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·26 June 2026
USA nach der Türkei-Pleite: Wirklich ein Geheimfavorit?

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·26 June 2026

Malik Tillman wirkte bedient. Der Leverkusener Spielmacher in Diensten der USA hatte soeben zusammen mit dem Rest der US-Boys das abschließende WM-Gruppenspiel gegen die Türkei auf den letzten Drücker mit 3:2 verloren. Rein tabellarisch zog das Ergebnis keine Auswirkungen nach sich, Tillman und Co. standen bereits vor Anpfiff der Partie als Gruppensieger fest. Nichtsdestotrotz wirkt es, als hätte bei der Gastgebernation jemand mächtig auf die Euphorie-Bremse getreten? Was steckt dahinter?
„Wir hatten wenig Bewegung, wenig Laufwege in die Tiefe und haben oft viel zu langsam gespielt. Das Ergebnis war nicht das Wichtigste heute. Aber wir können und dürfen einfach nicht zufrieden sein mit der Art und Weise, wie wir heute gespielt haben.“ Tillman weiß, wovon er spricht. Der Zehner durfte sich das Geschehen größtenteils aus nächster Nähe von der Bank anschauen. Dieses Schicksal teilte er sich allerdings mit dem Großteil der Stammspieler-Riege.
Neun Wechsel nahm Trainer Mauricio Pochettino im Vergleich zum 2:0-Sieg gegen Australien vor. Die Rotation überstanden einzig die beiden Ex-Bundesligaakteure Weston McKennie und Ricardo Pepi. Keine Schande also, gegen frei aufspielende Türken knapp zu verlieren. Der zweite Anzug der USA ist nun mal nicht auf Weltklasseniveau, diese Tatsache sollte niemanden überraschen. Aber er muss es eben auch nicht sein, damit sich das Team auch über das Sechzehntelfinale hinaus im Turnier hält.
Dort treffen Pochettinos Jungs am kommenden Donnerstag auf Bosnien und Herzegovina. Ein in der Theorie hart umkämpftes Duell, in welches die USA allerdings als Favorit gehen wird. Die Balkan-Kicker qualifizierten sich erst durch einen Kraftakt am letzten Spieltag als einer der besten acht Gruppendritten für die Zwischenrunde. Das Team von Sergej Barbarez hat damit bereits bosnische WM-Geschichte geschrieben und nimmt erstmals an der K.O.-Runde teil. Als Gruppendritter stellt sich in der Regel nicht die Frage, ob du Außenseiter bist, sondern wie sehr du Außenseiter bist. Was uns zurück zur USA führt. Was sind sie denn nun, die Stars and Stripes? Ein echter Geheimfavorit oder Profiteur einer günstigen Gruppenkonstellation?
Um eine vernünftige und fundierte Antwort auf die beiden Fragen zu geben, müssen vor allem die ersten beiden Gruppenspiele in der Bewertung priorisiert werden. Und das Fazit fällt durchweg positiv aus. Sowohl gegen Paraguay als auch gegen Australien nahm die USA das Zepter in die Hand und ließ in beiden Partien praktisch nie Zweifel aufkommen, wer am Ende als Sieger vom Platz gehen würde. Die Ergebnisse: 4:1 und 2:0 – genauso überzeugend wie das Auftreten an sich. Zudem schaffte es die Mannschaft, ein wichtiges Fragezeichen auszuradieren. Pochettino musste gegen Australien auf Starspieler Christian Pulisic aufgrund von Wadenproblemen verzichten. Die Angst vor dem Turnier bestand darin, zu abhängig vom Ausnahmekönner des AC Mailand zu sein. Seine Teamkollegen lösten die Aufgabe allerdings mit Bravour.

Foto: IMAGO
Ohnehin spielen sich abgesehen vom Ex-Dortmunder einige Akteure ins Rampenlicht. Folarin Balogun überzeugt als Torjäger (Zwei Treffer), Verteidiger Alex Freeman stellte gegen Australien seine Vielseitigkeit unter Beweis, Weston McKennie ist ein echter Mittelfeldmotor. Flankiert werden sie von jeder Menge solider bis guter Akteure, die durch ihre Engagements in Europas Top-Ligen hohes Niveau gewöhnt sind. Pochettino ist ein erfahrener und erfolgreicher Trainer auf dem höchsten Level, die Fans spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Heimvorteil ist ein echter Faktor und kann in engen K.O.-Spielen den Unterschied ausmachen. Großartige Aussichten also. Oder gibt es einen Haken?
Für die Krux an der Sachlage können die Spieler selbst überhaupt nichts. Dennoch muss der Faktor Gegnerstärke-, beziehungsweise Schwäche berücksichtigt werden. Weder Paraguay noch Australien sind echte Härtetests, das Spiel gegen die Türkei muss aufgrund von Pochettinos Rotationsmanövern größtenteils ausgeklammert werden. Es fehlt also der Pflichtspiel-Vergleich gegen einen echten Top-Gegner. Nicht die Schuld der Gastgebernation, aber etwas, was die Prognose für den weiteren Turnierverlauf erschwert.
Der letzte Weltranglisten-Top-20-Gegner der USA war indes niemand anderes als Deutschland. Die WM-Generalprobe in Chicago ging gegen das DFB-Team zwar verloren, dennoch zeigte Pochettinos Team eine gute Leistung und hätte durchaus mehr verdient gehabt. Grundsätzlich schlug sich die USA auch in den anderen Testspielen gegen Top-Gegner phasenweise wacker, am Ende reichte es aber dennoch nie für ein positives Endresultat. Neben dem knappen 1:2 gegen Deutschland verlor man in der Vorbereitung gegen Portugal (0:2) und Belgien (2:5), schlug aber immerhin den Senegal (3:2).
Irgendwo zwischen deutlichen Pflichtsiegen in der Gruppenphase und den Erkenntnissen aus den Testspielen liegt die Wahrheit. Die USA stehen vollkommen zurecht in der K.O.-Runde der Weltmeisterschaft und können auch durch eine günstige Auslosung möglicherweise sogar bis ins Viertelfinale vorstoßen. In San Francisco gegen Bosnien und Herzegovina ist man Favorit und sollte dieser Rolle auch gerecht werden können. Gelingt der Einzug ins Achtelfinale, könnte dort mit Ägypten (aktuell Gruppenerster der Gruppe G) das nächste dankbare Los warten. Auf dem Papier wird der Einzug in ein WM-Viertelfinale nicht viel einfacher. Zumal die Stars and Stripes in jeder Partie den Heimvorteil genießen würden.
Spätestens ab da warten dann aber echte Titelfavoriten. Spanien ist nach dem heutigen Stand für den Fall der Fälle das realistischste Gegner-Szenario. Die positive Gestaltung der Gruppenphase reicht nicht aus, um den Gastgebern gegen solche Kaliber nach dem heutigen Stand tatsächlich einen Sieg zuzutrauen. Zumal für den ganz großen Wurf gleich mehrere Sensationen in Folge passieren müssten. Für diesen Kraftakt besitzt der Kader schlichtweg nicht die Qualität in der Breite und kann Schwachstellen wie beispielsweise das fehlende Tempo von Kapitän und Innenverteidiger Tim Ream nur schwer kompensieren.
Den USA in Summe die Rolle als echter Geheimfavorit auf den Titel zuzusprechen, fällt also schwer. Der Euphorie sollte das jedoch keinen Abbruch tun. Die Mannschaft hat sich hervorragend weiterentwickelt und könnte auch auf dem Papier den nächsten Schritt gehen. Bei der WM 2022 in Katar erreichten die US-Boys das Achtelfinale, dieses Jahr stehen die Chancen aufs Viertelfinale mehr als gut. Ein Ergebnis, welches wohl viele US-Amerikaner vor dem Turnier unterschrieben hätten. So weit sind wir jedoch noch nicht. Der Status als Geheimfavorit ist fraglich, die Favoritenfrage für das Sechzehntelfinale aber geklärt. Gelingt der Schritt ins Achtelfinale, wird auch Malik Tillman sicher erstmal wieder lächeln können.







































