Exklusiv | FIFA-Schiedsrichter Osmers über neue WM-Regeln: „Mehr VAR finde ich eher schwierig“ | OneFootball

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·3 de junio de 2026

Exklusiv | FIFA-Schiedsrichter Osmers über neue WM-Regeln: „Mehr VAR finde ich eher schwierig“

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Mit der WM in den USA, Kanada und Mexico steht das große Fußballhighlight des Jahres 2026 unmittelbar bevor. Millionen Fans blicken voller Vorfreude auf das Turnier und fiebern dem Schlagabtausch der Superstars entgegen. In nur wenigen Tagen schon redet die ganze Weltöffentlichkeit über Lamine Yamal, Harry Kane oder Kylian Mbappé.

Traditionell deutlich weniger wird über jene Personen gesprochen, die das größte Sport-Spektakel der Welt federführend leiten: die Schiedsrichter. Dabei werden knifflige Entscheidungen in großen Spielen, Diskussionen rund um den VAR und der Umgang mit Regelanpassungen auch bei dieser WM ein prägendes Thema sein.


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Vor dem Turnierstart hat 90PLUS-Redakteur Philipp Overhoff daher mit FIFA-Schiedsrichter Harm Osmers gesprochen. Der 41-Jährige gehört seit Jahren zu den bekanntesten Unparteiischen im deutschen Profifußball, pfiff bereits weit über 100 Bundesligaspiele und kommt regelmäßig auch auf internationaler Bühne zum Einsatz.

Im Gespräch mit 90PLUS äußert sich Osmers über den Status quo der Schiedsrichterei in Deutschland, aktuelle Entwicklungen rund um das Regelwerk und die anstehende Weltmeisterschaft. Zudem gibt er spannende Einblicke in den Alltag eines Top-Schiedsrichters und erklärt, worauf es bei einem Turnier dieser Größenordnung besonders ankommt.

Osmers: Buli-Schiedsrichter haben „einen ordentlichen Job gemacht“

90PLUS: Harm, wenn du auf die vergangene Bundesliga-Saison zurückblickst: Wie würdest du die Leistungen der deutschen Schiedsrichter insgesamt bewerten?

Harm Osmers: Ich stelle immer wieder fest, dass ein Saisonfazit oftmals gelassener und ein Stück weit auch emotionsloser ausfällt, als wenn man kurz nach Spielschluss auf einen Spieler zugeht und diesen nach seiner Meinung zum Schiedsrichter fragt. Nach 34 Spieltagen, dem DFB-Pokalfinale und den Relegationsspielen glaube ich, dass wir einen ordentlichen Job gemacht haben. Natürlich gab es Aufreger und Themen, über die im Anschluss drei oder vier Tage lang diskutiert wurde. Aber das hatten wir vor zehn Jahren ohne Videoassistenten auch und ist einfach ein Stück weit normal. Am Ende müssen sich aber die Zuschauer und Betroffenen ihr eigenes Urteil bilden.

Gab es Dinge, die dich besonders positiv überrascht haben? Gab es auch Entwicklungen, die dir Sorgen machen?

HO: Die Neuerung, dass Schiedsrichter in den Stadien durchsagen machen, hat sich etabliert und ist relativ schnell zur Normalität geworden. Im Vorfeld war ich mir nicht sicher, wie das ankommt. Mittlerweile muss ich sagen, dass sich die Situation für den Stadion-Zuschauer in jedem Fall verbessert hat. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die hervorragende Leistung, die Daniel Siebert im Champions-League-Finale gezeigt hat.

Bei der Kapitänsregelung sind wir dagegen leider zurück in alte Muster verfallen. Gerade im Vergleich zur Zeit nach der EM 2024 sind wir ein bisschen vom Kurs abgekommen. Ich höre immer wieder, auch aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dass wir diese Regel konsequent durchsetzen sollen. Da muss ich selbstkritisch sagen, dass wieder da wieder stringenter werden müssen.

Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen werden immer emotionaler. Hast du das Gefühl, dass ihr häufiger im Mittelpunkt steht als noch vor einigen Jahren?

HO: Die Frequenz, in der über Schiedsrichter und deren – vermeintliche und tatsächliche – Fehler gesprochen wird, hat sich massiv erhöht. Heute ist es möglich, sich den gesamten Tag über mit Nachberichterstattungen zu Spielen und auch zu Schiedsrichterleistungen zu befassen. Wenn man das tut, dann bekommt für sich persönlich den Eindruck, als würden Schiedsrichter die ganze Zeit im Mittelpunkt stehen. Das hängt aber ganz entscheidend mit der Medienkonsumweise zusammen. Was ich immer wieder feststelle: Der Peak, auf dem über Schiedsrichterentscheidungen diskutiert wird, geht steil nach oben, aber genauso schnell auch wieder runter. Die Ausschläge sind aber heftiger geworden.

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Foto: Getty Images

Durch Social Media wird heute jede Szene innerhalb von Sekunden auseinandergenommen. Schiedsrichtern schlagen dort nicht selten heftige Reaktionen entgegen. Forderungen nach einem Entzug der Lizenz sind da noch harmlos. Wie sehr beschäftigt einen das eigentlich?

HO: Ich glaube, keiner kann seine Rolle als Schiedsrichter und seine Rolle als Privatperson trennen, sobald er die Schiedsrichterklamotten ausgezogen hat. Solche Kommentare wirken nach und fühlen sich nicht gut an. Aber so ein bisschen entspannter wird man mit der Zeit schon. Und die Einordnung hilft auch: Es ist nun einmal die Zeit heutige Zeit. Das werde ich nicht verändern können. Aber ich kann zumindest meinen Umgang damit verändern und nicht gezielt danach suchen.

Wie nimmst du aktuell den Umgang zwischen Spielern und Schiedsrichtern wahr? Hat sich die Kommunikation auf dem Platz in den vergangenen Jahren verändert?

HO: Bundesliga-Fußball ist kein Streichelzoo. Während der 90 Minuten ist die Kommunikation da schon manchmal etwas schärfer. Aber spätestens nach dem Spiel wird wieder korrigiert, was vorher vielleicht drüber war oder ausgeufert ist. Insgesamt ist der Umgang mit den Spielern gut. Da ist nichts verrutscht oder in irgendeiner Weise dramatisch. Was sowieso immer hilft, ist, im Nachgang das Gespräch zu suchen.

Immer häufiger beschweren sich Spieler öffentlich über die Kommunikation des Schiedsrichters. Wie blickst du darauf?

HO: Ich bin erstmal ein Freund davon, dass man so etwas ausräumt und persönlich in der Kabine bespricht. Aber gerade nach emotionalen Spielen kann es natürlich passieren, dass ein Spieler fünf Minuten nach dem Abpfiff zum Interview muss und sich dementsprechend hitzig äußert. Das haben Spieler wie Stefan Effenberg früher auch schon gemacht. Deswegen würde ich das nicht überbewerten.

Große Spiele & internationale Erfahrungen

Kommen wir nun auf die großen, internationalen Turniere zu sprechen: Was unterscheidet solche Spiele aus Schiedsrichtersicht vom Bundesliga-Alltag?

HO: Internationale Spiele haben immer einen anderen Fokus. Da laufen Spieler für ihr Land auf, was nochmal besonderer ist. Das geht mit dem Abspielen der Nationalhymne los, das hat einen Impact auf die Spieler. Natürlich stellt man sich als Schiedsrichter auf diese Art der Intensität ein.

Du warst bei der U21-EM 2021 auf dem Platz und bei der Frauen-EM 2022 als Videoassistent dabei. Wie fühlt sich so ein Turnier aus Schiedsrichtersicht an? Ist das eher Vorfreude oder dauerhafte Anspannung?

HO: So richtig in die Entspannung kommt man nicht. Du wartest, trainierst und bereitest dich auf einen Einsatz vor. Da es drumherum kaum zu Ablenkungen kommt, etwa in Form von Familienbesuchen, ist es ganz wichtig, wie die Stimmung und die Rahmenbedingungen im Schiedsrichtercamp sind. Die Gefahr, dass es zu einem Lagerkoller kommt, gilt es zu verhindern. Ganz persönlich waren meine beiden Turniererfahrungen leider ein Stück weit von Corona geprägt.

Viele Fans sehen am Ende nur die 90 Minuten auf dem Platz. Wie viel Arbeit steckt tatsächlich hinter der Vorbereitung auf ein großes Turnier?

HO: Bei allen Schiedsrichtern, die an einer Weltmeisterschaft teilnehmen, stand ein langer Weg davor. Da sind Jahre in die Vorbereitung und in die Befolgung von Trainingsplänen geflossen. Alle, die dort teilnehmen dürfen, haben eine ganz lange und erfolgreiche Reise hinter sich.

Nimm uns mal mit durch einen typischen Turnier-Spieltag: Wie läuft die Vorbereitung auf ein Spiel ab?

HO: Man strukturiert seinen Tagesablauf nach dem Zeitpunkt des Anstoßes. Wenn das Spiel beispielsweise um 18.00 Uhr beginnt, trifft sich das Schiedsrichterteam morgens zum Frühstück. Im Nachgang setzt man sich oftmals mit Matchanalysten zusammen und schaut darauf, wie beide Mannschaften spielen. Außerdem ist ein Spaziergang oder eine kurze Aktivierung gängig. Danach stehen das Mittagessen und eine kurze Erholung auf dem Programm, bevor es etwa drei Stunden vor Anpfiff zum Stadion geht. Dort wird das technische Setup gecheckt.

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Foto: Getty Images

Wie sieht es mit der Nachbereitung eines Spiels aus?

HO: Bei Turnieren ist es üblich, dass man nach Abpfiff in der Kabine ein erstes Feedback erhält. Eine gründliche Nachbereitung folgt gerade bei späten Anstoßzeiten aber erst am nächsten Tag.

Wie unterscheiden sich Vor- und Nachbereitung als Schiedsrichter bzw. Videoassistent?

HO: Der Feldschiedsrichter legt ein großes Augenmerk auf die Interaktion mit den Spielern. Darauf muss sich der Videoassistent gar nicht vorbereiten. Das gesamte Spiel-Management liegt in den Händen des Feldschiedsrichters. Dahingehend muss eine Vorbereitung und auch eine Anpassung auf die beteiligten Mannschaften erfolgen. Der Videoassistent blickt deutlich nüchterner auf Sachverhalte, stellt Prozesse sicher und schaut weniger auf das Spiel-Management.

Bei internationalen Wettbewerben arbeiten Schiedsrichter aus unterschiedlichen Nationen in Teams zusammen. Kann das – insbesondere kommunikativ – zu einer Herausforderung werden?

HO: Als FIFA-Schiedsrichter gibt es gewisse Standards. Dazu gehört, die Prozesse und regeltechnischen Grundlagen auch im Englischen zu beherrschen. Deshalb könnte ich nach einer kurzen Abstimmung auch mit Kollegen aus dem Ausland problemlos ein Spiel leiten.

Gerade bei schwer zu entscheidenden Szenen in großen Spielen sind absolute Nuancen in der Regelbewertung entscheidend. Gibt es in internationalen Konstellationen bestimmte Buzzwords oder Fachbegriffe, welche die Kommunikation erleichtern und von allen Beteiligten gekannt werden müssen?

HO: Ein Beispiel wäre die Zusammenarbeit mit den Schiedsrichterassistenten. Heutzutage ist es üblich, eine Abseitssituation erstmal durchlaufen zu lassen, bis der Torerfolg eintritt oder die Szene nicht mehr scharf ist. Erst dann wird die Fahne gehoben, damit gegebenenfalls der Videoassistent eingreifen kann. Deshalb sagt der Schiedsrichterassistent, wenn er ein Abseits wahrnimmt, nur „Delay“ und die Szene läuft durch. In dem Augenblick, wo die Situation nicht mehr scharf ist, hebt er die Fahne, und dann pfeift der Schiedsrichter. Das sind Prozesse oder Buzzwords, die mittlerweile Standard sind.

WM 2026, neue Regeln & die Zukunft des Fußballs

Fans und Medien philosophieren im Vorfeld großer Turniere gern über mögliche „Player to Watch“. Gibt es bei dieser WM auch einen Schiedsrichter, auf den du ganz genau achten wirst?

HO: Da ich den europäischen Fußball ohnehin viel verfolge, schaue ich eher auf die anderen Kontinentalverbände. Wo stehen die eigentlich? Was zeichnet sie aus und wie lautet deren Ansatz? Insbesondere die Schiedsrichter aus Südamerika haben einen sehr herausfordernden Job. Meistens kann man von denjenigen am meisten lernen, die die härtesten Rahmenbedingungen besitzen. Ich habe aber keinen konkreten Kandidaten.

Bei der WM soll der VAR noch mehr Verantwortung bekommen. Das betrifft in erster Linie Eckbälle und Gelb-Rote Karten. Sofern die zweite Gelbe Karte einer Gelb-Roten Karte nicht korrekt war, kann jetzt ein Eingriff von außen erfolgen. Wie stehst du zu dieser Entwicklung?

HO: Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass wir nicht mehr, sondern weniger Videoassistent brauchen. Dass es aktuell mehr wird, finde ich deshalb eher schwierig. Ich gehe nicht davon aus, dass diese beiden Änderungen den ganz großen Impact haben werden. Mir ist beispielsweise nicht bekannt, dass mal eine große Nation aus einem Turnier ausgeschieden wäre, weil sie ein Tor nach einem zu Unrecht gegebenen Eckstoß kassiert hat. Aber vielleicht funktioniert es und ich halte es nach der WM doch für eine tolle Sache.

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Besteht die Gefahr, dass der Fußball dadurch noch kleinteiliger wird?

HO: Ich sehe das so: Die neuen Regeln betreffen vor allem das Mikro-Management. Und das wollen wir doch eigentlich nicht dem Videoassistenten zuschieben.

Zusätzlich sollen neue Regeln zur Eindämmung des Zeitspiels getestet werden. Ganz konkret sprechen wir von der Fünf-, Zehn- und Sechzig-Sekunden-Regel. Waren solche Maßnahmen dringend überfällig?

HO: Dass jetzt etwas mehr Zeitdruck ausgeübt wird, finde ich gar nicht schlecht. Dieser Sache kann ich ein bisschen mehr abgewinnen. Ein Spiel soll im besten Fall dynamisch und schnell sein. Ich bin aber immer ein Freund davon, dass neue Regeln nicht nur auf dem höchsten Niveau funktionieren, sondern auch in der Kreisliga. Dort hat ein einzelner Schiedsrichter nicht die Möglichkeit, Kompetenzen so zu verteilen, wie wir es in der Bundesliga machen, und die Einhaltung sämtlicher Regeln durchgehend im Auge zu behalten.

Welche Neuerungen könnten wir kommende Saison auch in der Bundesliga oder Champions League sehen? Die VAR-Überprüfung von Eckball-Situationen beispielsweise ist nicht für alle Wettbewerbe verpflichtend.

HO: Das wird dort, wo eine Änderung optional ist – also vom Wettbewerbsveranstalter eingeführt werden kann oder auch nicht -, von den Erfahrungswerten bei der WM abhängen. Auch wenn es erstmal komisch klingt, fungiert die WM insoweit als Testballon. Wenn die betreffenden Änderungen erfolgreich waren, sehe ich sie auch in der Bundesliga.

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