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·18. März 2026

Wie die Alemannia den Tivoli wieder angezündet hat

Artikelbild:Wie die Alemannia den Tivoli wieder angezündet hat

Nach der Hinrunde im Tal der Tränen, jetzt eine Gefahr für wirklich jeden anderen Drittligisten: Die Entwicklung von Alemannia Aachen im Jahr 2026 ist höchst positiv und erstaunlich zugleich. Dabei steht längst nicht nur ein Offensivduo im Fokus. Zeit zum Genießen am Tivoli – und perspektivisch auch zum Träumen?

Euphorie in Reinform

"Jetzt gewinnen wir einfach die nächsten fünf Spiele und dann noch gegen Duisburg…und dann schauen wir mal!“ Ja, es war nur einer von Hunderten fröhlichen, jubilierenden Kommentaren in den sonst gerne mal eher unsozialen Medien. Doch was sich unter den Siegerbildern nach dem 4:1-Erfolg von Alemannia Aachen über Aufstiegsanwärter Energie Cottbus in den Spalten der gängigen Netzwerke angesammelt hatte, das war Euphorie in Reinform, das war ein völlig verrückter Gemütszustand, wie er vor allem in jenen großen Traditionsvereinen eintritt, bei denen nach jahrzehntelangem Warten plötzliche Träume von einer Rückkehr auf frühere Bühnen wachsen. Wie seriös das alles ist? Im Augenblick ist das ganz egal. Es zählte auch bei der Alemannia an jenem Freitagabend nur eines: Der Tivoli sah und sieht wieder eine Mannschaft, die ein Fundament für genau diese Sehnsüchte bilden kann.


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Nun war es ja gar nicht so leicht gewesen, die Vorwochen und all das Wundersame, was das Jahr 2026 zuvor schon bereitgehalten hatte, überhaupt noch zu toppen. Der TSV hatte vier der vergangenen fünf Spiele gewonnen, unter anderem den SC Verl – der wohl spielstärksten Mannschaft der Liga – in all seinen Stärken dechiffriert. Er hatte seit Jahresbeginn in Hoffenheim drei Tore erzielt, in Ulm, gegen Verl, in Aue. Und daheim gegen Essen, wo es unerklärlich trotz einer Spitzenleistung nicht für drei Punkte, sondern nur zu einem 3:3-Remis gereicht hatte.

Eine Leistung, wie sie in Aachen lange nicht gesehen wurde

Doch dann kam Cottbus an einem verregneten Spätwintertag, bei vier Grad über Null und auf einem Untergrund, auf dem die Nachbarn vom CHIO ihre besten Pferde aus Verletzungssorgen wohl nicht mal zu einer Vielseitigkeitsprüfung hätten antreten lassen. Auch einige Tage danach ist das sportliche Feuerwerk, das wohlgemerkt beide Teams in den bedeckten Nachthimmel der Aachener Soers schossen, schwer in Worte zu fassen: Intensität, Spielwitz, Tempo, Robustheit – das Niveau speziell der 2. Halbzeit war für Neutrale faszinierend, und noch erstaunter durften nur jene rund 22.000 Fans der Alemannia gewesen sein. Sie hatten, so weit darf man es wohl treiben, eine der besten Halbzeiten, die der neue Tivoli in seinen 17 Jahren erlebt hatte.

Erwartet hatte diese Leistungsexplosion niemand, doch leugnen oder als Zufall abtun kann sie auch keiner mehr, dafür ist die Bilanz zu gut. 20 Punkte haben die Öcher im Jahr 2026 gesammelt, mehr holte nur der VfL Osnabrück. 23 erzielte Treffer sind im gleichen Zeitraum sogar der geteilte Liga-Bestwert. Angeleitet wurde die Alemannia dabei von einem, dem etliche Fans schon den Versager-Stempel aufgedrückt hatten: Der Name Mersad Selimbegovic wurde extern enorm skeptisch beäugt, als Sport-Geschäftsführer Rachid Azzouzi – selbst erst seit einigen Monaten an Bord – ihn als Nachfolger von Benedetto Muzzicato präsentierte. Vehemente Startschwierigkeiten ließen das Schlimmste erahnen, doch das von ihm implementierte 3-4-2-1-System fruchtet seit der Winterpause.

Selimbegovic sammelt Pluspunkte – und Azzouzi ebenso

Selimbegovic erhielt die nötige Zeit, mit der Mannschaft zu interagieren. Nun lassen die Ergebnisse alle Kritiker verstummen und nicht nur ihn, sondern auch Azzouzi in gutem Licht erscheinen – denn wer weiß, ob ein weniger erfahrener Sportchef im unruhigen Fahrwasser des Tivoli so einen kühlen Kopf bewahrt hätte? Keine drei Monate ist es schließlich her, dass sich die Schwarz-Gelben nach einem 1:1-Remis in Havelse vom eigenen Anhang beschimpfen lassen mussten und das Überwintern auf einem Abstiegsplatz gewiss war.

Neidisch schaut der Rest der 3. Liga auf das gefährlichste Scorer-Duo: Der designierte Torschützenkönig Lars Gindorf (20 Tore, acht Vorlagen) fing dabei mit einer kurios hohen Anzahl verwandelter Strafstöße an, ist aber längst über alle Zweifel erhaben, auch aus dem Spiel heraus als Leihgabe von Hannover 96 mindestens eine Spielklasse zu niedrig gelandet zu sein. Nicht weniger Spaß macht es, Mika Schroers (zwölf Tore, acht Vorlagen) zuzuschauen – immerhin, die Bielefelder Leihgabe soll dauerhaft verpflichtet werden, während es Gindorf wohl verdienterweise mindestens mal zurück nach Hannover zieht. Doch dreht sich der Erfolg wirklich nur um die beiden?

Nicht nur Gindorf oder Schroers im Fokus

Nein. Längst sind im Schatten der omnipräsenten Tormaschinen andere Schlüsselspieler gereift: Mehdi Loune – im Oktober als Vertragsloser verpflichtet – hat einen beachtlichen Leistungssprung auf der Zehnerposition hingelegt. Eigengewächs Faton Ademi ist 19 Jahre jung, aber regelmäßiger Gast in der Startelf auf jener Position vor der Abwehr, in der es durch den Abgang von Soufiane El-Faouzi zu Schalke 04 gigantische Fußstapfen zu füllen galt. Ademi schafft es so gut, dass auch bei ihm gerüchteweise schon besser ausgestattete Klubs aus In- und Ausland anklopfen sollen. Das würde übrigens auch beim 22-jährigen Joel da Silva Kiala nicht wundern: Dem Innenverteidiger wurde auch durch das Verletzungspech von Kapitän Mika Hanraths plötzlich jede Menge Verantwortung zuteil – eine Rolle, in der sich das Talent immer wohler fühlt.

Wohin soll diese Entwicklung noch führen? Wohl nicht mehr in den Aufstiegskampf – dafür kommt der plötzliche Tabellensprint des einstigen Kellerkindes wenige Spieltage zu spät. Doch wer reihenweise Spitzenteams entzaubert und den Tivoli nach vielen Jahren wieder wie eine Festung erscheinen lässt, der weckt Visionen. Unübersehbar ist: Die Alemannia, die nach einem holprigen ersten Drittliga-Jahr 2024/25 schnell im grauen Alltag angekommen schien, ist emotional wieder angezündet. Dazu ist durch den frühzeitigen Klassenerhalt, an dem mittlerweile längst alle Zweifel beseitigt sind, Planungssicherheit entstanden. Es gibt schlechtere Ausgangslagen, um für die kommende Spielzeit zumindest als ein Geheimfavorit durchzugehen.

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