FC Bayern München
·4 mars 2026
Der besondere Teamgeist beim FC Bayern

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·4 mars 2026

Ballbesitz, Laufwerte, Passquoten – die Top-Form des FC Bayern lässt sich durch viele Zahlen belegen. Doch es gibt eine Erfolgskomponente, die schwer messbar ist: Teamchemie – die heimliche Superkraft der Kompany-Elf. Das FC Bayern-Magazin „51“ hat unsere Spieler gefragt, wie ihr Zusammenhalt so stark wurde – und was sie jetzt gemeinsam erreichen können.
Der Teamgeist ist ein flüchtiges Phänomen; er lässt sich schwer greifen, manchmal macht er sich auch kurz unsichtbar und ist dann plötzlich wieder voll da. Zum Beispiel am 18. Spieltag in Leipzig: Der FC Bayern liegt in der ersten Halbzeit mit 0:1 zurück und ist damit noch gut bedient. Doch nach der Pause zeigt die Kompany-Elf wieder, was sie in dieser Saison auszeichnet: Sie rennt, kämpft, grätscht und spielt sich damit in einen Rausch. Aus einem 0:1 wird schnell ein 4:1. Die Bayern wirken wie eine Maschine, in der ein Rädchen ins andere greift. Und gleichzeitig wie eine Gruppe guter Freunde, die Spaß zusammen haben, sich gut kennen, einander den Erfolg gönnen und sich unterstützen. Eben: eine echte Mannschaft.
Ein guter Zusammenhalt, das belegen zahlreiche sportwissenschaftliche Studien, wirkt sich positiv auf die Leistung aus. Klingt logisch. Aber was heißt das genau? Und wie entsteht ein guter Teamgeist? Wir haben dazu mehrere Bayern-Spieler befragt, die ganz unterschiedliche Rollen in unserer Mannschaft einnehmen: Führungsspieler, Dauerläufer, Urgesteine, Neulinge, Rekonvaleszenten. Aber sie alle spüren, dass beim FC Bayern etwas Besonderes zusammengewachsen ist – und immer weiter wächst. Hört man ihnen zu, ergeben sich sechs Gründe für die perfekte Teamchemie.
Klar, Sepp Herbergers Mantra „Elf Freunde müsst ihr sein“ ist schon 70 Jahre alt. Fußballspielen ist ein Beruf, und zwar ein fordernder mit detaillierten Trainingsplänen, Marketingterminen und langen Auslandsreisen. Bis tief in die Nacht zusammensitzen und über Gott und die Welt philosophieren? Schwierig. Doch auch im modernen Fußball ist es wichtig, nicht einfach nur einen Job zu erledigen. Gute zwischenmenschliche Beziehungen wirken sich erwiesenermaßen auch im 21. Jahrhundert positiv auf die sportlichen Ergebnisse aus.
Serge Gnabry: „Ich habe jeden Tag Freude daran, an die Säbener Straße zu kommen. In meinen acht Jahren hier sind nicht nur sportliche Beziehungen entstanden, sondern echte Freundschaften – im Team und auch mit dem Staff.“
Hiroki Ito: „Es herrscht eine lockere, gute Stimmung. Auch Musik spielt eine große Rolle. Vor Spielen oder am Trainingsgelände gibt es immer wieder verschiedene DJs im Team – viele unterschiedliche Stile und Geschmäcker. Das macht Spaß.“
Konrad Laimer: „Es gibt Spieler, die auch außerhalb des Teams etwas zusammen machen. Aber es gibt da keinen Zwang. Jeder ist unterschiedlich, jeder braucht etwas anderes. Wichtig ist nur, dass sich jeder wohlfühlt in seiner Rolle. Und das scheint im Moment der Fall zu sein.“
Harry Kane: „Letztes Jahr haben wir schon sehr guten Fußball gespielt und die Liga gewonnen, aber es war trotzdem das erste Jahr des Trainers. In dieser Saison merkt man, dass die Mannschaft gewachsen ist. Die Spieler verstehen sich und die Abläufe besser, fühlen sich wohler in ihren Positionen und Bewegungen.“
Der FC Bayern-Kader umfasst 23 Profis – weniger als bei allen anderen Bundesligisten. Vor der Saison fragten sich manche Analysten, ob dies für die Dreifachbelastung aus Liga, Pokal und Champions League reicht. Ein halbes Jahr später halten wir fest: Ja, es reicht. Und es scheint sogar ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu sein. Denn je kleiner die Gruppe ist, desto größer wird der Zusammenhalt – diesen Zusammenhang hat der kanadische Sportpsychologe Albert Carron bereits 1990 in einer Studie über unterschiedlich große Basketballteams nachgewiesen. Übrigens setzen auch andere europäische Top-Clubs wie der FC Barcelona (23) und Paris Saint-Germain (24) auf eher kleine Kader.
Konrad Laimer: „Ich finde unseren Kader nicht klein. Wir haben fast jede Position doppelt besetzt – mehr brauchst du nicht.“
Hiroki Ito: „Wenn ein Kader sehr groß ist, entstehen schnell kleinere Gruppen oder stärkere Rivalitäten auf einzelnen Positionen. In unserer Konstellation ist es überschaubar, jeder kennt jeden gut. Das hilft auch neuen Spielern wie mir, sich schneller zu integrieren.“
Manuel Neuer: „Es gibt dadurch auch keine reinen Kaderspieler, um die man sich kümmern muss, weil sie vielleicht unzufrieden sind.“
Konrad Laimer: „Jeder hat das Gefühl: Wenn du dich reinhängst und gut spielst, bekommst du deine Chance. Am Ende wird jeder gebraucht.“
Englisch, Deutsch, Französisch, Niederländisch – Bayern-Chefcoach Vincent Kompany spricht vier Sprachen fließend. Doch egal, in welcher davon er sich äußert, bleibt eines immer gleich: Er kritisiert seine Spieler nicht öffentlich und nicht vor versammelter Mannschaft. Wenn es etwas zu klären gibt, spricht er es klar und respektvoll im Vier-Augen-Gespräch an. Ein wertschätzender Umgang, der sich aufs ganze Team übertragen zu haben scheint – und alle verbindet.
Manuel Neuer: „Als ich Profi wurde, gab es klarere Hierarchien. Im Laufe der Jahre hat sich der Ansatz durchgesetzt, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.“
Hiroki Ito: „Wir kommen aus unterschiedlichen Kulturen – ich aus Japan, andere aus Afrika oder Europa. Diese Vielfalt ist etwas Positives. Aber sie funktioniert nur, wenn man sich gegenseitig respektiert. Für mich ist das die Grundlage von allem.“
Manuel Neuer: „Es ist wichtig, dass sich gerade die jungen Spieler wohlfühlen. Es ist die Aufgabe von Führungsspielern wie mir, sie nach ihrer Meinung zu fragen und schnell zu integrieren. Sie sollen sich entfalten, mutig und selbstbewusst sein. Wie sehr davon am Ende alle profitieren, sieht man bei Lennart Karl.“
Konrad Laimer: „Das heißt aber nicht, dass es auf dem Platz nicht auch mal kurz laut werden kann. Das gehört im Fußball dazu. Entscheidend ist nur, es nicht zu übertreiben. Es ist wichtig, dass wir strittige Themen in der Kabine normal besprechen können.“
Erneuter Mittelfußbruch bei Hiroki Ito, Kreuzbandriss bei Alphonso Davies, Wadenbeinbruch bei Jamal Musiala – zu Saisonbeginn fallen drei wichtige Bayern-Spieler lange aus. Mehre Studien belegen, dass geteilte schmerzhafte Erfahrungen zu einem höheren Zusammenhalt führen können. Eine Forschungsgruppe um den australischen Psychologen Bastian Brock etwa stellte diesen Zusammenhang fest, nachdem sie Studierende unterschiedlich schmerzhafte Aufgaben bewältigen ließ, sie mussten ihre Hände zum Beispiel in eiskaltes Wasser halten oder sehr scharfe Chilis essen. Experimente, die sich nicht eins zu eins auf den Fußball und den FC Bayern übertragen lassen. Der Effekt, dass die FCB-Mannschaft durch schmerzhafte Momente noch enger zusammengerückt ist und sie gemeinsam bewältigt hat, lässt sich aber durchaus feststellen.
Hiroki Ito: „Die Zeit nach meinem zweiten Mittelfußbruch war eine harte Phase. Zum Glück hatte ich Phonzy und Jamal, mit denen ich mich jeden Morgen zur Reha auf dem Clubgelände getroffen habe. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, zusammen gegessen, uns ausgetauscht und sind auch zusammen zu Heimspielen ins Stadion gegangen. Sehr unterstützt hat uns auch der Trainer. Ein Satz, den er oft wiederholt hat, war: ‚One day closer.‘ Jeder Tag bringt dich näher an dein Comeback.“
Konrad Laimer: „Wenn jemand lange verletzt ist und zurück- kommt, freut sich jeder für ihn. Das war bei Hiroki genauso der Fall wie bei Phonzy und Jamal. Jeder weiß, wie schlimm es ist, wenn man nicht fit ist und nicht das machen kann, was einem so viel Spaß macht.“
Hiroki Ito: „Ich hatte immer das Gefühl, Teil des Teams zu sein – auch wenn ich nicht auf dem Platz stehen konnte. Der Kontakt ist nie abgebrochen.“
Um als Team erfolgreich zu sein, reicht es nicht, dass die Spieler sich gut verstehen, es braucht auch ein gemeinsames Ziel, das sie verbindet. In der Teamdynamik-Forschung wird daher neben der „Sozialkohäsion“ auch die „Aufgabenkohäsion“ analysiert. Beim FC Bayern sind die Ziele klar definiert: Wer beim Rekordmeister spielt, will jedes Spiel und jeden Wettbewerb gewinnen. Punkt. Vincent Kompany ist es allerdings darüber hinaus gelungen, allen Spielern zu vermitteln, auf welche Art dieses Ziel erreicht werden soll: durch harte Arbeit auf und neben dem Platz. Selbst unser Mittelstürmer Harry Kane ist sich nicht zu schade, Zweikämpfe an der eigenen Eckfahne zu führen.
Konrad Laimer: „Es wird vom Coach und vom Staff ständig eingefordert, den Extrameter zu gehen. Und das lebt gerade jeder, der auf dem Platz steht.“
Hiroki Ito: „Unser Auftreten erinnert mich ein bisschen an die japanische Mentalität: Wir respektieren uns gegenseitig, kämpfen füreinander und geben alles für den Club. Das spüre ich nicht nur in den Spielen, sondern auch in jedem Training.“
6:0, 3:2, 3:2, 5:0, 3:1, 4:1, 4:0, 5:1, 3:0, 2:1 – der FC Bayern startet mit zehn teils sehr klaren Siegen in diese Saison und scheint sich dabei ein Stück weit selbst zu berauschen. Der Psychologe Brian Mullen und die Psychologin Carolyn Copper haben schon 1994 nachgewiesen, dass Siege den Gruppenzusammenhalt im Sport steigern. Es wirkt so, als befände sich der FC Bayern in dieser Saison in einer sich selbst verstärkenden Aufwärtsspirale: Jeder Sieg zahlt weiter auf die Teamchemie ein, die dann wiederum die Siegchancen erhöht. Und selbst wenn es dann doch mal nicht läuft, sind Verantwortliche und Spieler nicht von ihrem Weg abzubringen. „Wir dürfen jetzt nicht alles infrage stellen, sondern müssen akzeptieren, dass es heute nicht unser Tag war“, sagte Vincent Kompany, nachdem unsere lange Erfolgsserie in der Bundesliga mit einer 1:2-Niederlage gegen Augsburg zu Ende gegangen ist. Frust? Panik? Gegenseitige Vorwürfe? Nirgends zu hören. Wo kann das noch hinführen?
Harry Kane: „Wenn man eine Serie startet, entsteht ein Momentum. Dann fühlt man sich fast unaufhaltbar.“
Hiroki Ito: „Wir haben in der Bundesliga sehr viele Spiele gewonnen, aber dann gegen Augsburg verloren und gegen Hamburg unentschieden gespielt. Das passiert. Wichtig war, dass wir ruhig geblieben sind und weitergemacht haben wie bisher – mit derselben Haltung und demselben Zusammenhalt.“
Serge Gnabry: „Wir bleiben auch in kritischen Momenten ruhig, stehen noch enger zusammen und fokussieren uns auf unsere Leistung. Ich sehe da aktuell schon Parallelen zur Triple-Sieger-Mannschaft von 2020 – auch wenn es noch früh für große Aussagen ist. Aber für mich herrscht aktuell schon die beste Stimmung im Team seit damals.“
Der Text erschien in der März-Ausgabe des FC Bayern-Magazins 51 – hier in einer gekürzten Fassung:









































