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·28 January 2026
Tuva Hansen, Lea Schüller und Co.: Warum die FC Bayern Frauen und José Barcala richtig handeln

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·28 January 2026

Nach Lea Schüller verlässt auch Tuva Hansen den FC Bayern München. Auf Social Media gibt es viel Unverständnis, dabei sind beide Entscheidungen nachvollziehbar.
Jetzt ist es offiziell: Wie Miasanrot vor wenigen Tagen berichtete, verlässt Tuva Hansen den FC Bayern München noch im Winter. Die 28-Jährige schließt sich West Ham United an. Dort trifft sie unter anderem auf altbekannte Bundesliga-Gesichter wie Shekiera Martinez, Viviane Asseyi, Inès Belloumou oder Verena Hanshaw. Die Hammers haben ein Bild geteilt, auf der eine Spielerin Schuhe mit der Flagge Norwegens trägt. Außerdem ist ein Hundenapf mit dem Namen Vilja zu sehen – der Hund von Hansen.
Auch Lea Schüller wechselte vor einigen Wochen nach England – und zwar zu Manchester United. Mit Georgia Stanway könnte eine weitere Spielerin im Sommer den Weg in die Women’s Super League antreten. Die Engländerin wird ihren auslaufenden Vertrag in München nicht verlängern.
In den sozialen Netzwerken gibt es wegen all dieser Nachrichten nun große Unzufriedenheit. Einige Fans machen Trainer José Barcala dafür verantwortlich, dass verdiente und/oder beliebte Spielerinnen den Klub verlassen. Unter einem Miasanrot-Beitrag zu Hansen auf Instagram gab es 74 Kommentare. Darunter mehrere Forderungen, den Trainer rauszuwerfen.
„Seit er da ist, gehen nur noch mehr Spielerinnen“, schrieb einer. „Bevor sie geht, sollte man den in die Wüste schicken“, wütete ein anderer. Keine Ausnahme. Auch unter anderen Beiträgen des offiziellen Bayern-Accounts und von beispielsweise Soccerdonna lassen sich entsprechende Kommentare finden – teilweise mit vielen Likes.
Ein Verhalten, das viele Fragen aufwirft – zumal der Umgang mit Barcala hier kaum fair zu sein scheint.
Es ist wichtig, hervorzuheben, dass diese Kommentare nur einen Bruchteil des gesamten Meinungsbilds ausmachen. In der Miasanrot-Kurve äußerten einige Fans auch großes Verständnis für die Transfers, in den Abschiedsposts des FC Bayern verabschieden sich viele Fans sehr emotional, aber fair. Dennoch scheinen Erwartungshaltung und Realität hier und da etwas auseinander zu gehen. Betrachtet werden müssen dabei vor allem drei Ebenen: emotional, sportlich, finanziell.
Auf der emotionalen Ebene gibt es gute Gründe für Unzufriedenheit. Schüller ist eine verdiente Spielerin, die in den vergangenen Jahren viele Tore geschossen und damit großen Anteil an den jüngsten Erfolgen des Vereins hat. Die Nationalspielerin war zu Recht sehr beliebt in der Kabine und auch bei den Fans. Ihre Qualitäten im Abschluss und im Kopfballspiel sind enorm. Eine solche Spielerin im Winter abzugeben, kann hier und da für Verwunderung sorgen. Eine Spielerin zu verlieren, die bei vielen Fans hoch im Kurs stand, kann Ärger hervorrufen – das ist so nachvollziehbar wie normal.
Selbiges betrifft Hansen, die mit ihrer ansteckenden guten Laune und starken Leistungen als flexibel einsetzbare Backup-Spielerin ebenfalls zu einem Fanliebling avancierte. Und bei Stanway ist ohnehin klar, dass sie als Schlüsselspielerin fehlen wird. Dass es sich hier emotional so anfühlt, als würde ein großes Stück der Identität wegbrechen, die das Team in den letzten Jahren ausgezeichnet hat, ist kaum abzustreiten. Zumal die emotionale Bindung zu einzelnen Spielerinnen im Fußball der Frauen eine andere ist als im Fußball der Männer.
Auch dort gab es zuletzt die Entwicklung, dass vor allem junge Fans zunehmend Fans von Spielern werden und nicht von Vereinen. Dennoch ist das traditionelle Fandasein – also einen Verein zu unterstützen, der über den Spielern steht – viel verbreiteter, weil traditionell so gewachsen. Diese Traditionen gibt es im Fußball der Frauen nicht so stark. Viele Klubs sind erst seit ein paar Jahren wirklich groß. Und viele Fans verfolgen vor allem die individuellen Geschichten der Spielerinnen, bauen zu ihren Vorbildern und Protagonistinnen emotionale Beziehungen auf.
Das betrifft hier nicht nur junge Fans und hat auch nicht immer nur positive Seiten. Einige Männer leben in sozialen Netzwerken offensichtliche parasoziale Beziehungen aus und reduzieren die Spielerinnen auf ihr Aussehen oder ihre Art, statt die Fußballerin zu sehen. Positiv wiederum ist die Tatsache, dass sich viele junge Mädchen durch ihre Vorbilder endlich im Fußball repräsentiert sehen. Der Fokus auf Einzelspielerinnen kann aber dazu führen, dass in der Bewertung von Transfers nicht das Interesse des Vereins berücksichtigt oder es zumindest nicht sehr stark gewichtet wird.
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Denn für den Verein ist die emotionale Ebene nur ein kleiner Faktor für Entscheidungen. Wichtiger sind die sportliche und finanzielle Ebene. Sportlich gibt es gute Argumente dafür, den Kader im Sommer umzustrukturieren. So gut Schüllers Torquote in den letzten Jahren war, so offensichtlich wurde es vor allem in den letzten zwei Jahren, dass sie mit dem Systemwandel unter Alexander Straus und nun unter Barcala nicht hundertprozentig zurechtkam.
Schüller ist eine Stürmerin, die am liebsten mit viel Platz agiert oder mit Flanken gefüttert wird. Platz hatte sie im ballbesitzorientierten Spiel nicht mehr so viel und Flanken sind auch eher selten im Kurzpassspiel der Bayern. Als mitspielende Stürmerin tat sie sich zunehmend schwerer und hatte so mehrere Phasen, in denen ihr auch das Toreschießen nicht mehr so leicht gefallen ist.
Für eine Spielerin mit ihrem Anspruch und ihrem Gehalt kam eine Rolle auf der Bank schlichtweg nicht in Frage. Sich auf eine der wichtigsten Positionen perspektivisch neu aufzustellen und eine Spielerin zu suchen, die besser ins System passt, ist ein notwendiger Schritt, will man in Zukunft am Ballbesitzfußball festhalten.
Bei Hansen ist die sportliche Situation ebenfalls schwierig. In der vergangenen Saison war sie unter Straus eine Vielspielerin. Das lag aber auch daran, dass der Kader defensiv dünn besetzt war und mit Magdalena Eriksson und Glódis Perla Viggósdóttir zwei Innenverteidigerinnen mit ihrer Fitness zu kämpfen hatten.
Hinzu kam, dass Katharina Naschenweng verletzt war und Franziska Kett noch nicht so beständig gespielt hat wie jetzt. Auf den defensiven Außenpositionen gab es also auch mehr Platz für sie als jetzt.
In dieser Saison stehen innen vier Verteidigerinnen vor ihr: Viggósdóttir und Eriksson sind immer noch da. Außerdem kam mit Vanessa Gilles eine Top-Innenverteidigerin und auch Stine Ballisager ist eine robuste und gute Verteidigerin. Außen ist Carolin Simon wieder gut drauf, Naschenweng kehrte von ihrem Kreuzbandriss zurück und Kett spielt eine sehr starke Saison. Giulia Gwinn ist sowieso gesetzt.
Für Hansen ist also kein Platz. Das ist eine harte Entscheidung, aber eine vertretbare. Und um sich als Gelegenheitsspielerin auf die Bank zu setzen, ist sie zu jung und zu gut. Sie will schließlich auch Nationalspielerin bleiben. Ihre Fans haben recht: Sie ist zu gut für die Bank. Aber die Konkurrenz in der Startelf ist aktuell eben auch gut genug, um nichts am bestehenden Rhythmus zu verändern.
Stanways Fall ist wiederum komplett anders gelagert. Dem Trainer hier einen Vorwurf zu machen, wäre unfair. Die Engländerin wird es womöglich in die Heimat ziehen. Dort verdient sie nochmal mehr Geld, ist in der Nähe ihrer Familie und hat je nach Klub die größeren Chancen auf einen Champions-League-Sieg.
Stanway ist dem FC Bayern leicht entwachsen. Die Münchnerinnen haben sich gut entwickelt, sind aber noch nicht auf dem Niveau der Allerbesten angekommen. Und auch finanziell sind sie weit von den Dimensionen in England, Lyon oder Barcelona entfernt.
Der Abgang war wohl unvermeidbar – zumindest unter der Prämisse, dass die Bayern nicht noch mehr Geld in die Frauenabteilung investieren wollen.
Barcala hingegen macht bisher einen sehr guten Job. Die These, dass Spielerinnen den Klub fluchtartig verlassen würden, lässt sich leicht enkräften. Nicht nur haben zahlreiche wichtige Spielerinnen zuletzt ihre Verträge beim FCB verlängert, auch sind Abgänge vollkommen normal.
Als Lina Magull, Maximiliane Rall oder Sydney Lohmann wechselten, gab es auch viele traurige Fans – einen Abgang von Straus forderte allerdings kaum jemand. Manchmal müssen eben harte Entscheidungen getroffen werden, um sich sportlich weiterzuentwickeln und auch jungen Spielerinnen den entsprechenden Platz für Spielzeit zu ermöglichen.
Barcala stellte sich bei seiner Übernahme einer sehr großen Herausforderung. Er musste das Erbe eines Trainers antreten, der nicht nur sehr erfolgreich, sondern mit seiner Art auch sehr beliebt war. Straus hat drei Jahre lang an einer neuen Spielidentität gefeilt und Bayern in eine sehr gute Ausgangssituation gebracht, auch in Europa erfolgreicher zu werden.
Die Erwartungshaltung war einerseits also groß. Andererseits entstand auch zunehmend das Gefühl, dass gerade dieser letzte Schritt nach oben unglaublich schwer ist. Wegen finanzieller Unterlegenheit und dem mindestens kleinen sportlichen Abstand zu Barcelona und anderen.
Gerade dieser letzte Schritt ist so schwer, weil Spielerinnen wie Stanway oft nicht die Geduld haben, über mehrere Jahre hinweg etwas aufzubauen. Sie wollen ihre kurze Karriere nutzen, um möglichst viele Titel zu holen. Dasselbe Schicksal könnte die Bayern nächstes Jahr auch bei Klara Bühl ereilen.
Und dennoch meistert Barcala seinen Job bisher sehr gut. Das Spiel der Bayern hat nicht an Attraktivität verloren. Es ist offensiv sogar noch etwas risikofreudiger geworden, dafür bisweilen einen Tick weniger kontrolliert.
Bisher ist es aber mindestens genauso erfolgreich. In der neuen Ligaphase in die Top-4 gekommen zu sein, ist ein kleines Statement. National ist man weiterhin das Maß aller Dinge und junge wie alte Spielerinnen haben deutliche Schritte nach vorn gemacht – Bühl, Pernille Harder oder Kett zum Beispiel. Die große Frage ist, ob unter den aktuellen Bedingungen noch viel mehr möglich ist oder ob man in München nicht so langsam ein Plateau erreicht hat.
Der Übergang verlief deutlich reibungsloser, als man das womöglich hätte erwarten können. Insofern gibt es kaum rationale Gründe dafür, Barcala so scharf zu kritisieren, wie das mancherorts aktuell passiert.
Emotionalität ist ein wichtiger Teil des Fußballs. Aber ein respektvoller und fairer Umgang ist mindestens ebenso wichtig. Mit den Abgängen verschafft sich der FC Bayern nicht nur die Möglichkeit, doch noch ein bisschen Geld für Spielerinnen einzunehmen, die im Sommer sonst ablösefrei gegangen wären. Er verschafft sich auch die Möglichkeit, den Kader an wichtigen Stellen zu schärfen und für frischen Wind zu sorgen.
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