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·5 June 2026
Immer mehr Bürokratie treibt Ehrenamtliche in die Flucht

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·5 June 2026

Die Politik lobt sich selbst, doch Vereine kämpfen mit Softwarefehlern, unterbesetzten Ämtern und immer neuen Pflichten - meint Gerd Thomas.
Wer den Reden von Kai Wegner zuhört, könnte den Eindruck gewinnen, Berlins Regierender Bürgermeister persönlich habe eine Verwaltungsreform auf den Weg gebracht, die Bürokratie abbaut und Abläufe vereinfacht. Doch „könnte“ ist eben nur ein Konjunktiv.
Auch in der selbst ernannten Sportmetropole des Jahres 2026 sitzen hinter Computern noch Menschen. Entgegen manchen Gerüchten arbeitet die Berliner Verwaltung sogar mit IT – auch wenn der letzte Staatssekretär für Digitales gerade einmal 69 Tage im Amt war. Für seinen Abgang sollen dem Oberexperten Berichten zufolge rund 50.000 Euro zustehen. Geld, mit dem man beispielsweise die Ferienprogramme der Sportvereine hätte fördern können.
Die oft gescholtenen Beamten und Angestellten in den Amtsstuben sind in der Regel deutlich kompetenter als manche von der Politik präsentierten Top-Personalien. Doch auch die besten Mitarbeiter können nur unter den Bedingungen arbeiten, die ihnen die Politik beschert. Und diese Bedingungen sind vielerorts schlecht.
Fachkräfte fehlen fast überall, ebenso wie bisweilen der Sachverstand bei der Auswahl von Führungskräften. Selbst wenn Geld für Sportplätzen da ist, schafft es das Grünflächenamt Tempelhof-Schöneberg nicht, diese zu bauen, weil die Stadträtin nicht in der Lage ist, genügend Personal bereitzustellen.
Bei der Hartplatzhelden-Konferenz haben wir in Workshops zur Zukunft des Ehrenamts im Sport eine einfache Frage gestellt: „Was wünschst du dir weniger?“ Die Antwort war nahezu einstimmig: Bürokratie.
Nun ist Bürokratie ein weites Feld. Und natürlich tun sich manche Menschen mit der Digitalisierung schwer. Auffällig war jedoch: In unseren Workshops diskutierten überwiegend Menschen, die beruflich mitten im Leben stehen und nicht den Eindruck machten, beim Anblick eines Laptops Schweißausbrüche zu bekommen.
Wer mit den jüngsten Neuerungen in Berlin zu tun hat, dürfte jedoch kaum in Begeisterung ausbrechen. Die Beantragung von Sportanlagen für Training und Wettkämpfe erfolgt nach vielen Jahren endlich digital. Das klingt nach Fortschritt. In der Praxis scheitern daran aber selbst erfahrene Programmierer und promovierte Mathematiker.
Zwei Bezirke haben bereits angekündigt, die neue Software vorerst nicht nutzen zu wollen. Offenbar kamen sie zu demselben Schluss wie viele Vereine: Eine mangelhafte Beta-Version samt kaum unbrauchbarem Handbuch ist einfach Murks. Da ich einer erfahrenen IT-Spezialistin nahestehe, weiß ich zumindest eines: Gute Software entsteht dort, wo die Entwickler eine Vorstellung vom praktischen Alltag ihrer Nutzer haben.
Doch selbst die beste Software würde wenig helfen, wenn die zuständigen Ämter personell am Limit arbeiten. Ob digital oder auf Papier – Anträge bringen wenig, wenn niemand sie bearbeitet. Für Vereine bedeutet das fehlende Planungssicherheit. Wer jemals versucht hat, bei der Postbank ein Konto umzuschreiben, weiß allerdings: Privatwirtschaft ist nicht automatisch die bessere Alternative.
Kürzlich hat die Berliner Verwaltung den Landessportbund darüber informiert, dass Feriencamps künftig deutlich detaillierter abgerechnet und Gebühren gezahlt werden müssen. Das ist kein Plädoyer für schlampige Buchführung. Aber erneut steigt der Aufwand für diejenigen, die ohnehin schon einen Großteil ihrer Freizeit in den Verein investieren.
Besonders unerquicklich dabei: Unterschiedliche Stellen geben offenbar unterschiedliche Auskünfte zur Abrechnung. Je nachdem, mit wem man spricht, hört man unterschiedliche Regeln. Die Folge könnte sein, dass manche Vereine Feriencamps künftig schlicht nicht mehr anbieten.
Die Eltern werden begeistert sein. Schließlich müssen sie ihre Kinder dann anderweitig wegorganisieren. Die Kinderparadiese großer Möbelhäuser helfen nur begrenzt weiter: Dort endet die Betreuung meist nach drei Stunden – verbunden mit der Aufforderung, wenigstens noch eine Packung Teelichter zu kaufen.
Eigentlich müsste an dieser Stelle noch ein längerer Abschnitt über die aktuelle Bürokratie-Wut im Berliner Fußball-Verband folgen. Doch das wäre Stoff für eine eigene Kolumne. In dieser Saison werden Auf- und Abstiege teilweise am grünen Tisch entschieden, weil sich Einsprüche wegen mangelhafter Passfotos oder der Berechnung von Gelben Karten über Wochen hinziehen.
Nur so viel: Auch solche Vorgänge tragen dazu bei, dass Ehrenamtliche irgendwann genug haben und aufgeben.
Dies ist kein Plädoyer für Politikverdrossenheit oder die Rückkehr zum Faxgerät. Digitalisierung kann Prozesse vereinfachen, beschleunigen und transparenter machen. Sie sollte es zumindest.
Doch wenn neue Systeme mehr Arbeit verursachen, statt sie zu reduzieren, läuft etwas falsch. Die Folgen tragen die Vorstände und Helfer in den ohnehin stark belasteten Amateurvereinen. Wenn dann immer mehr Ehrenamtliche aussteigen, betrifft das längst nicht nur den Sport. Dann entsteht ein gesellschaftliches Problem – Kitt der Gesellschaft und so …
Die Frage ist, ob diese Entwicklung in den Sportausschüssen der Bezirke und im Abgeordnetenhaus ausreichend wahrgenommen wird. Dort wird regelmäßig über Sportförderung oder Infrastruktur gesprochen, das Ehrenamt pauschal gelobt. Doch die zunehmende Belastung durch Verwaltungsaufgaben wird ausgeblendet – obwohl sie vielerorts längst zum zentralen Problem geworden ist.
Kai Wegner jedenfalls sieht sich und Berlin auf einem guten Weg. Diese Einschätzung könnte er exklusiv haben, aber, aber warum nicht mal ein Politiker, der gegen den klassischen Mainstream schwimmt? Ob ausgerechnet der Zustand der Verwaltung das passende Thema dafür ist, steht auf einem anderen Blatt.
Mein persönliches Erfolgserlebnis hatte ich übrigens schon: Für April hatte ich einen Raum im Rathaus Schöneberg beantragt, in dem der FC Internationale Berlin regelmäßig seine Mitgliederversammlung abhält. Leider fehlte Personal, außerdem war die Heizung defekt.
Gestern erhielt ich die Absage. Im Juni!
Man sollte nicht über die Verwaltung schimpfen. Das Schreiben war ausgesprochen freundlich und kam sogar per E-Mail statt per Brief. Wobei ich fest davon ausgehe, dass die Papierfassung noch folgen wird. Die Vorschriften werden es verlangen.







































