90PLUS
·9 juin 2026
38 gegen 78: Das verrückteste Duell der WM 2026

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Vierzig Jahre Altersunterschied, eine Seitenlinie. Die WM 2026 liefert zum Auftakt ein Aufeinandertreffen, das der Fußball so noch nie gesehen hat – und das weit mehr verrät als nur ein Gruppenspiel-Ergebnis.
Julian Nagelsmann ist 38 Jahre alt und damit der einzige Cheftrainer bei dieser WM, der noch unter 40 ist. Dick Advocaat ist 78 und bricht damit den bisherigen Altersrekord von Otto Rehhagel (71 Jahre, WM 2010) deutlich. Wenn Deutschland am 14. Juni in Houston auf Curaçao trifft, stehen sich auf der Bank zwei Männer gegenüber, die symbolisch für zwei völlig unterschiedliche Epochen des Trainerwesens stehen.
Nagelsmann steht für den Prototyp des modernen Konzepttrainers: akribische Videoanalyse, taktische Flexibilität im laufenden Spiel, datengestütztes Pressing. Advocaat steht für etwas, das man nicht aus Datenpaketen destillieren kann – vier Jahrzehnte Erfahrung auf allerhöchstem Niveau, von der niederländischen Nationalmannschaft über Zenit St. Petersburg bis hin zu Feyenoord Rotterdam.
Dabei wäre Advocaat bei dieser WM gar nicht dabei, hätte ihn das Leben nicht zweimal auf die Seitenlinie zurückgezwungen. Im Februar trat er aus familiären Gründen zurück – seine Tochter war schwer erkrankt. Nachfolger Fred Rutten übernahm, verlor mit Curaçao 0:2 gegen China und 1:5 gegen Australien, und wurde wenige Wochen später von einem Aufstand aus Spielern und Sponsoren hinweggefegt, die lautstark Advocaats Rückkehr forderten. Als sich der Gesundheitszustand seiner Tochter stabilisierte, sagte der 78-Jährige wieder zu.
Advocaat selbst gibt sich bei diesem Thema bedeckt: „Wie es mit Fred Rutten genau gelaufen ist, kann ich nicht sagen. Aber wenn sie mich fragen, ob ich wieder übernehmen will – warum soll ich dann nein sagen?“ Klare Worte vom „kleinen General“, der auf einmal überraschend entspannt wirkt. Auf Trainingseinheiten am Strand, lockere Atmosphäre, lange Leine für die Spieler – für alle, die Advocaat vom niederländischen Nationalteam kennen, ist das ein Kulturschock.
Für Nagelsmann ist die WM in den USA kein Heimspiel. Bei der EM 2024 in Deutschland waren die Rahmenbedingungen komfortabel – vertraute Stadien, heimische Fans, kurze Wege. Jetzt wartet eine Klimaanlage in Houston, ein Gegner, den niemand wirklich kennt, und dahinter Ecuador und die Elfenbeinküste. Die Gruppe ist machbar, aber nicht geschenkt.
Die eigentliche Frage ist eine andere: Kann Nagelsmanns komplexes System in der Drucksituation eines WM-Turniers konsistent funktionieren? Im Vereinsfußball hat er wochenlang Zeit, seine Ideen einzuschleifen. Im Nationalteam bleibt kaum eine Woche. Was in der Bundesliga wie ein Masterplan wirkt, kann bei kurzen Vorbereitungszeiten schnell zur Überforderung werden.
Dazu kommt die Personalie Manuel Neuer. Der 40-jährige Torhüter wurde von Nagelsmann zurückgeholt – eine Entscheidung, die Advocaat übrigens ausdrücklich lobt. Geht sie schief, wird Nagelsmann direkt zur Rechenschaft gezogen. So funktioniert das bei Turnieren.
Advocaat hat vor dem Spiel keinen Hehl daraus gemacht, was er von der DFB-Elf hält: „Deutschland ist klarer Favorit. Sie sind noch immer ein großes Fußballland.“ Und gleichzeitig: „Jeder kann überraschen. Warum nicht Curaçao?“ Das ist nicht bloß Bescheidenheitsfloskel – das ist die Weltanschauung eines Mannes, der in vier Jahrzehnten Trainerkarriere gelernt hat, dass Fußball sich nicht immer an Tabellen hält.
Nagelsmann weiß das. Unterschätzen wird er Curaçao nicht – das hat er nach der Auslosung klar gesagt. Was er beim WM-Auftakt beweisen muss, ist etwas anderes: dass sein System auch dann funktioniert, wenn der Druck real wird. Advocaat hat das schon tausend Mal erlebt. Nagelsmann steht kurz davor, es zum ersten Mal zu lernen.







































