Borussia Dortmund
·3. Februar 2026
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·3. Februar 2026
Mit welchen Zielen, Wünschen und Vorsätzen bist Du ins Neue Jahr gegangen?Sowohl ich persönlich, aber auch wir als Mannschaft haben uns eine Punktemarke gesetzt. Wir wollen das Bestmögliche aus der Saison herausholen. Dafür ist es wichtig, dass wir in jedem Spiel die beste Leistung bringen.
Verrätst Du uns diese Punktemarke? Eigentlich kann ich das machen. Wir haben die Saison in Blöcke aufgeteilt. In jedem Block brauchen wir vier Siege, um die Punkte zu erreichen. Wie viele das sind, kann sich dann ja jeder selbst ausrechnen (lacht).
Wenn man dem Boulevard Glauben schenken darf, habt Ihr nach dem unglücklichen Ausscheiden im DFB-Pokal gar keine Ziele mehr in dieser Saison… Im DFB-Pokal ist es mit dem Ausscheiden gegen Leverkusen sehr, sehr bitter gelaufen. Wir hatten uns tatsächlich das Ziel gesetzt, das Ding zu holen. Die Wahrscheinlichkeit, den Pokal zu gewinnen, ist eben höher als in den anderen beiden Wettbewerben, weil die Anzahl der Spiele viel geringer ist. Aber die Saison ist deshalb ja nicht gelaufen, wir haben weiter ambitionierte Ziele. Ohne Glaube in die Spiele zu gehen, wäre der falsche Weg. Unser Ziel ist es zunächst, dass wir die nächsten Spiele gewinnen, dass wir unsere beste Leistung bringen – und alles andere wird man am Ende sehen.
Mit der Mär, dass der Arbeitstag eines Fußballprofis nach 90 Minuten Training beendet ist, ist ja schon seit langem aufgeräumt worden. Wie sieht ein typischer Wochentag bei Dir aus? Wenn ich nicht die Kinder zur Kita bringen muss, ist das schonmal ein Riesenvorteil für mich, weil ich dann eine halbe Stunde länger schlafen kann und dennoch recht früh beim Training sein muss. Wenn du älter wirst, ist es entscheidend, dass du gut regenerierst, gut aktivierst – und dann hast du dein Training und musst anschließend nachbereiten, Kraftübungen machen, Regenerationsübungen, Behandlungen. Das kommt alles dazu. Hört sich zwar einfach an, aber es ist wirklich zeitaufwändig. Es gibt aber keinen Grund, sich zu beschweren. Es ist alles genau so, wie man es sich als Kind vorgestellt hat. Natürlich muss man viel investieren, damit man die bestmögliche Leistung auf den Platz bringen kann.
Die Krönung ist es dann, am Samstag vor über 81.000 Fans im SIGNAL IDUNA PARK aufzulaufen? Auch wenn ich jetzt schon einige Spiele hinter mich gebracht habe: Es ist ein unglaubliches Gefühl, vor den Fans zu spielen. Ich muss immer an die ersten Spiele denken bei solchen Sachen. So richtig spüren, was das eigentlich bedeutet hat, werde ich wahrscheinlich erst, wenn die Karriere irgendwann vorbei sein sollte.
Du hast Dein Abitur mit den Leistungskursen Biologie und Mathematik gebaut. Bist Du immer noch ein Freund der Zahlen? Ja, und ich freue mich schon, dass ich meinen Kindern ein bisschen helfen kann, wenn sie die ersten Stunden in Mathe haben. Ich hoffe, dass ich es noch drauf habe, denn es ist schon sehr lange her. Ich hatte es immer schon irgendwie im Blut, sag ich mal, mit Zahlen zu rechnen, etwas mit Zahlen zu machen. Mathe ist mir immer sehr leichtgefallen.
Dann spielen wir mal ein bisschen mit Zahlen. Wie hoch war Deine beste Zweikampfquote in dieser Saison? 84 Prozent.
Eine gute Frage. Hilf mir bitte.
Ich tippe auf Heidenheim.
150 Kilometer Luftlinie vorbei – München war es. In welchem Spiel hast Du die meisten Torschüsse abgefeuert? Ich glaube Köln, oder?
Richtig. Drei Schüsse, leider keiner davon drin. Karim Adeyemi ist über 35 km/h schnell. Welches Tempo erreichst Du? 33! (Anm. d. Red.: Richtig! In der Partie gegen Köln wurden bei Waldemar Anton in der Spitze 32,8 km/h gemessen).
Das ist auf dem Papier kaum langsamer als das Tempo eines Supersprinters. Oder sind zwei km/h auf dem Platz ein Riesenunterschied? Nein, überhaupt nicht. Als Innenverteidiger hat man ja auch eine andere Position. Wenn man nicht unbedingt von einer Linie aus zusammen losläuft, dann ist man als Innenverteidiger im Vorteil, weil man antizipiert, wo man stehen muss, wie man zum Ball läuft. Denn da ist ja immer noch ein Ball im Spiel ...
Die meisten Ballkontakte in einem Spiel hattest Du bisher gegen …? Boah, das sind echt gute Fragen. Darüber habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Die meisten Ballkontakte waren gegen Union, oder?
Heidenheim. Stimmt, da waren wir auch einer mehr. (Anm. d. Red.: Heidenheims Budu Zivzivadze sah bereits in der 22. Spielminute die Rote Karte.)
Haben sich als rechter oder zentraler Mann einer Dreierkette die Anforderungen als Aufbauspieler erhöht im Vergleich zur Innenverteidigung in einer Viererkette? Nicht wirklich. Systemtechnisch ist es zwar ein bisschen anders, aber die Aufgaben sind zunächst gleich für den Innenverteidiger: Er muss in erster Linie verteidigen.
Wo spielst Du lieber: rechts oder in der Mitte der Dreierkette? Beide Positionen mag ich sehr, aber wenn ich es mir aussuchen könnte, dann wäre es zentral. Weil man von der Position noch mehr steuern kann, mehr sprechen kann mit den Jungs. Das ist sehr, sehr wichtig in vielen Situationen im Spiel. Vor allem, dass man dann mit beiden Sechsern kommunizieren kann und nicht nur mit einem – wenn es überhaupt möglich ist. Manchmal ist das schwierig wegen der Kulisse, wegen der Atmosphäre.
Abwehrspieler galten zu Zeiten eines Jürgen Kohler als Klopper. Wir haben jedoch nur ein Bundesligaspiel in dieser Saison gefunden, in dem von Dir mehr als ein einziges Foul gepfiffen wurde: zwei waren es in Augsburg. Ist es Anweisung des Trainers, dem Gegner so wenige Freistöße wie möglich zu geben? Nein, überhaupt nicht. Wir haben sehr, sehr gute Innenverteidiger hier bei Borussia Dortmund. Von jedem ist es das Ziel, den Ball zu gewinnen und im Spiel zu behalten. Ob Anzahl der Zweikämpfe, der Ballkontakte, der Schüsse – Deine persönlichen Leistungsdaten variieren von Spiel zu Spiel deutlich je nach Gegner.
Auffällig ist dagegen: Die zurückgelegte Laufdistanz bewegt sich in einem Korridor von 500 Metern zwischen 11,1 und 11,6 Kilometern pro Spiel. Hast Du eine Erklärung dafür? Das hat sich tatsächlich extrem verändert im Vergleich zu früher. Wir wollen möglichst viel Ballbesitz haben – und heutzutage müssen auch die Innenverteidiger das Spiel eröffnen können. Dazu ist es wichtig, dass man sich freiläuft. Auch wenn man dann den Ball oft nicht kriegt, ist das sehr wichtig, weil dann andere Räume aufgehen. Das sind dann die Meter, die man macht mit Ball und gegen den Ball. Und es ist auch das Spiel, das wir so spielen: vorwärts zu verteidigen, drauf zu bleiben, nicht abzuwarten, schon Mann gegen Mann zu spielen. Dadurch kommen dann die Kilometer zustande.
Anmerkung: Das Interview wurde bereits Anfang Dezember geführt, somit waren die Bundesliga-Spieltage eins bis zwölf die Grundlage für diese Leistungsdaten.
In seinem ersten BVB-Jahr hatte Waldemar Anton weniger Kilometer auf dem Tacho. Gründe waren u.a. zwei Muskelfaserrisse hintereinander, die ersten schwereren Oberschenkel-Blessuren in seiner zehnjährigen Profi-Karriere. Ausgerechnet in einer Phase, in der Borussia Dortmund in der sich zuspitzenden Krise die Erfahrung und Führungsqualitäten des aus Stuttgart gekommenen VfB-Kapitäns hätte gut gebrauchen können. Das hat sich mit Beginn dieser Spielzeit komplett gedreht. „Egal, ob rechts in der Innenverteidigung, ob zentral, wo er noch mehr Verantwortung trägt – er ist die totale Konstante“, sagt Niko Kovac über Waldemar Anton.
Wie wichtig ist es für Dich, dass Dir Niko Kovac das absolute Vertrauen schenkt? Vertrauen ist für einen Spieler sehr wichtig. Dass man immer spielen will, kommt nicht von irgendwo, dafür muss man auch mental bereit sein und natürlich auch viel an sich arbeiten. Die letzte Saison lief vor allem zu Beginn nicht ganz so, wie wir uns das alle gewünscht hätten. Weder für uns als Team noch für mich persönlich. Klar, manchmal kommt dann auch Pech dazu, aber ehrlich gesagt, glaube ich daran nicht so. Ich denke vielmehr, dass es auf die Leistung ausschlägt und damit auf die Frage, ob man spielt oder nicht, wenn man hart an sich arbeitet. In der Endphase der Runde wurde es dann ja deutlich stabiler und wir haben dank einer starken Aufholjagd und deutlicher Leistungssteigerung noch die Champions-League-Quali geschafft. Das war enorm wichtig. Wir haben grundsätzlich eine gute Stimmung in der Mannschaft, wo jeder an seine Leistungsgrenze geht – im Training, in den Spielen. Du kannst dich nicht ausruhen, weil hinter dir ein Spieler ist, der auch spielen möchte. Das ist entscheidend. Nur so werden wir dann besser.
Arbeiten. Alles hart erarbeiten. Das haben ihm die Eltern vorgelebt. Waldemar Anton wurde am 20. Juli 1996 in Olmaliq in der ehemaligen Sowjet-Republik Usbekistan als Wladimir Anton geboren. Seine Eltern sind Russlanddeutsche, die 1998 als Spätaussiedler mit ihrem Sohn nach Hannover zogen. Waldemar, der zu Beginn seiner Kindergartenzeit kaum Deutsch sprechen konnte, besuchte das Gymnasium und legte die Abiturprüfung mit den Leistungskursen Mathematik und Biologie erfolgreich ab. Sein Spitzname lautet „Waldi“, sein eigentlicher Rufname ist „Wowa“. Anton bezeichnet sich selbst als „Straßenfußballer“ und hat in einem Interview mit der Sport-Bild berichtet: „Wir haben über einem Dönerladen gewohnt. Die Fahrradständer davor haben wir zu Toren umfunktioniert und drei gegen drei gespielt. Am Ende hat der Gewinner einen Döner bekommen.“ Als Siebenjähriger spielte er erstmals im Verein, 2008 – im Alter von zwölf Jahren – wechselte er in die Nachwuchsabteilung von Hannover 96. Im August 2015 absolvierte er kurz nach seinem 19. Geburtstag sein erstes Spiel in der Regionalliga, knapp ein Jahr später feierte er sein Debüt in der zweiten Bundesliga. 2017 gelang der Aufstieg in die Bundesliga. Im Sommer 2018 wurde er vom damaligen Trainer André Breitenreiter zum Kapitän bestimmt und war damit kurz nach seinem 22. Geburtstag der jüngste Spielführer in der Bundesliga.
Du bist vor 27 Jahren als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen. Was hat Dich geprägt? Was waren Momente, über die Du heute sagst, sie waren richtungsweisend? Zu sehen, wie meine Eltern sich hier alles aufgebaut haben: Das mitzubekommen, war wohl das Wichtigste als Kind. Meine Mutter hat mir gesagt, dass sie ohne Koffer hierhin gekommen sind; sie hatte keine Sachen von sich oder von mir oder von meinem Vater dabei. Und dann hast du als Kind schon den Gedanken, jetzt muss ich auch mal mithelfen. Das hat mich geprägt.
In Deinen ersten Monaten im Kindergarten sollst Du kaum ein Wort Deutsch gesprochen haben. Du schaffst es jedoch bis zum Abitur. Was würdest Du jungen Menschen mitgeben, die mit einem ähnlichen Hintergrund nach Deutschland kommen – gerade hier in Dortmund, wo die Nordstadt geprägt ist durch Einwanderung? Man muss einen Traum haben, und man muss an ihn glauben. Das ist dann immer etwas, woran man sich hochziehen kann, wenn es mal nicht so schön läuft. Und natürlich alles dafür zu tun, das zu erreichen, was du vorhast. Und es hilft, auf seine Eltern hören. Man will es zwar nicht immer wahrhaben, aber sie haben schon oft einen guten Rat. Auch ich habe natürlich Dinge gemacht, die vielleicht nicht so waren, wie von ihnen geraten. Dann fällt man halt mal hin. Beim zweiten Mal weiß man, okay, das kann ich jetzt nicht so machen, sondern die hatten doch recht. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht auch hilft, wenn du einen älteren Bruder hast oder eine ältere Schwester.
Bist Du mit Geschwistern aufgewachsen? Nein, ich habe keine Geschwister.
Hättest Du gerne welche gehabt? Ich hätte gerne welche gehabt, ja. Aber ich hatte dann Gott sei Dank immer ein paar ältere Freunde, die ein bisschen aufgepasst haben, die auch nicht so schöne Zeiten erlebt hatten.
Die Kindheit und das Fußballspielen vor der Dönerbude. Das sind Dinge, die bleiben für immer in meinem Kopf.
Und der Sieger hat einen Döner bekommen? Genau, das stimmt. Er hat immer einen leckeren Döner bekommen.
Fotos: Alexandre Simoes
Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.








































