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·19. Juni 2026
WM 2026: Deutschland-Gruppengegner Elfenbeinküste in der Taktikanalyse

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Seit der WM 2006 ist es dies die insgesamt vierte Weltmeisterschaft, an der die Elfenbeinküste teilnimmt. Dabei hatte man (fast) jedes Mal den Ruf eines "Geheimfavoriten" inne, da der Kader der Ivorer stets mit vielen aus Europa bekannten Stars gespickt ist. In der Vergangenheit waren die Afrikaner häufig an den hohen Erwartungen gescheitert, doch nun, da man das Auftaktspiel gegen den wenigstens als gleichwertig angesehenen Gruppengegner Ecuador mit 1:0 gewinnen konnte, traut man dem Team von Cheftrainer Emerse Faé viel zu – auch gegen Deutschland. Wie gut die Chancen der Elfenbeinküste gegen die DFB-Elf wirklich stehen, erfahrt ihr hier. Eine Taktikanalyse von LIGABlatt-Redakteur Ove Frank.
Das Narrativ, dass Deutschland bei dieser Weltmeisterschaft eine "besonders leichte" Gruppe erwischt hätte, ist inzwischen passé. Der Umstand, dass ja mit WM-Neuling Curaçao der bislang kleinste Vertreter jemals bei einer Weltmeisterschaft in der deutschen Gruppe sei, wurde allein schon dadurch relativiert, dass man inzwischen sehen konnte, zu was Ecuador mit ihrer starken Defensive und die Elfenbeinküste mit ihrem enormen Tempo und ihrer Athletik alles anrichten können. Nichts desto trotz bleibt das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann in der Gruppe E natürlich weiterhin Favorit auf den Gruppensieg, allein schon wegen der individuellen Qualität im Kader. Aber auch die Elfenbeinküste hat richtig gute Spieler – einige auch aus der Süper Lig – und vor allem liegen die Stärken der Afrikaner genau da, wo die Deutschen in den letzten Monaten und Jahren besonders anfällig waren.
Der WM-Kader der Elfenbeinküste
Tor: Yahia Fofana (Cykur Rizespor), Alban Lafont (Panathinaikos Athen), Mohamed Koné (Royal Charleroi SC)
Abwehr: Ousmane Diomande (Sporting Lissabon), Evan Ndicka (AS Rom), Emmanuel Agbadou (Beşiktaş JK), Odilon Kossounou (Atalanta Bergamo), Christopher Operi (Başakşehir FK), Ghislain Konan (Gil Vicente FC), Wilfried Singo (Galatasaray), Guéla Doué (RC Straßburg Alsace)
Mittelfeld: Ibrahim Sangaré (Nottingham Fores), Jean Michaël Seri (NK Maribor), Christ Inao Oulaï (Trabzonspor), Franck Kessié (Al-Ahli SFC), Seko Fofana (FC Porto)
Angriff: Yan Diomande (RB Leipzig), Bazoumana Touré (TSG 1899 Hoffenheim), Simon Adingra (AS Monaco), Parfait Guiagon (Royal Charleroi SC), Amad Diallo (Manchester United), Evann Guessand (Crystal Palace), Nicolas Pépé (FC Villarreal), Ange-Yoan Bonny (Inter Mailand), Elye Wahi (OGC Nizza), Oumar Diakaté (Cercle Brügge)
Players to watch
Bei der Elfenbeinküste fällt auf, dass der Kader mit einigen richtig guten Fußballern auf höchstem internationalen Niveau besetzt ist. Zwar ist der Kader in der Breite nicht der allerbeste, doch in der Spitze muss er sich zumindest auf einigen Positionen auch vor den großen Turnierfavoriten verstecken. Insgesamt kommt die Elfenbeinküste mit einer unfassbaren Dynamik und einer nicht zu unterschätzenden Physis daher. Wer ein Spiel dieser Mannschaft sieht, erkennt schnell, dass es vor allem mit Speed über die Außen gehen soll, wobei sowohl die Außenstürmer als auch die Außenverteidiger durch ihre Läufe das eigene Spiel diktieren. Dementsprechend gilt es, vor allem auf diese Positionen ein Auge zu werfen.
Yan Diomande: Arbeiten wir den Spieler, über den derzeit gefühlt die halbe Medienlandschaft spricht, als erstes ab: Wie es heißt, soll der FC Liverpool über 100 Millionen Euro für den Flügelstürmer geboten haben, doch dessen aktueller Arbeitgeber RB Leipzig habe dies abgelehnt, da man den 19-Jährigen auf Sicht für sogar noch wertvoller hält. Warum? Wer Diomande einmal hat spielen sehen, stellt sich die Frage nicht mehr, denn der Bundesliga-Kicker ist unfassbar schnell und antrittsstark, dabei gleichzeitig aber auch flink und wendig, sodass er mit enormen Tempo auf engstem Raum die Richtung wechseln kann. Dadurch kommt er über die Außenbahnen oftmals an mehreren Gegenspielern gleichzeitig vorbei und huscht in den gegnerischen Strafraum, wo er dann entweder den besser postierten Mitspieler sucht, oder unbekümmert einfach selbst draufhält. Dabei ist er sowohl mit dem rechten als auch dem linken Fuß abschlussstark. Meist kann man Yan Diomande nur mit einem Foul stoppen, was Teil der Taktik ist. Bereits die vielgelobte Abwehr Ecuadors hatte mit dem Flügelflitzer enorme Probleme und gerade ein Joshua Kimmich mit seinen Tempodefiziten dürfte es gegen den Angreifer, der auf beiden Flügeln agieren kann, schwer haben. Aber auch in der Arbeit gegen den Ball ist der Leipziger nicht zu unterschätzen, da er stets motiviert erscheint und den Gegner früh anläuft, um ihn zu Fehlern zu zwingen. Bei RB Leipzig gelangen Diomande in der abgelaufenen Saison insgesamt 13 Treffer und zehn Vorlagen in 36 Einsätzen und diese Gefahr transportiert er auch in die Nationalmannschaft. Gemeinsam mit Hoffenheims Bazoumana Touré, über den sich ähnliches sagen lässt, bildet der 19-Jährige eine der stärksten und aufregendsten Flügelzangen dieses Turniers.
Guéla Doué: Der ältere Bruder von PSG-Star und Frankreich-Flügelstürmer Désiré Doué ist in der Abwehr ein echter Allrounder. Durch seine Dynamik, sein Tempo und sein gutes Auge primär als Rechtsverteidiger eingesetzt, kann er aber auch im Abwehrzentrum spielen, am liebsten als rechter Part einer Dreierkette. Dabei besticht er durch seine Größe, seine Robustheit und sein gutes Stellungsspiel. Hinter einem Yan Diomande, der auf der rechten Seite wirbelt und immer wieder in die Mitte zieht, nutzt Doué gerne die dadurch gerissenen Räume, um entweder aus dem Halbfeld heraus oder von der Grundlinie her in den Strafraum zu flanken. Auf diese Weise konnte der 23-Jährige in der vergangenen Saison bei Straßburg immerhin sieben Treffer vorbereiten. Die größte Stärke Guéla Doués liegt aber vor allem darin, sehr gut mit den Flügelspielern vor ihm zu harmonieren und diese entweder durch Tiefgang offensiv zu unterstützen, oder defensiv abzusichern, damit diese auch mal ins Risiko gehen können. Es würde wenig überraschen, wenn der Rechtsverteidiger Straßbourg nach dieser WM für eine stattliche Summe in Richtung eines größeren Klubs verließe.
Ange-Yoan Bonny: Denkt man an ivorische Stürmer, kommt einem als erstes in der Regel der Name Didier Drogba in den Sinn. Ganz so ein physisches Monster wie die Chelsea-Legende ist ein Bonny zwar noch nicht, aber er hat alle Anlagen, die es benötigt, um ein Stürmer aller erster Güte zu sein. Fast 1,90m groß, explosiv im Antritt und körperlich robust; so hat es jede Abwehr schwer, den 22-Jährigen festzuhalten. Aber nicht nur seine körperlichen Attribute machen ihn zu einer Gefahr, Ange-Yoan Bonny ist zugleich ein sehr cleverer Stürmer, der stets das Auge für den Mitspieler hat. Meist schirmt er in der Spitze den Ball ab und wartet, bis einer seiner schnellen Mitspieler in der Offensive sich freiläuft, um dann den entscheidenden letzten Pass zu spielen. Durch dieses Stärkenportfolio konnte sich Bonny in der abgelaufenen Saison beim italienischen Meister Inter Mailand als Stammspieler etablieren und dabei sieben Tore erzielen und neun weitere auflegen. Für eine Mannschaft mit variablen Angreifern ist so ein Fixpunkt Gold wert.
So könnte die Elfenbeinküste spielen

Kader-Tool: fotmob.com
Die Elfenbeinküste ist in den letzten Spielen meist mit einem 4-4-2 gestartet, wechselt dabei aber gerne fluide auch in ein 4-3-3-System. Hierbei lässt sich ein Nicolas Pepé gerne etwas fallen, um die Offensive durch Steckpässe oder Halbfeldflanken zu unterstützen, während sowohl Bazoumana Touré als auch Yan Diomande mit ihrem Tempo für Tiefgang auf den Außenbahnen sorgen. Hier ist dann Ange-Yan Bonny im gegnerischen Strafraum der Fixpunkt, der die Bälle festmachen, oder gegebenenfalls auf die einrückenden Außenstürmer weiterleiten soll. Situativ kann in Druckphasen aus der Vierer- auch eine Dreierkette werden, sodass letztlich ein 3-5-2 entsteht. Hierbei ist es Guéla Doué, der rechts vorschiebt und die Breite hält, während Yan Diomande in die Mitte abkippt, um Bonny zu unterstützen und nach Ablagen schnell den direkten Abschluss zu suchen. Galatasarays Wilfried Singo rückt dabei hinten in den rechten Halbraum, wo er am liebsten spielt. Nicolas Pepé lauert währenddessen auf zweite Bälle, um auch aus der Distanz seine Schussqualität ausspielen zu können. Allgemein gehen die Ivorer offensiv gerne ins Eins-gegen-Eins, um Fouls zu provozieren, wobei man dann mit Standards für zusätzliche Gefahr sorgen will. Ein Pepé kann dabei gleichermaßen per Freistoß direkt schießen, oder durch Zuspiele für Gefahr sorgen. In diesem Kontext sucht er vor allem die Köpfe von Ange-Yan Bonny, Franck Kessié, oder von den aufgerückten großgewachsenen Innenverteidigern zu finden.
Am stärksten ist die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste, wenn sie ein temporeiches Flügelspiel aufziehen können – am liebsten, durch schnelles Umschalten. Ausgerechnet das ist die große Schwäche der deutschen Auswahl. Ein Nathaniel Brown hat defensiv auf seiner linken Seite zuletzt zwar einen sicheren Eindruck gemacht, der immer wieder ins Mittelfeldzentrum abkippende Joshua Kimmich gibt aber hinten rechts regelmäßig Räume preis, die ein Bazoumana Touré oder ein Yan Diomande mit ihrem Tempo leicht für sich nutzen können, um Deutschland auf dem falschen Fuß zu erwischen. Man darf gespannt sein, wie Julian Nagelsmann darauf reagiert. Grundsätzlich könnte die Elfenbeinküste damit ein sehr guter "Test" für die möglicherweise im späteren Turnierverlauf lauernden Franzosen sein, die ebenfalls über die Flügel enormes Tempo und große Torgefahr aufbauen können. Defensiv wiederum sind die Ivorer durchaus anfällig. Zwar wartet hier eine enorme körperliche Robustheit, die es einem jeden Mittelstürmer schwer machen kann, aber die Schnittstellen zwischen Innen- und Außenverteidigung sind oftmals löchrig, was gerade einem viel nach Außen ausweichenden Kai Havertz und einem aus der Tiefe startenden Jamal Musiala in die Karten spielen mag. Bereits gegen die offensiv allgemein als wenig durchschlagskräftig geltenden Ecuadorianer hat die Elfenbeinküste zahlreiche gute Chancen zugelassen, weshalb sich wohl auch der variablen deutschen Offensive einige Chancen bieten sollten, sofern Coach Emerse Faé den bisherigen Spielplan nicht über Bord schmeißt, um plötzlich aus einem tiefen Block mit aktiver Fünferkette heraus zu agieren. Von daher stehen die Zeichen gut, dass dies ein ziemliches Offensivspektakel mit Toren auf beiden Seiten werden dürfte, wenn sich die Elfenbeinküste und Deutschland im zweiten Vorrundenspiel am 20. Juni um 22:00 Uhr (MEZ) in Toronto gegenüberstehen.
Foto: Al Bello / Getty Images







































