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·7 April 2026
Lahm hat recht: Die Bundesliga kopiert, statt eigene Ideen zu entwickeln

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·7 April 2026

Philipp Lahm kritisiert im Guardian die Rückkehr der Manndeckung in der Bundesliga als Symptom fehlender eigener Ideen – und warnt vor dem Schicksal der Serie A.
Der Weltmeister und Ehrenspielführer Philipp Lahm hat selten laut gesprochen. Als Spieler nicht, als Funktionär nicht. Wenn er jetzt im Guardian schreibt, die Bundesliga drohe in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen wie die Serie A, dann ist das kein Alarmismus – sondern eine Diagnose, die wehtut, weil sie stimmt.
Der Kern seiner Kritik: Die Rückkehr der Manndeckung in der Bundesliga ist kein taktischer Kniff, sondern ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass dem deutschen Fußball die eigenen Ideen ausgegangen sind. Atalanta Bergamo gewinnt 2024 die Europa League mit aggressiver Manndeckung, einem 3:0 gegen ein zuvor 51 Spiele unbesiegtes Leverkusen – und plötzlich verfolgen Verteidiger in der Bundesliga ihre Gegenspieler, wie Lahm es formuliert, „bis auf die Toilette". Selbst der FC Bayern macht mit. Die Liga kopiert nicht die Zukunft, sie kopiert Bergamo.
Und genau hier liegt das Problem. Kompanys Bayern können sich diese Spielweise in der Bundesliga leisten – 73 Punkte nach 28 Spieltagen, Platz eins mit komfortablem Vorsprung. National funktioniert die Übermacht als Schutzschild für taktische Experimente. International fliegt der Bluff auf. Lahm verweist auf Arsenal, das die Manndeckung der Bayern im November 2025 sezierte: 3:1, erste Saisonniederlage. „Europa war zunächst erstaunt, aber wenige Wochen später war Arsenal gut darauf vorbereitet." Ein Satz, der mehr sagt als jede Taktiktafel.
Nun kann man einwenden, dass Bayern heute Abend im Bernabéu gegen Real Madrid im Champions-League-Viertelfinale steht – also so abgehängt nicht sein kann. Das stimmt. Aber Lahms Argument zielt nicht auf ein einzelnes Ergebnis, sondern auf eine Richtung. Die Serie A liefert das Warnbeispiel in Echtzeit: Atalanta, noch vor einem Jahr Europas Überraschungsteam, steht in dieser Saison auf Platz sieben, hat den Trainer gewechselt, verlor im CL-Achtelfinale 1:6 gegen eben jene Bayern. Italiens Fußball hat sich in taktische Nostalgie eingemauert – und bezahlt dafür mit Irrelevanz auf der großen Bühne.
Lahm stellt Spanien als Gegenmodell dagegen: organisierter Kombinationsfußball, klar definierte Rollen, das Spiel in die gegnerische Hälfte verlagern. „Nicht einmal Deutschland gelang in den 70er- und 80er-Jahren eine solche Dominanz." Das ist keine Liebeserklärung an Tiki-Taka, sondern eine Aufforderung an die Bundesliga, wieder eine eigene Handschrift zu entwickeln – statt europäische Trends zu importieren, deren Verfallsdatum bereits abgelaufen ist.
Die Bundesliga war einmal bekannt für Gegenpressing, für vertikales Tempo, für Trainerinnovation. Was davon ist geblieben? Eine Liga, die Manndeckung als Neuheit feiert, während Arsenal unter Arteta die Premier League mit neun Punkten Vorsprung anführt und Spaniens Schule auf Länderebene alles dominiert. Lahm zitiert Lineker – am Ende gewinnen immer die Deutschen – und korrigiert trocken: „Nein, heute ist es Spanien." Man muss nicht jedes Wort von Lahm teilen. Aber wer seine Warnung als Nostalgie eines Ehemaligen abtut, hat nicht verstanden, worum es geht. Es geht nicht um Manndeckung oder Raumdeckung. Es geht darum, ob eine Liga den Mut hat, eigene Antworten zu finden – oder ob sie so lange kopiert, bis niemand mehr hinschaut.









































