletzungsbedingt fehlten unter anderem Declan Rice, John Stones und Marcus Rashford. Die einzige echte Überraschung in der Aufstellung war James Trafford, der anstelle von Jordan Pickford im Tor begann.

Die Serie, die das Problem beziffert

Eine Zahl fasst Englands Lage zusammen: Von den vergangenen 15 Partien gegen Nationen aus den Top Ten der Weltrangliste haben die Three Lions nur sechs gewonnen. Für das Mutterland des Fußballs ist das die eigentliche Bilanz hinter allen Einzelanalysen.

Tuchel blieb bei seiner Linie: „Unsere Leistung war gut genug, um die Spanier zu schlagen – das Ergebnis hat es allerdings nicht bestätigt.“ In den kommenden Partien gegen Tschechien und Kroatien geht es um die Qualifikation für die K.-o.-Runde der Nations League. Es sind zwei weitere Gelegenheiten, die Balance zu finden, die er seit seinem Amtsantritt sucht.

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