REAL TOTAL
·18. März 2026
Von Pfiffen zur Schlüsselrolle: Tchouaméni und die Kunst der Konstanz

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·18. März 2026

Seit über einem Jahr glänzt Aurélien Tchouaméni durch Beständigkeit – Foto: Carl Recine/Getty Images
An diesem 16. Januar war das Publikum im Estadio Santiago Bernabéu wütend. Sehr wütend. Auf die ganze Mannschaft von Real Madrid, die sich nur wenige Tage zuvor im Finale der Supercopa der España vom FC Barcelona mit 5:2 hat vorführen lassen. So entlud sich der Frust der Fans noch vor Beginn des Achtelfinals der Copa del Rey gegen Celta in gellenden Pfiffen, allerdings nicht gegen alle. Bereits beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung wurde bei einem Namen besonders laut gepfiffen und gebuht und das Spielchen setzte sich während der ersten Halbzeit fort – bei jedem Ballkontakt wurde Aurélien Tchouaméni laut und gnadenlos vom eigenen Anhang ausgepfiffen. Der Franzose wurde als der Hauptverantwortliche für die Blamage im Final-Clásico, in dem der Mittelfelfspieler notgedrungen wieder einmal als Innenverteidiger aushelfen musste und dabei, wie der Rest des Teams, keine gute Figur gemacht hatte, ausgemacht.
Pfiffe im Bernabéu sind selten leise. Und sie verhallen nicht schnell. Die Frage war nicht, ob Tchouaméni sie hörte, sondern, was er daraus machen würde und noch viel mehr – was sie aus ihm machen würden. Oft sind dies, gerade bei Real Madrid und gerade im Bernabéu Momente, in denen Karrieren kippen. Viele wären daran zerbrochen, viele sind schon in der Vergangenheit daran zerbrochen. Tchouaméni nicht. Im besagten Copa-Spiel gegen Celta lieferte er eine blitzsaubere Partie, sodass in der zweiten Halbzeit aus Pfiffen immer mehr und öfter Applaus wurde.
Sowohl auf als auch neben dem Platz war die Reaktion des heute 26-Jährigen bemerkenswert unaufgeregt. Keine öffentliche Rechtfertigung, keine sichtbare Emotionalität, keine Beschwerden, sondern Arbeit, Leistung und Konstanz. Heute, 14 Monate später ist Aurélien Tchouaméni einer der stillen Leader Real Madrids, auf und immer mehr auch neben dem Platz. Was auch nicht zuletzt am Dienstagabend im Etihad Stadium zu Manchester beim Sieg seiner Mannschaft im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League bei Manchester City (2:1) eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Nicht nur aufgrund von Zahlen war Tchouaméni in England der beste Madrilene, und die Zahlen sind schon sehr beeindruckend: Eine Vorlage, zwei Key-Pässe, eine herausgespielte Großchance, 45 von 48 seiner Pässe waren erfolgreich, gleichermaßen in der eigenen wie in der gegnerischen Hälfte – jeweils zu 94 Prozent. Gerade im Umgang mit dem Ball kann man am besten Tchouaménis Wandel feststellen: Früher suchte er unter Druck oft die schnelle, einfache Lösung, wirkte dabei häufig gehetzt und überhastet, unsicher. Heute behält er den Ball, hebt den Kopf und wählt den besten Pass.
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Wo früher Sicherheit im Vordergrund stand, erkennt man nun vermehrt Progression. Er spielt vertikaler, erkennt Räume früher und nutzt sie effizient. Dabei bleibt sein Ansatz pragmatisch: Keine unnötigen Risiken, aber auch keine verpassten Chancen, das Spiel zu beschleunigen. Tchouaméni ist kein Spieler, der ein Spiel dominiert, sondern einer, der es mittlerweile stabilisiert. Und genau das macht ihn für Real Madrid so wertvoll, denn in der vergangenen und einigen Phasen der aktuellen Saison war genau dies eine große Schwäche im Spiel der Königlichen.
Defensiv gehört Tchouaméni in dieser Saison ohnehin zu den zuverlässigsten Mittelfeldspielern Europas. Seine Stärke liegt weniger in der Aggressivität als in der Prävention: Er verhindert Duelle, bevor sie entstehen, und gewinnt sie, wenn sie unvermeidbar sind, meist sauber und ohne Foulspiel. So auch in Manchester, wo er gelb vorbelastet spielte – wie schon im Hinspiel sowie in beiden Partien der Playoffs gegen Benfica. In allen vier K.o.-Duellen kam der Franzose ohne Gelb aus und wird auch im Viertelfinale zur Verfügung stehen.
Gefühlt hat Tchouaméni seit dem Copa-Spiel gegen Celta im Januar 2025 kein wirklich schlechtes Spiel mehr gemacht. Seitdem wurde, gerade in der laufenden Spielzeit, im Bernabéu mehrere Male laut gegen die eigenen Spieler gepfiffen, doch der Sündenbock von damals gehörte nicht mehr dazu. Bereits in der Rückrunde 2025/26 stabilisierte sich der ehemalige Monaco-Spieler auf einem ziemlich hohen Niveau, das er dann unter Xabi Alonso noch weiter steigern konnte. Unter dem baskischen Coach hat sich Tchouaméni endgültig zu einem unverzichtbaren Leistungsträger entwickelt. Vom ersten Tag an bezeichnete dieser ihn als „eine tragende Säule“, und innerhalb weniger Wochen hatte sich der Franzose zum Dreh- und Angelpunkt des hohen Pressings der Mannschaft entwickelt.
Obwohl der französische Nationalspieler eindeutig zur Fraktion der Xabi-Fans in Reals Mannschaft zuzuordnen ist, macht er auch unter Alonso-Nachfolger Álvaro Arbeloa unverändert weiter: Er ist kein defensiver Mittelfeldspieler mehr, der in der eigenen Hälfte wartet, sondern der erste Balleroberer, der Mann, der nach vorne drängt, der die Umschaltphasen nach Balleroberungen anführt und den vertikalen Pass spielt, der den Angriff einleitet.
Diese Veränderung hat taktische Gründe. Unter Ancelotti verteidigte die Mannschaft noch tiefer, sodass Tchouaméni zu viele Meter zurücklegen musste, wodurch er bei Drehungen und Vorstößen ungeschützt war. Unter Alonso und auch aktuell unter Arbeloa steht die Abwehrreihe in der Regel höher, außerdem wählt der Franzose nun seine Zweikämpfe besser aus, bringt seinen Körper in Position, um den Ball zu erobern, und leitet dann den Pass nach vorne weiter. Er ist nicht mehr ein reiner defensiver Mittelfeldspieler, jetzt ist er meist der Ausgangspunkt für alle Spielzüge der Königlichen. Er verteidigt näher am Gegner, erobert den Ball früher zurück und schlägt mit größerer Durchschlagskraft zu.
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Tchouaménis Entwicklung lässt sich auch an statistischen Daten ablesen. So kam er in seiner ersten Saison auf durchschnittlich 1,7 Balleroberungen pro Spiel, in der laufenden Spielzeit liegt er bereits bei über 2,4. Seit über einem Jahr ist er zudem der Real-Spieler, der die meisten Fouls kassiert – ein Indikator dafür, dass die Gegner ihn bereits als jemanden identifizieren, den sie um jeden Preis stoppen müssen. Und vielleicht liegt darin die wahre Wandlung: Tchouaméni hat nicht nur seine Zahlen verändert, sondern auch die Wahrnehmung, die man von ihm hat. Von Pfiffen zu Ovationen, von Zweifeln zu Führungsstärke. Der Mittelfeldspieler, der einst wie ein schwaches Glied wirkte, ist heute das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff, der Spieler, der den Takt eines im Aufbau befindlichen Real Madrids vorgibt.
Und der auch neben dem Platz immer mehr Verantwortung übernimmt und an Profil gewinnt. So ist der im französischen Rouen geborene Athlet immer mehr und öfter an den Mikrofonen vor oder nach den Spielen zu sehen und zu hören, wobei selten leere Floskeln zu hören sind. So redete er bereits im vergangenen Dezember vor dem Heimspiel gegen ManCity die Krise, in der sich die Königlichen damals längst befanden, keineswegs schön, sondern legte den Finger in die Wunde: „Wenn wir Spiele nicht gewinnen, dann liegt das daran, dass wir Dinge besser machen müssen – mit und ohne Ball, mit dem Einsatz von allen, defensiv und offensiv. Wir hoffen, dass wir besser werden und mehr Spiele gewinnen, denn das, was momentan ist, ist nicht hinnehmbar. Gegen Vigo fehlte uns die Intensität und in vorherigen Spielen auch. Wenn wir ohne die maximale Intensität spielen, wird es schwierig sein, Spiele zu gewinnen. Wir müssen verstehen, dass wir das Maximum geben müssen. Gegen Vigo haben wir das nicht getan, gegen City müssen wir das tun.“
Seit Monaten beweist Aurélien Tchouaméni, dass er nun Verantwortung für das gesamte Team trägt, nicht nur in seiner eigenen Rolle. Vor allem in schwierigen Momenten und in der Art, wie er seine Teamkollegen mitzieht, Autorität zeigt, anstatt sie nur zu verkünden. So hat sich den stillen Respekt der Mannschaft , aber auch der Fans verdient und ist von einem Hoffnungsträger, an dem zwischendurch erheblich gezweifelt wurde, zu einem unverzichtbaren Spieler geworden, der längst nicht an seinem Zenit angelangt ist. Denn letztendlich gehört der Fußball nicht immer denen, die am hellsten strahlen, sondern denen, die lernen, durchzuhalten.
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