REAL TOTAL
·26 February 2026
Keine Struktur, kein Konzept, fehlende Qualität: Woran es in Reals Offensivspiel krankt

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Real Madrids Mittelfeld muss dringend reformiert werden – Fotos: Getty Images
Es war die 55. Minute des Playoffs-Rückspiels der Champions League zwischen Real Madrid und Benfica (2:1), als die Portugiesen einen Eckstoß ausführten, den Thibaut Courtois problemlos herunterpflücken konnte. Anschließend versuchte der Keeper, das Spiel zu beschleunigen und mit einem Abwurf einen Tempogegenstoß einzuleiten. Und tatsächlich liefen seine Kollegen in großer Anzahl direkt nach vorne, doch auch nach beinahe zehn Sekunden hatte der Belgier keine Anspielstation finden können – der Konterversuch verpuffte schon in seiner Entstehung. Zwar orientierten sich zahlreiche Blancos in dieser Szene in Richtung Benficas Hälfte, doch taten sie es orientierungslos, unstrukturiert, fast schon wild, sodass es für Benfica keine große Herausforderung war, alle möglichen Pass- respektive Abwurfwege zuzustellen.
Diese Szene steht stellvertretend für Real Madrids Offensivspiel im allgemeinen: Es fehlt an Struktur, an klar erkennbaren Abläufen und an einstudierten Automatismen. Das Angriffsspiel wirkt häufig improvisiert statt geplant. Auffällig ist, dass seit fast zwei Jahren kein klares offensives Konzept erkennbar ist. Es gibt kaum wiederkehrende Muster im Positionsspiel, keine konstanten Überladungen in bestimmten Zonen und nur selten saubere Staffelungen zwischen den Linien. Stattdessen lebt das Spiel von spontanen Ideen und der individuellen Klasse einzelner Spieler. Was kurzfristig funktionieren kann, vor allem gegen individuell schwächere Gegner. Langfristig jedoch reicht reine Qualität der einzelnen Akteure nicht aus, um konstant auf höchstem Niveau Erfolg zu haben.
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Dass die Königlichen überhaupt noch im nationalen Titelrennen und in der Champions League weiterhin in der Verlosung sind, ist vor allem zwei Aspekten zu verdanken. Trotz aller Verletzungen und personeller Rückschläge, die immer wieder neue, teilweise uneingespielte Formationen und Konstellationen erfordern, funktioniert Reals Defensive erstaunlich gut – mit 21 Gegentoren stellen die Blancos nach 25 Spieltagen die beste Abwehr der Primera División. Und auf der anderen Seite lebt die Offensive von individuellen Leistungen und Momenten einzelner Akteure. Lange war es Kylian Mbappé, der Real mit seinen Toren durch die Saison getragen hat, seit mehreren Wochen ist es Vinícius Júnior, während der Franzose – auch verletzungsbedingt – inzwischen eher schwächelt.
Der Kern des Problems liegt eindeutig im Mittelfeld. Real Madrid versucht nach wie vor, ein Spiel aufzuziehen, das stark an die Ära von Toni Kroos und Luka Modrić erinnert: Kontrollierter Ballbesitz, Rhythmuswechsel, geduldige Zirkulation und präzise Raumaufteilung. Doch genau diese Spielertypen stehen nicht mehr in dieser Form zur Verfügung. Kroos und Modrić waren nicht nur technisch herausragend, sondern besaßen ein außergewöhnliches Spiel- und Raumverständnis, sie bestimmten Tempo und Richtung einer Partie und gaben dem gesamten Team Struktur, sorgten für Kontrolle und Sicherheit. Ihre designierten Nachfolger, ob Federico Valverde, Aurélien Tchouaméni, Eduardo Camavinga oder Arda Güler, bringen andere Qualitäten mit. Die ersten Drei sind dynamisch, physisch stark und laufintensiv, Güler hingegen hat seine Stärken eher im Passspiel. Was ihnen allen jedoch im Vergleich fehlt, ist die strategische Kontrolle im Ballbesitz. Es mangelt an technischer Präzision oder eben an physischer Robustheit – wie im Falle Güler – unter Druck, an antizipativem Raumgefühl und an der Fähigkeit, das Spiel durch kluge Positionswahl zu beruhigen oder zu beschleunigen. Daraus resultieren unnötige Risikoaktionen, überhastete Vertikalpässe und vermeidbare Ballverluste.
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Besonders problematisch ist die fast konstant fehlende Kontrolle über das Spielgeschehen. Real Madrid dominiert selten über längere Phasen das Tempo einer Partie, stattdessen entstehen oft offene, teilweise chaotische Spielverläufe, in denen Umschaltsituationen auf beiden Seiten überwiegen. Das mag der individuellen Klasse im Angriff zwar hier und da entgegenkommen, verhindert jedoch nachhaltige Dominanz. Ein strukturiertes Team kontrolliert nicht nur den Ball, sondern auch die Räume und genau diese Kontrolle fehlt Real viel zu häufig.
Im Spielaufbau fehlt es an klaren Mechanismen, um kontrolliert ins zweite Drittel zu gelangen. Wo früher mit Kroos und/oder Modrić durch asymmetrisches Abkippen oder gezielte Überladung einer Seite einerseits für Pressingresistenz und andererseits für stabile Passwege sorgten, fehlt heute ein klar definierter Mechanismus gegen hohes Pressing. Gegner, die Reals Mittelfeld mannorientiert anlaufen, provozieren sehr häufig Ballverluste, weil Passwege zugestellt sind, daraus resultierend, dass ballnahe Blancos sind zu früh vertikal bewegen und die Zwischenräume dadurch überhaupt nicht besetzt sind, oder aber der erste Ballkontakt einfach technisch nicht sauber genug ist. Oder es an Tempo und (Entscheidungs-)Schnelligkeit fehlt, was in erster Linie auf Arda Güler zutrifft.
Anstatt den Gegner durch Ballzirkulation zu verschieben, wird dann häufig hektisch und zu früh der vertikale Pass gesucht oder der Ball wandert oft isoliert auf den Flügel, ohne eine vorherige, strukturierte Vorbereitung. Anders formuliert: Das Team spielt phasenweise zu früh zu direkt, ohne zuvor Raumkontrolle hergestellt zu haben. Im Idealfall entstehen daraus erfolgreiche Aktionen, Chancen oder Tore durch Einzelaktionen, Dribblings, Distanzschüsse oder spontane Kombination, häufig genug mündet das Ganze aber auch in offenen Spielsituationen und gefährlichen gegnerischen Umschaltmomenten.
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Dass Valverde, Tchouaméni, Camavinga und Güler weder einzeln noch als Gebilde Kroos und Modrić ersetzen können, ist offensichtlich, darf jedoch kein Vorwurf an sie sein. Als Gesamtpaket waren der Deutsche und der Kroate absolute Ausnahmeerscheinungen und beinahe schon einmalig, sodass es schlicht unfair wäre, von irgendjemandem zu erwarten, die beiden gleichwertig zu ersetzen – was nicht nur für Reals derzeitiges Mittelfeld gilt. Die Konsequenz daraus ist klar: Real Madrid steht vor einer strategischen Entscheidung. Entweder verpflichtet der Klub schnellstmöglich Mittelfeldspieler mit stärker ausgeprägter Spielintelligenz, technischer Sauberkeit und strategischer Ruhe, also Spielertypen, die dem eigenen Spiel wieder Struktur geben können. Oder aber das gesamte Spielmodell muss angepasst werden und statt an einem ballkontrollierenden Ansatz festzuhalten, könnte eine bewusst vertikalere, dynamischere und umschaltorientierte Spielweise entwickelt werden, die besser zu den vorhandenen Profilen passt.
Derzeit jedoch befinden sich die Königlichen in einer undefinierten Zwischenphase, in der man versucht, mit anderen Spielertypen ein altes System zu reproduzieren, während ein neues nicht im Ansatz zu erkennen ist. Genau daraus entsteht die strukturelle Unschärfe im Offensivspiel. Individuelle Klasse kann vieles kaschieren, ein fehlendes Konzept jedoch nur für eine gewisse Zeit und gegen bestimmte Gegner. Wieviel ein funktionierendes Offensivkonzept ausmacht, zeigt sich am besten am Beispiel des FC Barcelona. Schon in der vergangenen Spielzeit, vor allem aber seit dem Sommer offenbaren die Katalanen teilweise eklatante Abwehrschwächen, gleichen diese aber regelmäßig durch eine gut geölte und eingespielte Offensivmaschinerie, die fast jeden Gegner dazu zwingt, mindestens zwei oder drei Tore schießen zu müssen, wenn man gegen Barcelona etwas mitnehmen möchte.
Und mit beziehungsweise an den Katalanen müssen sich die Blancos national messen, aber auch in der Königsklasse werden ab jetzt solche oder ähnliche Kaliber auf das Team von Álvaro Arbeloa warten – alles, was von nun an europäisch auf Real noch zukommen wird, ist höher und stärker als Benfica einzuschätzen. Das gilt ausdrücklich auch für dessen Stadtrivalen Sporting, das ein möglicher Gegner Reals im CL-Achtelfinale ist.







































