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·20 mai 2026

Ballweg und Hagedorn: "Die Entwicklung ist rasant"

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Seit Anfang 2025 setzt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf ein neues Konzept: Talent- und Leistungsförderzentren sollen den weiblichen Nachwuchs gezielt fördern und die Bedingungen für junge Spielerinnen nachhaltig verbessern. Doch was steckt dahinter? Und funktioniert das in der Praxis wirklich? DFB-Expertin Ulrike Ballweg, Sportliche Leiterin Talentförderung Frauen und Mädchen beim DFB, und Verena Hagedorn, Trainerin der U 21 des 1. FC Köln, haben sich zum DFB.de-Interview im Geißbockheim in Köln getroffen und geben Einblicke in ein Projekt, das den Frauenfußball in Deutschland weiter stärken soll.

DFB.de: Ulrike Ballweg, warum wurde mit Beginn des Jahres 2025 das Konzept der Talent- und Leistungsförderzentren umgesetzt? Was waren die Ziele?


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Ulrike Ballweg: Ganz grundsätzlich, um die weibliche Nachwuchsförderung zu professionalisieren. Gemeinsam mit den Vereinen wollen wir die Bedingungen für unsere Spielerinnen weiter verbessern. Das funktioniert am besten, wenn Klubs und Verband eng zusammenarbeiten, was hier definitiv der Fall ist.

DFB.de: Verena Hagedorn, Sie vertreten in diesem Zusammenhang die Sicht der Vereine. Warum hat sich der 1. FC Köln entschlossen, an dem Projekt teilzunehmen?

Verena Hagedorn: Weil wir davon überzeugt sind, dass es zur weiteren Qualitätssicherung im Frauenfußball beiträgt. Wir alle haben das gemeinsame Ziel, den Frauenfußball noch besser aufzustellen. Wir sind bereits auf einem guten Weg, aber es geht immer noch mehr. Da wollen wir dabei sein und uns aktiv einbringen.

DFB.de: Wie fällt nach eineinhalb Jahren das erste Zwischenfazit aus?

Ballweg: Aus meiner Sicht sehr positiv. Wir sind zufrieden. Wir haben einen sehr engen Austausch mit den sportlichen Leiterinnen und Leitern bei den Vereinen. Wir haben zu Beginn der Initiative Basiskriterien entwickelt, die wir in enger Abstimmung mit den teilnehmenden Vereinen kontinuierlich optimieren. Die Frage, die über allen anderen steht, ist, wie wir noch mehr Qualität in die Betreuung der Jugendlichen und Frauen bringen können. Wir unterstützen die Vereine mit Weiterbildungsmöglichkeiten oder auch mit Austauschformaten, wie wir gerade eines am Geißbockheim in Köln mit den sportlichen Leiter*innen der LZ und TFZs durchgeführt haben. Am Ende geht es uns bei unseren Bemühungen immer nur darum, dass die Spielerinnen möglichst optimale Bedingungen haben.

DFB.de: Funktioniert der Gedanke in der praktischen Umsetzung?

Hagedorn: Ich kann jetzt nur für uns sprechen. Ich würde schon sagen, dass das super klappt. Ich bin im dritten Jahr beim 1. FC Köln. Und gerade seitdem wir Teil der Initiative sind, ist wahnsinnig viel passiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das kein Selbstläufer ist. Man braucht die personellen Voraussetzungen und vor allem die Infrastruktur, um die Vorgaben umsetzen zu können.

DFB.de: Weil das Projekt viel mehr vorsieht als reines Fußballtraining?

Hagedorn: Ja, natürlich. Es geht auch um psychologische und physiologische Aspekte. Wir bieten Athletiktraining an und haben die medizinische Versorgung eng im Blick. Auch die Ernährung wird thematisiert. Das funktioniert nur, wenn man die Fachleute dafür hat. Das ist bei uns der Fall. Wir beim 1. FC Köln haben viel Personal aufgebaut, das sich vorwiegend um den Frauenbereich kümmert. Letztlich haben wir alle das gleiche Ziel. Und das hat Uli schon ziemlich perfekt auf den Punkt gebracht: Wir wollen den Frauenfußball weiter professionalisieren. Ich nehme die Zusammenarbeit mit dem DFB als sehr gut wahr.

DFB.de: Wie viel ist in den vergangenen Jahren im Rahmen der Professionalisierung schon passiert?

Ballweg: Wir müssen nur zehn Jahre zurückgehen, um zu erkennen, was bereits alles passiert ist. Es liegen Welten zwischen damals und heute. Und gerade seitdem wir die Initiative gestartet haben, ist noch mal extrem viel geschehen. Und genau das war ja auch unser Ziel. Mir ist es wichtig zu betonen, dass dies eine freiwillige Zertifizierung ist. Wir zwingen niemandem etwas auf, weil uns bewusst ist, dass hiermit auch erhebliche finanzielle Investitionen verbunden sind. Aber ich bin davon überzeugt, dass es sich am Ende auszahlt.

DFB.de: Wie sehen Sie die Umsetzung des Konzepts hier beim 1. FC Köln?

Ballweg: Absolut vorbildlich. Köln ist für mich ein Paradebeispiel für die Umsetzung, weil es hier tolle Strukturen gibt und die Synergien zwischen dem weiblichen und männlichen Bereich hervorragend funktionieren. Das ist wirklich sehr beachtlich. Hier kann man sehen, wie es laufen kann. Für mich ist der 1. FC Köln ein Best-Practice-Beispiel.

DFB.de: Wie setzen Sie die Initiative konkret in der Praxis um, und wie füllen Sie sie mit Leben?

Hagedorn: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir einen sehr engen Austausch im Trainerbereich haben. Wir lernen hier gegenseitig voneinander. Bei uns gibt es im Grunde keine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen. Ich will ein konkretes Beispiel nennen: Unsere Physios stehen allen Fußballerinnen und Fußballern zur Verfügung, auch im Profibereich. Ich könnte viele weitere solcher Anwendungsfälle nennen. Die Verknüpfung zwischen Frauen- und Männerfußball ist bei uns sehr eng, im Nachwuchs- wie auch im Erwachsenenbereich.

DFB.de: Können Sie Spielerinnen nennen, die ganz konkret von der Umsetzung der Initiative profitiert haben?

Hagedorn: Das lässt sich schwer so detailliert benennen und an einzelnen Namen festmachen. Ich würde viel mehr sagen, dass alle unsere Fußballerinnen von der Initiative profitieren. Die eine vielleicht etwas mehr, die andere etwas weniger. Es ist auf jeden Fall insgesamt positiv - die Entwicklung ist rasant und geht in die richtige Richtung. Solche Bedingungen, wie sie die Spielerinnen heute haben, hätte ich zu meiner aktiven Zeit auch gerne gehabt. Ich bin ein paar Jahre zu früh geboren. (lacht)

Ballweg: Das Schöne ist ja, dass die heutige Generation die von dir angesprochenen Möglichkeiten weitestgehend für normal hält. Und das meine ich ganz bewusst nicht negativ, sondern im Gegenteil sogar sehr positiv. Wir sind auf dem Weg dorthin, dass es für sie normal ist und wir endlich soweit sind, dass Jungs und Mädchen fußballerisch eine sehr ähnliche Ausbildung erhalten können.

Hagedorn: Ich sehe es auch so. Wir sind auf einem guten Weg, um Spielerinnen gleiche Chancen zu ermöglichen wie den Jungs. Warum soll ein fußballspielendes Mädchen nicht auch den Traum haben, Profi zu werden? Bei Jungs ist das ganz normal. Mädchen müssen auch dieses Zielbild haben dürfen. Wenn das Talent da ist und die Motivation stimmt, können es auch die Mädels ganz weit bringen. Wir unterstützen sie dabei. Und in diesem Zusammenhang ist das Konzept der Leistungs- und Talentförderzentren im weiblichen Nachwuchsbereich ein wichtiger Baustein.

DFB.de: Lassen sich die Entwicklungen aus DFB-Sicht objektiv belegen?

Ballweg: Das ist, auch aufgrund der kurzen Zeitspanne aktuell noch nicht möglich. Was wir mit Blick auf die Vereine aber sehen und objektiv belegen können, sind zum Beispiel Investitionen in Personal, beispielsweise Trainer*innen im Hauptamt, diese Anzahl hat sich seit der Einführung deutlich erhöht. In den nächsten Jahren können wir eine Langzeitstudie machen und schauen, welche Spielerinnen in einem Leistungs- oder Förderzentrum groß geworden sind. Heute ist es noch zu früh dafür. Aktuell sind wir dabei, individuelle Entwicklungspläne in die Basiskriterien mit aufzunehmen. Das hilft, um eine noch bessere Abstimmung zu einzelnen Spielerinnen im Topbereich zwischen DFB und Vereinen zu gewährleisten.

DFB.de: Der Frauenfußball in Deutschland erlebt gerade einen Boom. Merken Sie das beim 1. FC Köln? Vielleicht sogar durch das Projekt, über das wir hier gerade sprechen?

Hagedorn: Den Boom nehmen wir natürlich auch wahr. Unsere Frauen haben kürzlich vor über 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauern im RheinEnergieStadion gespielt. Viele Faktoren machen das möglich. Wichtig ist meiner Wahrnehmung nach auch die Präsenz in den sozialen Medien. Zu unseren Spielen kommen viele Familien, weil der Frauenfußball noch etwas nahbarer ist als der Männerfußball. Wichtig ist, dass die Kinder damit aufwachsen, dass es selbstverständlich ist, dass auch Mädchen und Frauen Fußball spielen. Früher war das ungewöhnlich, heute ist das ganz normal, und es sollte eigentlich gar nicht mehr eine besondere Erwähnung nötig sein.

DFB.de: Was sind nun die nächsten Schritte?

Ballweg: Die Einführung ist sehr erfolgreich verlaufen. Wir sind jetzt tatsächlich bereits in der Weiterentwicklung. Diese individuellen Entwicklungspläne sind eine von vielen Maßnahmen, die wir im Auge haben. Wir sind gut gestartet, aber wir wollen noch besser werden. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir uns weiter auf die individuelle Betreuung der Spielerinnen fokussieren wollen. Und natürlich wollen wir auch die Entwicklung der Spielerinnen dokumentieren und daraus entsprechende Rückschlüsse ziehen. Und wir wollen weiter wachsen. Das heißt konkret, dass wir noch mehr Vereine gewinnen wollen, die sich als Leistungs- oder Talentförderzentrum aufstellen wollen. Das Interesse ist da. Wichtig ist, dass wir nachhaltig wachsen. Und dann gilt es zu schauen, welche Maßnahmen nötig sind, um die Qualität der Betreuung noch zu steigern.

Hagedorn: Für uns als Verein sehe ich nun die Aufgabe, dass wir noch mehr Spielerinnen aus der eigenen Akademie in unsere Bundesligamannschaft bekommen. In den vergangenen zwei Jahren ist uns das schon gut gelungen, aber es geht noch mehr. Der sportliche Schritt ist und bleibt sehr groß. Wir arbeiten daran, die Hürde niedriger zu machen. Die neue Initiative hilft uns auf diesem Weg.

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