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·19 May 2026
Pep Guardiola - Fluch und Segen für den Fußball

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·19 May 2026

Es scheint tatsächlich in diesem Sommer so weit zu sein. Pep Guardiola soll sein Amt als Cheftrainer von Manchester City trotz eines laufenden Vertrags bis 2027 bereits in diesem Sommer niederlegen und einen Schritt vom Fußballgeschäft zurücktreten. Das Ende einer Ära - nicht nur beim Premier-League-Giganten. Ob dies gleichbedeutend mit einem Karriereende zu verstehen ist, ist noch unklar. Zumindest eine längere Auszeit dürfte sich der Star-Trainer gönnen. Jedenfalls ist das Anlass genug, sich dieser Persönlichkeit genauer zu widmen und auch ein wenig über den rein sachlichen Tellerrand hinauszublicken. Ein Kommentar mit reichlich Herzblut.
Im Juli 2008 betrat ein damals noch unbeschriebenes Trainerblatt die ganz große Fußballbühne. Nach vorherigen Aufgaben im Nachwuchsbereich übernahm der damals 37-jährige Pep Guardiola die Profis des großen FC Barcelona und setzte seine große Spielerkarriere auf der anderen Seite der Spielfeldlinie fort.

Joan Laporta und Pep Guardiola 2008 | AFP/GettyImages
Nachdem die Katalanen in den Jahren zuvor häufig eher auf Augenhöhe (oder darunter) der Konkurrenz spielten und glorreichen Tagen der Vergangenheit nicht selten nachliefen, traute man dem unerfahrenen Coach damals noch recht wenig zu. Doch der Trainer-Neuling schockte die Welt.Guardiola überraschte seine Kritiker nicht nur, er veränderte den gesamten Fußball nachhaltig und bis heute – im Guten wie im Schlechten.
Unter seiner Führung entwickelte sich der FC Barcelona mit seiner ganz speziellen Art des Fußballs wenig später zur größten Fußballmacht dieses Planeten und stellte die wohl beste und spielstärkste Vereinsmannschaft aller Zeiten. Ein schier unaufhaltsames Gesamtgefüge, das weltweit für Staunen, aber auch große Ehrfurcht sorgte und dem vor allem in der spanischen La Liga kein Kraut gewachsen war.
Das Sextuple in der Spielzeit 2008/09 aus spanischer Meisterschaft, spanischem Pokalsieg, Sieg in der Champions League, Sieg im UEFA Super Cup, Sieg im spanischen Supercup und der Krönung als FIFA-Klub-Weltmeister war ein historischer Meilenstein in Guardiolas Amtszeit, da es zuvor keinem anderen gelungen war, alle bedeutenden Vereinstitel in einer Saison zu gewinnen.

Pep Guardiola ging hoch hinaus | Denis Doyle - UEFA/GettyImages
Die Legende war perfekt und Guardiolas Spielstil wurde zum weltweiten Trend. Die Spieler des FC Barcelona setzten die Vorgaben ihres Coaches nahezu in Perfektion um und profitierten auch individuell enorm von dessen striktem Taktikplan und revolutionären Ideen.Der Spanier selbst mochte diesen Begriff seines Spielstils gar nicht, der im Grunde einfach beschrieb, worum es bei dieser Art des Fußballs ging: Ballbesitz und simples Kurzpassspiel. Diese vielen kurzen Passstaffetten inspirierten den spanischen Sportjournalisten Andrés Montes zur Benennung des Guardiola-Stils als den noch heute berühmten "Tiki-Taka". Dieser Begriff entsprang letztlich einem Kinderspiel, bei dem kleine Kugeln aufeinandertreffen. Montes formte das Klick-Klack-Spiel in Fußballsprache und assoziierte es mit den taktvollen Pässen der Guardiola-Elf.

Pep Guardiola | Manuel Queimadelos Alonso/GettyImages
Fortan wollten immer mehr Trainer wie der im katalanischen Santpedor geborene Guardiola sein – von den großen Profis bis in den tiefsten Amateurbereich. Kaum ein anderer galt so sehr als Trendsetter wie der frühere Mittelfeldstar. Guardiolas Tiki-Taka faszinierte und revolutionierte das Spiel in seiner Gesamtheit. Allerdings wurde es dadurch auch zum Fluch und Segen des Fußballs, wie wir ihn kennen und kannten.
Barças Dominanz und die Vormachtstellung der spanischen Nationalmannschaft während der Guardiola-Zeit war unübertroffen: In den vier Jahren seiner Amtszeit an der Seitenlinie seines Herzensklubs räumte Guardiola Titel am Fließband ab. Er wurde dreimal spanischer Meister, zweimal Champions-League-Sieger, viermal UEFA-Supercup-Sieger, zweimal FIFA-Klubweltmeister, zweimal spanischer Pokalsieger, dreimal spanischer Superpokalsieger und zweimal Welttrainer.
Die spanische Nationalmannschaft profitierte ebenfalls massiv von der Entwicklung des FC Barcelona unter Guardiola und nahm sich in weiten Teilen seines Spielstils an: Während Pep Cheftrainer der Katalanen war, gewann die Furja Roja mit einem festen Barça-Kern eine Welt- und zwei Europameisterschaften.
Spieler, die unter Guardiola zu Weltstars aufstiegen, gab es vor allem aus den eigenen Reihen des FC Barcelona zu Genüge, womit Guardiola auch dem Nachwuchstrend im Weltfußball neues Leben einhauchte.

Der Schüler und sein Meister: Lionel Messi und Pep Guardiola | LLUIS GENE/GettyImages
Namen wie Carles Puyol, Andrés Iniesta, Xavi, Sergio Busquets, Thiago Alcántara, Sergi Roberto oder Cesc Fàbregas verbreiteten Guardiolas fußballerische Botschaft in die Welt und galten als Musterschüler des Katalanen. Vor allem aber Lionel Messi war Guardiolas kongenialer Partner in dieser Erfolgsgeschichte und beide zusammen bildeten ein Gespann, das bis heute seinesgleichen sucht.
Einerseits sorgte Pep Guardiola mit all seinen Erfolgen und der Dominanz seines Spielstils dafür, dass sich noch mehr Trainer dazu berufen fühlten, es dem Katalanen gleichzutun und ebenfalls einen deutlich ballbesitzlastigeren Ansatz zu verfolgen. Andererseits wurde die eigene Nachwuchsausbildung in vielen Vereinen deutlich wichtiger. Neben aller Ergebnisorientiertheit gewann das Spiel plötzlich auch an ästhetischem Wert und Bedeutung. Man wollte nicht nur Siege einfahren, sondern auch spielerisch besser sein als der Gegner, dominanten und attraktiven Fußball spielen lassen und somit die eigenen Fans begeistern. Guardiolas Spielstil war plötzlich Messlatte und Tiki Taka ein luxuriöser Qualitätsstempel.
Doch damit begannen auch die großen Probleme. Für viele wurde Guardiolas Fußball zum Fluch, denn durch seinen detailverliebten Kontrollansatz ging dem Fußball viel von seinem mitreißenden Hin und Her verloren. Für so manche Kritiker wurde das Spiel plötzlich langweiliger statt schöner anzuschauen und man kann die kritischen Ansätze verstehen. Guardiolas Einfluss war überall spürbar, egal wo er als Trainer auch anheuerte. Der heute 55-Jährige veränderte ganze Nationen in ihrer fußballerischen Ausrichtung und verfälschte damit quasi auch jahrzehntelange Merkmale des Spiels dieser Nationen. So auch in Deutschland, wo der Spanier drei Jahre lang den FC Bayern München trainierte und eben in England bei Manchester City. Das Drama um die falsche Neun sitzt der Mittelstürmernation Deutschland noch immer wie ein tiefer Stachel im Gemüt.
Seit Guardiolas Ankunft in England ist vom klassischen Kick-and-Rush auf der Insel nicht mehr wirklich etwas übrig geblieben. Mit ihm nahm die Premier League plötzlich vor allem die Rolle einer Werbebühne ein, die für das britische Betrachterauge ein eher ungewohntes Spektakel bieten sollte. Weniger Tiefe und Fernschüsse, dafür mehr Tiki Taka. Vielleicht war gerade deshalb der Fußballstil von Jürgen Klopp in England so beliebt, weil er die Menschen daran erinnerte, dass es auch eine impulsivere und intensivere Ausrichtung neben der des Spaniers gibt.

Jürgen Klopp und Pep Guardiola: Rivalen, Trendsetter und Freunde | Robbie Jay Barratt - AMA/GettyImages
Eine Entwicklung, die zuvor auch die Bundesliga durchlief und die sich nachhaltig in der Ausbildung von Trainern und Nachwuchs etablierte. Und auch hier war Klopp schon vor England Guardiolas großer Gegenspieler. Aus der Rivalität und den großen Gegensätzen der beiden Star-Trainer entwickelte sich eine Freundschaft. Guardiola macht keinen Hehl daraus, dass Klopp sein ärgster Widersacher war - aber auch der Trainerkontrahent, den er am meisten bewundert.
Ob der Guardiola-Fußball nun wirklich das Maß aller Dinge in dieser Sportart ist, darüber lässt sich wie bei jeder anderen Geschmacksfrage sicherlich stundenlang streiten und argumentieren, ohne eine richtige oder falsche Lösung zu finden.
Die Fakten liegen auf dem Tisch: Pep hat den Fußball nachhaltig verändert – in beide Richtungen. Der Fußball ist in vielerlei Hinsicht feinteiliger geworden, was für viele die große Schönheit daran ausmacht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich der Fußball in vielerlei Hinsicht angeglichen hat und der spanische Star-Trainer in den Augen seiner Kritiker als invasiver Schädling betrachtet wird, der ganzen Spielstilen ihre Merkmale genommen hat.
Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch auch der große Erfolg, der mit diesem Spielstil einherging. Egal ob in Spanien, England oder Deutschland: Guardiolas Teams gewannen Titel, doch der Fußball entwickelte sich am Maßstab des Visionärs in seiner Gesamtheit weiter. Interessanterweise wurden sowohl Spanien (2010) als auch Deutschland (2014) während einer Amtszeit von Guardiola bei einem heimischen Verein Weltmeister. Bislang tanzt nur England noch aus der Reihe, aber die Three Lions haben ja in diesem Sommer noch Zeit, nachzuholen, was die beiden anderen Länder, in denen Guardiola am Werk war, bereits erreichten.

Pep Guardiola hat auch den FC Bayern zur Weltmacht gemacht | Alexander Hassenstein/GettyImages
Und wer den Spielstil des Katalanen kritisiert und dessen Einfluss auf den Fußball als Ganzes ausblendet, der übersieht vielleicht, dass auch diejenigen, die sich nicht mit Tiki Taka anfreunden wollten, an der Aufgabe gewachsen sind, da man Lösungen brauchte, um der Ballbesitzübermacht Guardiolas Paroli bieten zu können. Den Katalanen und seine Trittbrettfahrer zu entzaubern, war Triebfeder für eine Gesamtentwicklung des Fußballs, die das Niveau auf sein heutiges Level angehoben hat. Somit hat der Einfluss des 55-Jährigen den Fußball in all seinen Ausrichtungen zu neuen Maßstäben getrieben - bewusst oder unbewusst.
Gerade weil Guardiola vor allem für attraktiven Offensivfußball steht, gerät in den Hintergrund, dass der Spanier auch die defensiven Aspekte des Spiels neu definiert und weiterentwickelt hat. Nicht nur beim Gegner, sondern auch bei seinen eigenen Teams. Auch modernes Verteidigen basiert in weiten Stücken heute auf den Ideen des Katalanen. Egal ob mit oder gegen seine Idee.
Was in dieser Hinsicht vielleicht auch nicht außer Acht gelassen werden darf, ist der Trend, den Guardiola für den Trainerjob losgetreten hat, und all die Menschen, die er dazu animiert hat, sich dieser Aufgabe zu widmen. Auch ich habe durch Pep Guardiola meine Liebe zum Trainerdasein entdeckt. Dank ihm habe ich mich neu in den Fußball verlieb und war von der Magie seines Spielstils angezogen. Dank ihm konnte ich mich nicht nur in dieser Sportart deutlich weiterentwickeln, sondern den Fußball auch aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten. Das hat mir unzählige schöne Momente und Begegnungen beschert.
Wenn ich heute sehe, welchen Stellenwert eine Trainerrolle hat und wie breit gefächert der Trainernachwuchs auch im Amateurbereich ist, weil er sich noch immer von Pep Guardiola inspiriert fühlt, dann kann man dem Spanier im Namen der Sportart nur großen Dank aussprechen. Auch im unterklassigen Nachwuchsfußball hat Guardiolas Einfluss zur besseren Ausbildung und Entwicklung vieler Nachwuchskicker geführt.

Guardiolas Lehrlinge: Vincent Kompany und Mikel Arteta | David Price/GettyImages
Zudem gäbe es ohne ihn in dieser Form heute wohl weder einen Vincent Kompany beim FC Bayern noch einen Mikel Arteta beim FC Arsenal oder viele andere Trainernamen von groß bis klein, die aus der Feder Guardiolas entstammen und seine sportliche Botschaft erfolgreich weiterführen. Weitere große und erfolgreiche Trainer arbeiten auf dem Grundgedanken des Spaniers und noch immer treibt es zahlreiche Coaches an, die Fußstapfen Guardiolas ausfüllen zu wollen. Und ganz nebenbei auch einfach mal ein riesiges Lob für ein unvergleichliches Lebenswerk, das hoffentlich noch nicht an seinem Ende angekommen ist.
Ja, Pep Guardiola hat den Fußball verändert - wie man damit umgeht, ist aber jedem selbst überlassen.

Pep Guardiola | Alex Pantling - The FA/GettyImages
Wer ihn verteufeln möchte, darf das tun. Wer ihn kopieren möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Für mich und viele andere dient er noch heute vor allem als Grundlage für eine eigene Idee und Interpretation, die man dank neuer Blickwinkel gestalten und formen konnte, da Guardiolas Stil neue Eckpfeiler gesetzt hat. Den Fußball schlechter gemacht hat der Spanier durch seine Arbeit aber sicherlich nicht.
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