Rund um den Brustring
·16. Juli 2026
Verein für Boom

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·16. Juli 2026

Wenn der VfB heute in die Vorbereitung auf die anstehende Bundesliga-Saison einsteigt, geht es ihm sportlich und wirtschaftlich so gut wie lange nicht mehr. Umso wichtiger ist es, jetzt die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
Es ist immer noch erst etwas mehr als drei Jahre her, dass der VfB nach der zweiten Katastrophensaison in Folge in den Abgrund der zweiten Liga und die damit verbundenen finanziellen Schwierigkeiten blickte, vom zu erwartenden sportlichen Aderlass ganz zu schweigen. Die Entwicklung, die man in Bad Cannstatt seitdem genommen hat, ist enorm: Anfang des Monats überholte Trainer Sebastian Hoeneß seinen Vorgänger Felix Magath in der Länge der Amtszeit und ist seitdem nicht nur aktuell dienstältester Trainer der Bundesliga, sondern auch der VfB-Trainer in der Bundesligageschichte mit dem längsten Engagement — und alles spricht dafür dass er seinen Vorsprung weiter ausbaut, auch wenn er an Schorsch Wurzer, der den VfB in den 50ern zu zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiegen führte und dessen Nachfolger Kurt Baluses so schnell wohl nicht vorbei kommen wird. Der VfB hat sich vom heißen Trainersitz — nimmt man einmal die Amzszeit von Pellegrino Matarazzo aus — zu einem Sinnbild der Beständigkeit gewandelt.
Auch im Kader scheinen die großen Veränderungen vorerst auszubleiben, auch wenn das Transferfenster natürlich noch sechs Wochen geöffnet ist und gerade die Vereine der Premier League jetzt erst anfangen, das Kleingeld aus der Portokasse zu kramen. Vor einem Abgang im Stile Nick Woltemades ist man zwar nicht gefeit, ähnlich wie in der vergangenen Saison ist der VfB aber auch nicht darauf angewiesen, einen Spieler wie beispielsweise Bilal El Khannouss, der mit der marokkanischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft für Aufsehen sorgte, zu verkaufen. Auch wenn es sicherlich ratsam wäre, ein bisschen besser auf einen Transfer vorbereitet zu sein und sich nicht erneut eine Posse wie die um den Südkoreaner Oh zu leisten. Die Ausstiegsklausel von Angelo Stiller ist nach Medienberichten bereits ausgelaufen, auch hier hat der VfB es in der Hand, den Spieler wenn dann nur zu eigenen Konditionen abzugeben. Sportlich ist man aktuell also derart gut aufgestellt, dass man es sich zutraut, die Verantwortung fürs Toreverhindern in Liga, Pokal und Champions League in die Hände eines 20jährigen Torhüters aus dem eigenen Stall zu geben — auch das hat es, ähnlich wie die Amtszeit von Sebastian Hoeneß, in Stuttgart lange nicht gegeben. Neu im Kader ist mit Grischa Prömel vor allem ein Spieler, der die Mannschaft mit bestimmten Aspekten ergänzen soll, auch wenn er natürlich als Führungs- und nicht als Ergänzungsspieler vorgesehen ist. Da scheint es fast zweitrangig, ob man sich mit Absteiger VfL Wolfsburg noch auf eine vertretbare Ablöse für Stürmer Dženan Pejčinović einigen wird: Die Mannschaft von Sebastian Hoeneß scheint nach der dritten Europapokalqualifikation und dem zweiten Pokalfinale in Folge auch so gut genug aufgestellt.
Der Verein für Bewegungsspiele ist im Juli 2026 auch ein Verein für Boom. Da können scheinbar nicht einmal die Krise der hiesigen Autobauer und die Gerüchte um Einsparungen beim Investor von der anderen Straßenseite oder dem aus Zuffenhausen die Stimmung trüben. Die Millionen für die Anteile sind ohnehin schon überwiesen und teilweise ausgegeben und auch für die verschiedenen Marketing-Häppchen, die sich die VW-Tochter gesichert hat, findet man in der aktuellen sportlichen Situation mit Sicherheit lukrative Abnehmer — vielleicht ja sogar jemanden, der dem Stadion, wie an anderen Standorten geschehen, seinen traditionsreichen Namen zurückgibt? Wie auch immer, wirtschaftlich sieht man sich beim VfB mittlerweile bestens aufgestellt, was nicht nur mit dem Kader zu tun hat, den man nicht mehr aus finanzieller Not schwächen muss, sondern auch an der erneuten Champions-League-Teilnahme und den steigenden Umsätzen in allen Bereichen. Hinzu kommt, dass die Gremienarbeit des eingetragenen Vereins, aber auch der AG derart geräuschlos abläuft, dass man abgesehen von einigen sinnvollen Satzungsänderungen davon ausgehen muss, dass auch die Mitgliederversammlung in zehn Tagen relativ geräuschlos über die Bühne gehen wird. Auch für den Preis, dass die Musik derzeit nur noch in der ausgegliederten AG spielt, in dessen Aufsichtsrat mit Tanja Gönner und Alexander Kläger weiterhin zwei Personen sitzen, die dort als Vertreter des e.V. nichts mehr zu suchen haben.
Dabei kommt dem Aufsichtsrat in der näheren Zukunft durchaus eine gewichtige Rolle zu. Denn das Fußballgeschäft verharrt natürlich nicht in der Gegenwart. Noch vor der Weltmeisterschaft konnte Fabian Wohlgemuth mit Zustimmung des Kontrollgremiums den Vertrag von Deniz Undav langfristig und lukrativ verlängern, was in der Mannschaft einen Dominoeffekt auslösen könnte. Mit Ramon Hendriks laufen derzeit die Verhandlungen mit dem ersten von vielen Akteuren, deren Vertrag 2028 ausläuft, die also nach der anstehenden Saison eine Entscheidung über ihre Zukunft treffen müssen. Andere werden folgen und dabei genauso wie Hendriks den eigenen Wert für den Erfolg der Mannschaft mit einem Blick aufs Girokonto abgleichen. Gleichzeitig gilt, wie schon George Harrison wusste: all things must pass. Auch die aktuelle Erfolgswelle, der Boom wird in der derzeitigen Form nicht anhalten. Die erste Leistungsdelle nach der Vizemeisterschaft hat der VfB bereits erfolgreich gemeistert, jetzt geht es darum, den Club so aufzustellen, dass die nächste Delle — die unweigerlich kommen wird — nicht so tief wird wie nach den letzten Erfolgen Ende der Nullerjahre. Angesichts der Konkurrenz der beiden Großclubs und jetzt nur noch drei wettbewerbsverzerrenden Firmentöchtern wird es weiterhin keine Selbstverständlichkeit sein, dass wir in der Champions League spielen. Vereine wie Freiburg und Frankfurt haben aber gezeigt, dass man sich nachhaltig in der Reichweite der europäischen Plätze etablieren kann, auch ohne schier endlose finanzielle Reserven. Auf das Erreichte kann man beim VfB stolz sein, aber mit dem Erfolg werden die Herausforderungen nicht kleiner.
Titelbild: © Sona Maleterova/Getty Images







































