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·15 avril 2026
Das Drittliga-Phänomen: Erst fast abgestiegen, dann aufgestiegen

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Der VfL Osnabrück steht kurz vor der Rückkehr in die 2. Bundesliga, und auch Rot-Weiss Essen wirkt fünf Spieltage vor Schluss nach einer langen Siegesserie kaum noch aufzuhalten. Umso bemerkenswerter ist das bei einem Blick auf die längerfristige Entwicklung – oder doch nicht? Denn das Duo, das im Vorjahr noch tiefe Krisen durchlebte, setzt mitnichten neue Trends.
Wir drehen die Uhren nur etwa 15 Monate zurück. Gerade haben sich in Osnabrück und Essen viele Menschen beste Neujahrswünsche übermittelt und dabei inständig gehofft, ihr sportlicher Vorzeigeverein möge irgendwie noch den Turnaround schaffen. Am 19. Spieltag jener Saison 2024/25 hat der VfL sich 1:1 vom SC Verl getrennt, es war immerhin das zweite Spiel ohne Niederlage vom neuen Trainer Marco Antwerpen. Das genügt, um nicht die Rote Laterne durch die Winterpause tragen zu müssen – als Zweitliga-Absteiger, wohlgemerkt.
Drei wichtige Punkte sind eine Woche zuvor mit dem 2:0-Sieg über Rot-Weiss Essen erzielt worden, wo Antwerpen seinen Einstand feiert. Und nicht nur er: Auch ein gewisser Uwe Koschinat debütiert auf der Gegenseite und ist neuer Steuermann eines Schlittens, der immer tiefer ins Tal rutscht. RWE überwintert auf Platz 18, einen Wimpernschlag vor Osnabrück. Zwei Traditionsvereine, die in der 3. Liga per ungeschriebenem Gesetz mindestens mal im oberen Drittel verortet werden, sind am Abgrund.
Am 12. April 2026 ist die Bremer Brücke bereit für den neunten Zweitliga-Aufstieg, den siebten seit der Saison 2000. Niemand kann diese Statistik toppen, weshalb der Niedersachse seine Euphorie auch in dieser ereignisreichen Saisonphase gut kanalisieren kann. Und doch taugt die Entwicklung für Jubelsprünge: 67 Punkte, mehr als zwei pro Spiel! 35 davon in der noch längst nicht beendeten Rückrunde! Und eine defensive Stabilität, wie sie zuletzt der 1. FC Kaiserslautern vor vier Jahren präsentierte. Während Marco Antwerpen am FCK-Aufstieg ziemlich großen Anteil hatte, ist sein Wirken am kometenhaften Osnabrücker Aufschwung nur noch von indirekter Natur: Die Aufholjagd im Frühjahr 2025 leitete er ein, verlor aber im Endspurt den Drive und wurde unter bekanntlich unschönen Begleitaspekten freigestellt.
Nachfolger Timo Schultz führt sein Werk umso beeindruckender fort, sein Konterpart Koschinat auf Essener Seite auch. In der Tabelle des Drittliga-Kalenderjahres 2025 thronte RWE mit 73 Punkten an der Spitze, nur der in diesen Zeiten ständig erfolgreiche SC Verl (68) schob sich in dieser Bilanz noch zwischen Rot-Weiss und den VfL Osnabrück (66). Beide sind auf bestem Wege, diese Ergebnisse zu bestätigen – wenn sie sich nicht in wenigen Wochen in die 2. Bundesliga verabschieden, worauf vieles hindeutet.
Was begünstigt einen solchen Raketenstart, nachdem kurz zuvor der Absturz in die Viertklassigkeit drohte? Der psychologische Faktor ist ein naheliegender Ansatz: Wer dem größtmöglichen Druck von innen und außen widerstanden hat, der baut sich eine gesunde Wagenburgmentalität und spürt umso mehr den angenehmen Rückenwind, wenn das Momentum zurückerobert ist.
Doch auch die mächtigen Resets im Winter 2025, ausgedrückt durch Wintertransfers, zahlen sich nun aus: Rot-Weiss Essen holte sich mit Sechser Klaus Gjasula den klassischen emotionalen Anker in den Kader, Osnabrück tat mit Innenverteidiger Jannik Müller das gleiche. Für beide ist der bloße Zusatz "Führungsspieler" in dieser Saison ungenügend, um ihren Stellenwert angemessen zu umschreiben: Sie sind Dreh- und Angelpunkte ihrer Mannschaft, sie sind Ruhepole für ihre jüngeren Nebenleute und machen sie so besser.
Erst Abstiegskandidat, dann Gipfelstürmer: Diese Entwicklungen sind in der 3. Liga nicht neu, sondern treten überraschend regelmäßig auf und zeigen damit, dass aufgrund der ausgeglichenen Verhältnisse schon punktuelle Anpassungen riesige Entwicklungsschübe auslösen können. So schaffte Arminia Bielefeld in der Saison 2024/25 als Meister die Zweitliga-Rückkehr, nachdem zwölf Monate zuvor erst am 37. Spieltag der Direkt-Absturz von der Bundesliga in die Regionalliga binnen drei Jahren verhindert wurde.
Im Januar 2021 überwinterten der 1. FC Magdeburg und der 1. FC Kaiserslautern einheitlich auf einem Abstiegsplatz – im Sommer 2022 stiegen sie gemeinsam in die 2. Bundesliga auf. Besonders für den FCM entwickelte sich damals in höchster Not fast schon Magisches, als Otmar Schork und Christian Titz die ersehnte sportliche Struktur zurückbrachten und Magdeburg fast bis in die Bundesliga führten.
Der Blick zurück offenbart noch einige weitere Beispiele wie etwa Eintracht Braunschweig, das 2020 den Aufstieg feierte und ein Jahr zuvor in einem Abstiegsthriller gegen Energie Cottbus bis zur allerletzten Sekunde der Saison einen Viertliga-Absturz zu befürchten hatte. Auch dem BTSV war, analog zu Bielefeld und Osnabrück, zuvor ein Abstieg aus der 2. Bundesliga gar nicht gut bekommen.
Den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen hat jedoch der SC Paderborn in den Jahren 2016 bis 2018: Der SCP war im Vorfeld direkt aus der Bundesliga in die 3. Liga abgestürzt und hatte sich nach einem Chaos-Jahr 2016/17 als sportlicher Tabellen-18. nur für die Regionalliga West qualifiziert. Doch 1860 München erhielt keine Zulassung, Paderborn rückte nach und filetierte unter Steffen Baumgart die gesamte Liga im Folgejahr 2017/18 in solcher Dominanz, dass der Sportclub wie im Rausch ein Jahr danach direkt in die Bundesliga zurückkehrte. Durchmarsch nach unten, geplant für die Regionalliga, dann der Durchmarsch nach oben – es war der ganz normale ostwestfälische Wahnsinn.
Wer zu den angeführten Beispielen die sensationellen Doppel-Aufstiege von Ulm, Münster, Elversberg und Co. addiert, merkt: "Normal" aufzusteigen und sich über gute Platzierungen Stück für Stück nach oben zu entwickeln, ist in dieser 3. Liga eine Rarität. Keine optimalen Voraussetzungen also für alle, die in dieser Saison wohl leer ausgehen, namentlich 1860 München, der SV Wehen Wiesbaden und der SC Verl. Wer hingegen eine ganz mutige Wette eingehen möchte, der dürfte seinen ganz logischen Aufstiegsfavoriten für die Saison 2026/27 längst ausgemacht haben: den 1. FC Saarbrücken.
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