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·23 July 2026
Haaland-Mania: Der viralste Verlierer der WM

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·23 July 2026

Norwegen ist im Viertelfinale raus. Erling Haaland traf gegen England nicht, wurde in den Schlussminuten erschöpft ausgewechselt und fuhr ohne Pokal nach Hause. Und ist trotzdem der Gewinner dieser WM – nur zählt man dafür keine Tore, sondern Klicks.
Auf dem Rasen war die Bilanz ordentlich, nicht überirdisch: sieben Turniertore, das erste Viertelfinale der norwegischen Geschichte, dazu der Coup gegen Brasilien. Zwei späte Haaland-Tore warfen den Rekordweltmeister im Achtelfinale raus – Brasiliens frühestes WM-Aus seit 1990. Gegen England war dann Schluss. Kein Tor, keine Lösung, am Ende die Auswechslung wegen Erschöpfung.
Und dann gibt es das zweite Konto. Vor dem Turnier folgten Haaland auf Instagram gut 40 Millionen Menschen. Sechs Wochen später sind es über 60 Millionen – ein Zuwachs in der Größenordnung von 27 Millionen, an einem einzigen Turnier festgemacht. Seine Instagram-Reels sammelten laut Guardian mehr als 683 Millionen Aufrufe. Auf TikTok stapeln sich 1,4 Millionen Beiträge unter dem Hashtag #Haaland. Und das Kabinen-Selfie nach dem Brasilien-Sieg, drei Worte, „Well well well“, wurde mit über 25 Millionen Likes zum meistgeliebten Post seiner Karriere.
Der Turnierverlauf sagte: raus. Das Netz sagte: Superstar.
Hier lohnt der genaue Blick, den sich in der allgemeinen Begeisterung kaum jemand nimmt. Der wohl meistgeteilte „Haaland“-Clip des Turniers – der Stürmer erschrickt in einem Restaurant vor seinem eigenen Spiegelbild – ist eine Fälschung. Bestätigt handelt es sich um einen KI-Face-Swap: Ursprung ist ein Sketch des chinesischen Comedians Jin Long, dem die Software Haalands Gesicht aufmontierte. Millionen hielten das Video für echt.
Es ist kein Einzelfall. Das Instagram-Video, das seine Frisur mit einer Frühlingszwiebel vergleicht, kam auf fast 100 Millionen Aufrufe – Fan-Material, auf das Haaland immerhin mit einem schielenden Hunde-GIF antwortete. Dazu die Horrorfilm-Montagen seines wuchtigen Sprints, der steife Gang beim Verlassen des Platzes, nachgestellt von Influencern zwischen Südamerika und Russland. Das Netz hat sich eine Figur gebaut – „Norwegens Prinzessin“, das „Babygirl“ des Internets – und füttert sie seither selbst.
Die Frage ist also nicht, ob Haalands Auftritte im Netz authentisch sind. Die Frage ist, wie viel von der viralsten Präsenz dieser WM überhaupt von ihm stammt – und wie viel von einer Maschine und einer Fangemeinde, die ihn längst überschrieben haben.
Trotzdem hat der Boom einen echten Kern, und der liegt im Tonfall. Haaland betreibt seine Kanäle erkennbar selbst, ungeschliffen und mit Hang zur Selbstironie: das Snapchat-Selfie neben einem pixeligen Shrek („Selfie mit meinem Zwilling“), die Prahlerei, einen Siebenstundenflug ohne Ablenkung „durchgestanden“ zu haben, der lakonische GIF-Konter in den Kommentaren. Eine AP-Analystin nannte ihn den durch und durch Gen-Z-tauglichsten Spieler des Turniers.
Der Kontrast zur Konkurrenz erklärt den Rest. Wo LeBron James seine Vier-Uhr-Workouts inszeniert und Tom Brady seine asketische Ernährung, postet Haaland Quatsch – und wirkt dadurch nahbar. Dazu kam die halb parodistische „Heated Rivalry“ um ihn und Englands Jude Bellingham, einst gemeinsam bei Borussia Dortmund, die Fans zu unzähligen Montagen verarbeiteten. Medienforscher sprechen von parasozialen Beziehungen: Millionen haben das Gefühl, ihn zu kennen. Haaland kennt sie nicht. Genau diese Einbahnstraße ist der Treibstoff.
Am deutlichsten wird die kommerzielle Dimension dort, wo mit Fußball traditionell wenig zu holen ist. In China legte Haaland binnen eines Monats auf Douyin und Weibo zusammen über 7,7 Millionen Follower zu – mehr, als Norwegen Einwohner hat. Befeuert wurde der Schub von einer Partnerschaft mit der Kräutertee-Marke Wanglaoji: Spots, in denen er Lammspieße isst, auf scharfes Essen reagiert und ein paar Brocken Chinesisch spricht, gingen weit über die Fußballblase hinaus viral.
Ein Werbeträger, der in einem Markt zündet, den europäische Klubs seit Jahren vergeblich beackern – und das nicht mit Toren, sondern mit Lammspießen.
Für die Werbewelt ist der Fall damit eindeutig und heikel zugleich. Eindeutig, weil über 60 Millionen Instagram-Follower, 683 Millionen Reel-Aufrufe und eine Anziehungskraft weit über das Stammpublikum hinaus jede Marke elektrisieren. Wer Zielgruppen erreichen will, die kein Fußballspiel einschalten, findet in Haaland aktuell keinen zweiten.
Heikel wird es beim genaueren Hinsehen. Eine Reichweite, die zu großen Teilen aus Memes, Fan-Edits und KI-Clips besteht, ist nur bedingt steuerbar. Die Figur, die das Publikum liebt, ist teils seine eigene Erfindung – und lässt sich nicht so sauber in eine Kampagne gießen, wie es die nackten Zahlen versprechen. Der Markenwert ist real. Die Kontrolle darüber ist es weniger.
Bleibt eine WM, die für Haaland sportlich im Viertelfinale endete und kulturell nirgends. Er hat das Turnier auf dem Rasen verloren und auf dem Bildschirm gewonnen, und wer darin einen Widerspruch sieht, hat noch nicht begriffen, dass ein modernes Turnier auf zwei Feldern gleichzeitig gespielt wird. Auf dem zweiten war er unschlagbar.
Die schönste Pointe liefert das Netz gleich selbst: Der nahbarste, vermeintlich echteste Spieler dieser Weltmeisterschaft wurde am Ende von einer Software gespielt, die sein Gesicht auf einen fremden Körper montierte – und Millionen glaubten es. Näher an den Zeitgeist kommt Fußball 2026 nicht.







































