Tuchel unter Druck: „Defensively Not Able“ – Wie Englands Presse nach der Spanien-Niederlage austeilt | OneFootball

Tuchel unter Druck: „Defensively Not Able“ – Wie Englands Presse nach der Spanien-Niederlage austeilt | OneFootball

In partnership with

Yahoo sports
Icon: 90PLUS

90PLUS

·27. September 2026

Tuchel unter Druck: „Defensively Not Able“ – Wie Englands Presse nach der Spanien-Niederlage austeilt

Artikelbild:Tuchel unter Druck: „Defensively Not Able“ – Wie Englands Presse nach der Spanien-Niederlage austeilt

London. Am Morgen nach der Niederlage gegen den Weltmeister war die Schlagzeile des Telegraph die härteste – und die eleganteste. „England findet seine DNA: Defensively Not Able“, titelte die Zeitung. Ein Wortspiel, das keine Übersetzung überlebt und trotzdem alles sagt: Die drei Buchstaben der englischen Fußball-Identität stehen laut Telegraph für „defensiv nicht in der Lage“.

Es ist bemerkenswert, wen die englische Presse nach dem 2:3 gegen Spanien vor allem in die Pflicht nimmt. Nicht in erster Linie Thomas Tuchel.


OneFootball Videos


Der Befund: die Abwehr, nicht der Trainer

Sport1 fasst die Lage so zusammen: Tuchel sei „zumindest als Hauptverantwortlicher in weiten Teilen der englischen Presse nicht ausgemacht“ worden – vielmehr geriet „die teils chaotische Abwehrleistung“ in die Kritik.

Der Auslöser ist schnell erzählt. Nach 100 Sekunden verlor Marc Guéhi als letzter Mann den Ball an Lamine Yamal, der zum 0:1 einschob. Es war laut Opta das drittschnellste Gegentor, das England je in Wembley kassiert hat. Das 2:2 und das 2:3 fielen nach der Einwechslung zweier spanischer Joker in der 55. Minute – Álex Baena und Mikel Oyarzabal. Dazwischen hatte England durch Anthony Gordon und Harry Kane die Partie gedreht.

Wo Tuchel doch getroffen wird

Ganz verschont bleibt er nicht. Die Daily Mail formuliert einen Vorwurf, der über dieses Spiel hinausweist: „Thomas Tuchel entwickelt eine unglückliche Angewohnheit – eigentlich sollte es sein besonderes Merkmal sein, England über die Ziellinie zu schleppen, doch er war erneut machtlos, als Spanien den Klassenunterschied deutlich machte.“ So machtlos wie im WM-Halbfinale gegen Argentinien habe er sich auch gegen Spanien präsentiert.

Das ist der Kern der Kritik: nicht mangelnde Qualität, sondern fehlender Zugriff in den Spielen, in denen ein Trainer den Unterschied machen soll.

Die BBC zielt grundsätzlicher: „England gibt sich dem Chaos hin – aber es benötigt Kontrolle, um die großen Preise zu gewinnen.“ Das Spanien-Spiel habe deutlich gemacht, dass dieses Team so nie am Ziel ankommen werde.

Tuchels eigene Lesart

Der Bundestrainer – beziehungsweise, in England, der Nationaltrainer – sah es zweigeteilt. „Es war ein furchtbarer Start, der schlechteste Start, den man sich vorstellen kann, was es gegen eine Mannschaft wie diese so schwer macht“, sagte er. „Die Reaktion war sehr gut. Nach zehn bis zwölf Minuten waren wir die bessere Mannschaft, aber wir haben zu viele Fehler gemacht.“

Und zur entscheidenden Szene, Harry Kanes verschossenem Elfmeter beim Stand von 2:1: „Hätten wir den Elfmeter verwandelt, hätte das der entscheidende Moment sein können. Der Einsatz und die Qualität waren heute Abend da, aber das Ergebnis spiegelt das heute nicht wider.“

Kane selbst lieferte die präziseste Selbstkritik: „Wir haben bei der Weltmeisterschaft ein gutes Niveau erreicht, konnten aber nicht über die gesamten 90 Minuten konstant gute Leistungen abrufen. Heute war es dasselbe.“

Das Muster hinter dem Muster

Genau dieser Satz ist die Verbindung zwischen den Pressestimmen. Die Daily Mail verweist auf das WM-Halbfinale, Kane auf die WM insgesamt, die BBC auf die fehlende Kontrolle. Es geht nicht um ein Spiel, sondern um eine Wiederholung.

Tuchel hatte sein Amt am 1. Januar 2025 angetreten, mit dem klaren Auftrag WM-Titel. Es wurde Platz drei. Vor seinem ersten Spiel hatte er Gareth Southgates EM-Kampagne öffentlich abgerechnet: Die Mannschaft habe „mehr Angst, aus dem Turnier auszuscheiden“ gehabt als Hunger auf den Sieg, es habe an „Identität, Klarheit, Rhythmus“ gefehlt. Lothar Matthäus kommentierte das damals mit dem Hinweis, Southgate sei immerhin zweimal in einem EM-Finale gestanden – „und das muss Tuchel erstmal schaffen“.

Nach diesem Abend liest sich Tuchels eigene Kritik anders. Die Begriffe, die er Southgate abgesprochen hat, wirft die englische Presse nun seiner Mannschaft vor.

Die Einordnung

Bei aller Schärfe: England hat gegen den amtierenden Weltmeister verloren, der seit 39 Spielen ungeschlagen ist, auswärts wäre das Ergebnis kaum anders bewertet worden. Anthony Gordon sagte nach dem Spiel: „Wäre der Elfmeter reingegangen, hätten wir meiner Meinung nach gewonnen. Ich denke, man hat heute Abend gesehen, dass wir eine Spitzenmannschaft sind.“

Das ist die optimistische Lesart. Die pessimistische steht im Telegraph, und sie hat nur drei Buchstaben. Am 29. September empfängt England Tschechien – ein Spiel, in dem die Abwehr beweisen kann, dass die Schlagzeile ein Wortspiel war und kein Befund.

Impressum des Publishers ansehen