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·24. Mai 2026
Wann kommt die Abschaffung der 50+1-Regel in der Bundesliga und 2.Liga?

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Die 50+1-Regel steht im deutschen Fußball so stark unter Druck wie selten zuvor. Eine Umfrage von Welt am Sonntag unter allen Bundesliga-Klubs zeigt, dass die jahrelang als Tabu geltende Debatte über Änderungen inzwischen deutlich offener geführt wird.

Yan Diomandé von RB Leipzig im Zweikampf beim Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Union Berlin in der Red Bull Arena in Leipzig am 24. April 2026. (Stuart Franklin / Getty Images)
Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Bundesliga im internationalen Wettbewerb behaupten kann, ohne ihre gewachsene Fankultur zu verlieren. Während Vereine und DFL auf der einen Seite nach mehr Kapital und Investitionsspielraum suchen, halten andere an Mitbestimmung, Tradition und der Kontrolle durch die Mitglieder fest.
Der Deutsche Fußball-Bund ist mit mehr als acht Millionen Mitgliedern in einem der rund 24.000 Fußballvereine der größte Einzelsport-Verband der Welt. Der Amateurfußball mit seinen vielen Ehrenamtlichen mobilisiert dem DFB zufolge mehr als zehn Millionen Menschen, in der Bundesliga strömen an jedem Wochenende bis zu 700.000 Zuschauer in die Stadien.
Kurz gesagt prägt keine Sportart Deutschland so sehr wie Fußball. Gleichzeitig ist der Sport längst ein Milliardenmarkt. Die 36 Klubs der ersten und zweiten Bundesliga verkauften in der Saison 2024/25 fast 21 Millionen Tickets und erzielten mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz, was einem Plus von fast acht Prozent gegenüber der Vorsaison entspricht. Im internationalen Vergleich reicht das aber nicht aus. Vor allem bei Gehältern und Ablösesummen, wie sie etwa in der Premier League bezahlt werden, verliert die Bundesliga weiter den Anschluss.
Als Hauptgrund gilt vielen Experten die 50+1-Regel, eine der umstrittensten Vorgaben im deutschen Profifußball. Sie schreibt vor, dass der Verein die Stimmenmehrheit an der Profiabteilung behalten muss. Eingeführt wurde sie Ende der 1990er-Jahre, als die Deutsche Fußball Liga Kapitalgesellschaften im Profibereich zuließ, zugleich aber verhindern wollte, dass die Klubs ihre Kontrolle an externe Geldgeber verlieren.
Die wirtschaftliche Lücke ist inzwischen groß. Zwischen 2014 und 2024 erhielt die Bundesliga im Vergleich zur internationalen Konkurrenz rund 15 Milliarden Euro weniger. Diese Zahl nannten die DFL-Chefs Steffen Merkel und Marc Lenz in der ARD-Doku „Inside Fußball“. Die Logik dahinter ist aus Sicht vieler Beteiligter klar. In Top-Ligen wie der Premier League fließen Investorengelder in großem Stil, Deutschland wird wegen 50+1 dagegen häufig gemieden. Auch deutsche Top-Talente zieht es deshalb ins Ausland.
Der DFL ist dieses Spannungsfeld bewusst. Einerseits will sie grundsätzlich an der Regel festhalten, andererseits sucht sie nach Wegen, das begrenzte Investitionskapital im harten Wettbewerb zu erweitern. Handlungsdruck entsteht zusätzlich durch das Bundeskartellamt, das aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs Wettbewerbsgleichheit bei den Vereinen einfordert und Nachbesserungen an der 50+1-Regel verlangt. Von den 36 angeschriebenen Vereinen antworteten nur 18.
Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung von Werder Bremen, beschreibt sich zwar als grundsätzlicher Anhänger von 50+1. Zugleich verweist er darauf, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im internationalen Fußball massiv verändert haben. Andere Ligen verfügten über deutlich größere Finanzierungsmöglichkeiten und Kapitalzugänge, während die Bundesliga den Wettbewerbsdruck seit Jahren spüre. Filbry fordert deshalb: „Wir brauchen eine ehrliche Bestandsanalyse von 50+1″.
Dazu gehöre, dass die derzeitige Ausgestaltung der Regel nicht so umgesetzt werde, wie es ursprünglich vorgesehen gewesen sei. Ausnahmen und Sonderfälle hätten in der Vergangenheit zu Recht Fragen nach Fairness, Konsistenz und Akzeptanz aufgeworfen. Es reiche nicht, die Debatte ideologisch zu führen. „Es brauche kein Ende der Regel, sondern eine ehrliche und moderne Weiterentwicklung. Die Diskussion über alternative Modelle oder größere Entscheidungsfreiheit der Clubs müsse sachlich und ergebnisoffen geführt werden.“
Der 1. FC Köln hält dagegen. Vizepräsident Jörg Alvermann erklärt: „Die Regel ist für uns das Fundament für Mitbestimmung, Fanakzeptanz und Unabhängigkeit.“ Eine Alternative sehe der Klub nicht. „Wir verfolgen einen selbstbestimmten und investorenfreien Weg. Das Ziel ist die Steigerung der eigenen Ertragskraft und nicht, uns für eine kurzfristige Finanzspritze in die Abhängigkeit Dritter zu begeben.“
Auch andere Vereine positionieren sich klar. Bayer Leverkusen stellt die Grundidee der Vorschrift offen infrage und teilt mit: „In ihrer ursprünglichen Form und Intention ist die 50+1-Regel überholt, denn alle betreffenden Vereine agieren heute wie Wirtschaftsunternehmen.“ Ohne diese Regel wären die Investitionen von außen in die Liga in den vergangenen Jahren deutlich höher gewesen.
Der VfL Wolfsburg verweist ebenfalls auf die wirtschaftlichen Folgen und meint, man müsse Wettbewerbsbeschränkungen hinterfragen, wenn Investitionen sowohl im Männer- als auch im Frauenfußball ausblieben. Gleichzeitig hält der Klub verbindliche Regeln zum Schutz der Fußballkultur und der Identität der Vereine für denkbar.
Carsten Cramer, Sprecher der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, sieht die Sache anders und bezeichnet 50+1 als Fundament der Fußballkultur: „Für Borussia Dortmund ist die 50+1-Regel elementar, um die gesellschaftliche Verwurzelung des Fußballs zu bewahren.“
Der VfB Stuttgart lehnt Änderungen ebenfalls ab. Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle sagt: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es keiner Neuregelung bedarf.“ Der Klub sei dafür ein gutes Beispiel, weil mit Mercedes-Benz und Porsche strategische Anteilseigner an Bord seien. Wehrle räumt aber zugleich ein, dass die Regel Investoren abschrecke. „Das Geschäftsmodell im Profifußball ist nicht eine Gewinnmaximierung, sondern die Maximierung von sportlichem Erfolg und Begeisterung.“
Wie es weitergeht, hängt nun an den noch ausstehenden Entscheidungen der DFL und des Bundeskartellamtes. Noch hält die Mehrheit der Klubs an 50+1 fest. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der diese Regel über Jahrzehnte verteidigt wurde, bröckelt spürbar. Die Regel gerät ins Abseits.
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