FC Schalke 04
·23 April 2026
Ein Abend unter Schalkern: „Böhmi, leg die Füße hoch, wir bringen dich ins Finale!“

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Wie würdigt man eine Saison, in der Schalke 04 mit wunderbarem Fußball alle Erwartungen übertrifft, einen Titel gewinnt, und mit dem letzten Torschuss in einem anderen Stadion dennoch der größte sportliche Traum zerplatzt? Dieser Aufgabe stellten sich am Mittwoch (22.04.) beim „Abend unter Schalkern“ 04 Zeitzeugen: Jörg Böhme, Mike Büskens, Olaf Thon und Tomasz Waldoch. Pokalsieger 2001, aber eben auch Hauptdarsteller am 19. Mai 2001. Neben vielen lustigen Anekdoten und Begebenheiten wurde es sehr emotional.
Dabei half ein Überraschungsgast, zunächst einmal die Stimmung zu lockern. Im Jahr 2005 hatte ein Autor unter dem Pseudonym „tstudent“ einen Kriminalroman mit deutlichem satirischen Schwerpunkt verfasst, der das Finale der Bundesligasaison 2000/2001 thematisiert. Der „Meister der Rache“ so der Titel, lässt diverse Bundesliga-Schiedsrichter über die Klinge springen. Was ist das Motiv des Serientäters? Dahinter kann nur ein Kommissar kommen, der auch Schalker ist.
Auf Anregung von Moderator Jörg Seveneick den bisher anonymen Autor ausfindig zu machen, macht sich das Team Tradition auf die Suche und wird fündig. Trotz langer Anreise lässt sich der Gesuchte seine Teilnahme am Abend unter Schalkern nicht nehmen. „Wann habe ich schon einmal die Möglichkeit, solche Legenden persönlich zu treffen?“ sagt Alex, natürlich selber Schalker, der seinen Nachnamen weglässt, „weil ich im Land der Schalendiebe wohne“. Womit er den ersten von vielen befreienden Lachern bei seinem Auftritt sicher hat.
Nur wenige der Besucher im Medienzentrum der VELTINS-Arena kennen das Buch, doch in der Pause ist es bereits der Verkaufsschlager: beste Traumabewältigung, davon hat sie Alex bei Einblicken in sein Werk überzeugt, weil gravierende Fehlentscheidungen gegen Schalke in jener Saison, etwa in Kaiserslautern (die Hristov-Schwalbe), Köln (nicht gegebener Handelfmeter), gegen den HSV (reguläres Tor von Mpenza aberkannt), in Bochum (verweigerter Foulelfmeter) das Titelrennen entschieden. „Ich mag den Satz, dass sich Glück und Pech in einer Saison ausgleichen, nicht.“ Denn die Spielzeit 2000/2001 habe im Fall Schalke den Gegenbeweis angetreten. Das ließ der Mathematiker angehende Ingenieure sogar in einer Uniprüfung als Aufgabenstellung belegen.
Nach so viel guter Laune kam das Quartett der Pokalsieger auf die Bühne. Als einschneidenden Moment der Saison empfinden alle die sensationelle Verpflichtung von Andreas Möller vom BVB vor der Saison. „Hast du Lack gesoffen?“ will es Mike Büskens gar nicht glauben, als er während seiner Leihe nach Duisburg zum MSV vom Transfer erfährt. „Für mich war es der Anlass, damals mein Amt als Kapitän niederzulegen“, erinnert Olaf Thon. Nicht wegen der Person Möller. Thon glaubt allerdings, dass man sportlich nicht mehr auf ihn setzen würde.
Tomasz Waldoch, Thons Nachfolger als Spielführer, erinnert sich an die vielen Attacken gegen den Neuzugang in der Sommervorbereitung, gegen die sich die Mannschaft gewehrt habe und so auch zusammengerückt sei. Irgendwann habe Thon den Fans am Trainingsgelände zugerufen: „Hört endlich auf damit. Andy gehört jetzt zu uns.“ Das habe ihn sehr beeindruckt, so Waldoch.
„Uns hat damals der Weitblick gefehlt, den der Manager hatte. Er wusste wie man eine Mannschaft zusammengestellt“, würdigt Büskens den Mut von Rudi Assauer. Dazu gehört auch, mit Tomasz Hajto und Jörg Böhme zwei Spieler von Absteigern zu holen. „Seit 1995 war es immer mal wieder im Gespräch, dass ich zu Schalke komme, aber nie ist es passiert“, konnte Böhme den Wechsel gar nicht abwarten. „Aber als ich endlich in der Kabine saß und ich die großen Namen auf den Kabinenschränken las“, sei er sich der sportlichen Herausforderung wirklich bewusst geworden.
Auf dem Platz lässt sich Böhme nichts anmerken, schießt ein Tor, schlägt eine gute Flanke nach der anderen. Als er vor dem Pokal-Halbfinale in Stuttgart nach einem Platzverweis in Cottbus gesperrt ist, spürt er im Frust über den eigenen Fehler den Teamgeist jener Saison. Sein Vertreter in dieser Partie, Mike Büskens, ruft ihn am Nachmittag des Spieltags an: „Böhmi, leg die Füße hoch, wir bringen dich ins Finale.“
Vorsichtig nähert sich die Gesprächsrunde dem traumatischen Saisonfinale, kommt aber nur bis zum vorletzten Spieltag. Vor dem ist Schalke 04 punktgleich mit Bayern, hat aber das bessere Torverhältnis. Bleibt es beim Schalker Remis in Stuttgart und beim Münchner Unentschieden in Kaiserslautern – so steht es in der 90. Minute – kann der S04 aus eigener Kraft Meister werden. Doch dann trifft innerhalb von sieben Sekunden erst Stuttgart, dann Bayern.
Vor allem aus Mike Büskens bricht es heraus. „An diesem Abend war ich nach dem Spiel mit meinem Freund Thomas Linke, der inzwischen für Bayern spielte, ins Sportstudio eingeladen.“ Eine Freundschaft, die bis zum heutigen Tage hält. „Tommy und ich waren auf Schalke wie Arsch auf Eimer. Aber die haben so viele Titel gewonnen. Was hätte denen gefehlt, wenn sie einmal nicht Meister geworden wären? Für uns hätte es alles bedeutet.“ Ein Blick in die Gesichter seiner drei Mitspieler in diesem Moment bestätigt, dass alle zustimmen.
Das tut auch Andreas Möller, dessen Interview vom Treffen der Pokalsieger beim Heimspiel gegen Münster eine halbe Stunde zuvor als Video eingespielt wird: „Wir sind damals von Spiel zu Spiel in den Flow gekommen. Fußballerisch hätten wir es verdient Meister zu werden.“ Möller, der in seiner Karriere alles gewonnen hat, schiebt nach: „Es war ein fantastisches Jahr.“ Dafür gibt es viel Beifall im Auditorium, in dem einige Möller-Trikots aus der Saison zu sehen sind.
Dennoch sind sich Spieler und Fans im Medienzentrum einig, als sie von Moderator Seveneick befragt werden: Die Bilder des 19. Mai schaut man sich an diesem Abend nicht an, weder aus dem Parkstadion noch aus Hamburg. Umso leichter und befreiender fällt da nach der 20-minütigen Pause der Blick auf die Pokalsaison. Nun wird bei vielen Anekdoten viel gelacht. Vielleicht am meisten, als die Sprache auf Jörg Böhmes Freistoßtor im Finale gegen Union Berlin kommt. Mit einer unglaublichen Flugkurve segelt der Ball scheinbar zunächst ins vom Schützen aus gesehen linke Eck, bevor er es sich in der Luft anders überlegt und in den rechten Torwinkel fliegt.
Getreten von einem Linksfuß aus einer Position, in der jeder mit einem Rechtsfuß als Schützen rechnet. Vorangegangen sind Dinge, die diese wunderbare Schalker Mannschaft kennzeichnen. Eigentlich will Tomasz Hajto ausführen. „Aber den Hajo habe ich erstmal weggeschickt“, grinst Böhme. Das funktioniert, weil der Innenverteidiger dem Linksfuß vertraut. Nun steht noch Rechtsfuß Möller am Ball. „Der Andy war Weltmeister und was weiß ich noch alles“, so Böhme, der trotzdem seiner Eingebung folgt und laut denkt: „Ich habe zu ihm gesagt: ‚Lauf rüber, ich hau das Ding jetzt rein.‘“ Mit hörbarer Achtung und Anerkennung für den Mitspieler fügt Böhme hinzu: „Und er hat’s gemacht.“
Weil Böhme auch zum 2:0 trifft, holt Schalke 04 zum dritten Mal den DFB-Pokal. Die nicht enden wollenden Feiern auf dem Rasen gehören zur Bewältigung der Ereignisse eine Woche zuvor dazu. „Wir haben noch im Stadion gefeiert, da saßen die Spieler von Union wahrscheinlich schon zuhause im Wohnzimmer“, lacht Büskens vor allem über die eigene Ausgelassenheit. Es ist ein vergnügliches und versöhnliches Ende des zweistündigen Abends unter Schalkern.
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