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·30 de marzo de 2026

Solange Coming-outs im Fußball Mut erfordern, versagen die Strukturen

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Christian Dobrick vom FC St. Pauli outete sich als erster aktiver Fußballlehrer eines deutschen Profivereins. Bundestrainer Nagelsmann nennt das Schweigen anderer schade.

Ein Bundestrainer muss im März 2026 vor laufender Kamera erklären, dass Homosexualität „etwas Normales" ist. Nicht auf einer Pressekonferenz über Taktik, nicht nach einem Länderspiel – sondern weil ein 29-jähriger Jugendtrainer den Schritt gewagt hat, öffentlich zu sagen, wen er liebt. Julian Nagelsmann findet dafür das richtige Wort: „schade". Schade, dass es dieses Gespräch überhaupt noch braucht. Und genau in diesem Wort steckt die ganze Diagnose.


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Christian Dobrick, U19-Trainer des FC St. Pauli, hat am 24. März sein Coming-out öffentlich gemacht – in Interviews mit dem „Stern" und bei „RTL". Er ist damit der erste aktive Fußballlehrer eines deutschen Profivereins, der diesen Schritt geht. Nicht der erste homosexuelle Mensch im Profifußball, wohlgemerkt: der erste, der es ausspricht. Das ist ein Unterschied, der wehtun sollte. Denn er bedeutet, dass all die anderen schweigen. Noch immer.

Nagelsmann benennt den Widerspruch präzise: „In der Gesellschaft ist Homosexualität verankert, im Fußball dauert es noch. Das finde ich nicht richtig." Er spricht von homosexuellen Freunden, die lange unter dem Druck litten, sich nicht outen zu können, und beschreibt den Moment des Aussprechens als „befreiend". Das ist keine abstrakte Solidaritätsbekundung – das ist ein Bundestrainer, der den psychischen Preis benennt, den das System Profifußball von Betroffenen verlangt.

Seien wir ehrlich: Die Gesellschaft hat dieses Thema längst eingeholt. Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, lebt offen homosexuell. Thomas Hitzlsperger outete sich Anfang 2014 – allerdings erst nach Karriereende. Zwölf Jahre liegen zwischen Hitzlspergers Schritt und Dobricks Coming-out. Zwölf Jahre, in denen kein aktiver Profispieler in Deutschland nachgezogen hat. Keine Null, die sich mit „die Zeit war noch nicht reif" erklären lässt.

Die Frage ist nicht, ob der Fußball tolerant sein will. Jeder Verband, jeder Verein hat inzwischen Diversity-Klauseln, Regenbogen-Eckfahnen und Kampagnentage im Kalender. Die Frage ist, warum es im Jahr 2026 noch individuellen Mut braucht, wo Institutionen längst die Bedingungen hätten schaffen müssen, unter denen ein Coming-out kein mutiger Akt mehr ist. Dobrick erzählt, dass ihn eine Begegnung mit Jürgen Klopp ermutigt habe – der sagte: „Du musst du selbst sein." Ein schöner Satz. Aber wenn ein Mensch erst den Zuspruch einer Fußball-Ikone braucht, um sich selbst zu leben, dann funktioniert nicht der Mensch nicht richtig, sondern das System.

Nagelsmann hofft, „dass viele andere nun den Mut zusammennehmen und wir irgendwann nicht mehr darüber diskutieren müssen". Zur Wahrheit gehört auch: Diese Hoffnung richtet sich an die Falschen. Nicht die Betroffenen müssen mutiger werden. Die Kabinen müssen sicherer werden, die Kurven leiser bei Schmähungen, die Verbände konkreter in ihren Konsequenzen. Solange der Profifußball die Verantwortung auf die Schultern einzelner Mutiger legt, bleibt jedes Coming-out ein Nachrichtenereignis – und jede Regenbogenbinde Dekoration.

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