FC Bayern München
·7 février 2026
„In Bayern packt man an – das ist ,Mia san mia‘“

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·7 février 2026

Am Freitag wurde Edmund Stoiber als Vorsitzender des Verwaltungsbeirat verabschiedet und als Erster in der Geschichte des Vereins zum Ehrenvorsitzenden des Gremiums ernannt. Seit 1988 gehörte der ehemalige Bayerische Ministerpräsident dem Beirat an, seit 1992 leitete er ihn. Mitglied des FC Bayern ist er seit 60 Jahren, und dafür wird er vor dem Spiel gegen Hoffenheim gemeinsam mit anderen FCB-Jubilaren im Rahmen des traditionellen „Ehrungsspieltags“ in der Allianz Arena gewürdigt. Im Interview spricht er über Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Manuel Neuer und erklärt, warum er Trainer Vincent Kompany als „Kommunikationskönig“ bezeichnet. „Diese Mannschaft hat Stil“, sagt er über die Bayern 2025/26.
Herr Stoiber, seit 1966 sind Sie Mitglied des FC Bayern. Mitglied der CSU wurden Sie erst 1971. Sagt das aus, für wen Ihr Herz am meisten schlägt? (lacht) „Politisch interessiert war ich schon als Jugendlicher, und während meines Jurastudiums habe ich dann Flugblätter verteilt. Tatsächlich kam ich aber aus keinem ausgesprochen politischen Elternhaus. Und Fan des FC Bayern war ich auch schon lange vor meiner Mitgliedschaft: 1950 habe ich die WM in Brasilien am Radio verfolgt, und danach habe ich zuhause in Oberaudorf angefangen, die Tabellen in der Zeitung zu studieren: Fußball hatte mich gepackt, ich wollte wissen, welche Vereine es in meiner Umgebung so gibt.“
Und so stießen Sie auf den FC Bayern? „In diesen Tabellen standen Clubs mit Namen wie Wacker, TSV, TuS, SpVgg – und plötzlich las ich da: ‚Bayern München‘. Ich fragte meinen Vater, ob das ein Verein ist, der für ganz Bayern spielt. Er sagte, Nein, das ist ein Verein aus München. Ich wusste von diesem Moment an: Das ist mein Verein. Der Name verbindet alles – heute müssten Marketingstrategen vermutlich lange Meetings organisieren, ehe sie auf so einen Namen kämen. Wenn wir damals von Oberaudorf zu Bayern-Spielen nach München gefahren sind, vielleicht ein, zwei Mal im Jahr, öfter war es uns nicht möglich: Das war eine Weltreise, großartig, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Wir sprechen hier noch von der Zeit vor der großen Franz Beckenbauer-/Gerd Müller-Ära.“
Ihren Mitgliedsantrag reichten Sie ein, so erzählten Sie mal in einem Interview mit dem FC Bayern-Mitgliedermagazin „51“, weil Sie sich ärgerten, dass der FC Bayern nicht Gründungsmitglied werden durfte. „Für mich ist das bis heute ein Urfehler des Deutschen Fußball-Bundes. Das hatte mich damals geschmerzt und extrem geärgert. Rückblickend war es aber sicher ein Glücksfall: Die junge Mannschaft um Franz Beckenbauer konnte sich in Ruhe entwickeln. Nach dem Aufstieg sagte ein Kommentator mal sinngemäß: ‚Diese Bayern spielen wie eine Rasselbande, die den Schulranzen wegwirft und loslegt.‘ Fußball war immer das Emotionale in meinem Leben. Wenn ich als Bayerischer Ministerpräsident auf Reisen war – ob in den USA, Indien, Südafrika, Brasilien oder Argentinien – musste mich mein Stab immer über die Bayern auf dem Laufenden halten. Wenn sie sagten, die Verbindung war schlecht, wusste ich: Kein gutes Ergebnis (lacht).“
Aktuell stimmen die Ergebnisse. „Vincent Kompany erreicht Kopf und Herz der Mannschaft - in meinen Augen ist er ein Kommunikationskönig. Für mich als Beobachter war eines der beeindruckendsten Spiele, das ich je gesehen habe, das 2:1 diese Saison in der Champions League in Paris: Eine dominante erste Halbzeit, offensiv überragend. Und dann eine zweite Halbzeit, in der defensiv mit großer Disziplin verteidigt wurde. Zwei völlig unterschiedliche Phasen – beide auf höchstem Niveau. Solche Spiele zeigen: Die innere Uhr der Mannschaft stimmt, denn ohne so eine Stabilität wären solche Leistungen nicht möglich. Ich erinnere mich noch an unsere ‚FC Hollywood‘-Zeiten – davon sind wir weit entfernt. Auch, weil es in der Spitze passt, vom Präsidenten Herbert Hainer bis zum Vorstand um Jan-Christian Dreesen, Max Eberl und Rouven Kasper.“
Welcher Spieler gefällt Ihnen am besten? „Ich mag sie alle. Aber wenn man sieht, wie ein 17-jähriger Lennart Karl permanent in der Startelf steht – das war lange nicht vorstellbar, da geht mir das Herz auf. Harry Kane ist ein Stürmer, der den ganzen Platz verteidigt, sowas habe ich noch nie gesehen in meinen 60 Jahren FC Bayern-Zugehörigkeit. Jamal Musiala muss man immer nennen, Michael Olise begeistert jeden Fußball-Fan. Aber mir gefällt am besten, dass das alles Spieler sind, die zu den Besten der Welt zählen – und dennoch zurückhaltend im Auftreten sind. Da ist keiner, der sich über die anderen stellt, vielmehr signalisieren sie alle: ‚Ich bin Teil des Ganzen.‘ Diese Haltung beeindruckt mich. Ein Manuel Neuer, was hat der alles gewonnen, der größte Torwart seiner Zeit – und im Umgang ein völlig normaler Mensch. Sie werden niemanden finden, der was anderes sagt. Dieses Team hat Stil. Und: Die schlagen Pässe über 70 Meter – und der Ball bleibt am Fuß liegen. Das ist technische Perfektion. Ich wollte das auch immer können – aber bei mir versprang der Ball immer (lacht).“
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Was bedeutet für Sie persönlich „Mia san mia“? „Es ist der Ausdruck bayerischer Identität schlechthin. Der Freistaat hat eine lange Geschichte, eine gewachsene Kultur. Unsere Identität bedeutet: Selbstbewusstsein, Verantwortung, Schwierigkeiten überwinden, Leistung sprechen lassen, nicht jammern, sondern machen – in Bayern packt man, das ist unsere Mentalität. Das ‚Mia san mia‘ steht außerdem für Miteinander, und das habe ich immer als Credo auch im Verwaltungsbeirat gesehen. Wir beraten das Präsidium: intern, vertrauensvoll, konstruktiv. Wer vorankommen will, darf nicht jammern. Bayern ist von unten gestartet – im Land wie im Fußball. Quasi aus der Tiefe des Raumes, mit viel Tradition, immer nach vorne.“
Wie kamen Sie in den Verwaltungsbeirat? „Wir saßen in den 80er Jahren regelmäßig auf der Gegengerade des Olympiastadions – meine Frau, meine Kinder und ich, damals Leiter der Staatskanzlei. Irgendwann sprach mich der damalige Präsident Fritz Scherer an und meinte, wenn ich so häufig im Stadion sei, könne ich mich engagieren. Ich bin unfassbar stolz, dass ich meinen Verein über so viele Jahrzehnte in dieser Rolle begleiten durfte. Ich kann mich noch wie heute an die Doublefeier 1969 erinnern – am Sendlinger Tor in München, natürlich war ich als Fan dabei. Oder an den ersten internationalen Titel 1967 mit dem Europapokal der Pokalsieger. Damals im Stadion in Nürnberg hat es geregnet, aber ich habe nicht einmal gespürt, dass ich nass wurde, so sehr habe ich mich gefreut. Ich sagte zu den Nürnbergern, die früher Rekordmeister waren: ‚Ihr wart so lange vorne, wir kommen jetzt. Jetzt beginnt etwas Neues!‘“
Was kommt Ihnen bei 60 Jahren FC Bayern-Leidenschaft als Erstes in den Sinn? „Erfolge noch und nöcher – aber vor allem die großen handelnden Personen: Uli Hoeneß war ein Weltklassespieler, dann als Manager Pionier, so einen gibt es im deutschen Fußball kein zweites Mal, er ist abgesehen von seiner Kompetenz im Sport auch wirtschaftlich und sozial außergewöhnlich. Uli ist ein Visionär - auch unsere Basketballer führen auf ihn zurück, und zeigen Sie mir in Deutschland einen zweiten großen Fußballclub, der auch im Basketball vorangeht! Man kann die Geschichte des FC Bayern natürlich auch nicht ohne Gerd Müller erzählen, ohne Sepp Maier oder ohne Karl-Heinz Rummenigge, der dann auch noch so lange als Entscheidungsträger Geschichte schrieb. Und zu Franz Beckenbauer würden wir über Wochen zusammensitzen, wollten wir alles besprechen.“
Wie wichtig war es für die weltweite Bekanntheit, dass er 1994 Präsident wurde? „Heute würde man sagen, das war noch einmal ein Game Changer. Der FC Bayern hatte sich bis dahin wunderbar entwickelt – aber mit den Personalien in den 90ern kam der entscheidende Schub in die Neuzeit. Ich habe Franz damals in der Staatskanzlei über zwei Stunden lang bearbeitet, dass er als Präsident kandidieren soll: Diese Münchner Ikone musste an die Spitze. Ich habe ihn als Spieler erlebt, mit seiner Eleganz, seiner Leichtigkeit - er ging an den Verteidigern einfach vorbei, scheinbar mühelos. Und genauso hat er später den Verein geführt: mit Ruhe, mit Überblick – als würde er über allem schweben. Dabei steckte hinter allem, was er machte, harte Arbeit. Das gab es in dieser Form nirgendwo sonst. Persönlichkeiten wie Beckenbauer, Uli Hoeneß oder Rummenigge zählen zum Guthaben des FC Bayern – sie sind nicht bezahlbar.“
Thomas Müller zählte zu bayerischen Gallionsfiguren, auch Bastian Schweinsteiger, der wie Sie aus Oberaudorf kommt – tragen heute Aleks Pavlović oder Josip Stanišić das Bayern-Gen weiter? „Auf jeden Fall! Ich finde es toll, wie wir ein neues Bayern erleben: Pavlovic und Stanišić sind hier geboren, wurden beim FC Bayern groß – das ‚Mia san mia‘ hat in meinen Augen ohnehin eine große verbindende Kraft, denn Integration ist auch Teil unserer Identität. Ich spüre beim FC Bayern immer ein ganz besonderes ‚Miteinander nach vorne“‘ Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ein Franck Ribéry oder Arjen Robben oder Giovane Élber hier Ewigkeiten geblieben sind. Und ich habe noch keinen Spieler erlebt, der sich nicht auch auf das bayerische Drumherum eingelassen hat – Oktoberfest, Stadt, Menschen. Die Lederhosen ziehen sie alle gern an, und unsere FC Bayern-Frauen ihre Dirndl – die möchte ich auch nicht vergessen.“
Was kann der Frauenfußball vermitteln – über den Platz hinaus? „Beim FC Bayern gab es Frauenfußball schon, als er vom DFB noch offiziell verboten war. In diesem Geist müssen wir alles weiterentwickeln. Gleichberechtigung ist ein Grundsatz unseres Grundgesetzes. Ich sehe auch privat, wie unsere Spielerinnen Role Models geworden sind: Meine Enkelin spielt Fußball. Früher hatten Mädchen männliche Vorbilder – heute haben sie eigene: Giulia Gwinn, Klara Bühl, Pernille Harder. Das ist gleichwertiger Spitzensport.“
Vom Fußball sagt man gern, er sei das letzte Lagerfeuer unserer Gesellschaft. Haben Sie Angst, dass das einmal ausgeht? „Nein. Das wird nicht ausgehen. Ich sehe allerdings – das ist eine politische Bemerkung – wie sehr insbesondere Social Media unsere Gesellschaft verändert. Diese stundenlange Beschäftigung in einer eigenen Welt, die Aggressivität, die Rücksichtslosigkeit – auch gegenüber Kindern, die vieles noch gar nicht einordnen können. Die Gesellschaft ist rauer geworden. Nicht der Fußball – die Gesellschaft. Gerade in solchen Zeiten braucht es Orte der Stabilität, und so ein Ort ist der Fußball, weil er Menschen zusammenbringt. Dazu gehört auch ein eindeutiges Bekenntnis zur Demokratie. Der FC Bayern steht klar auf dem Boden unserer Verfassung. Das wird von Persönlichkeiten wie Uli Hoeneß oder Herbert Hainer deutlich vertreten. Der FC Bayern ist ein Teil der bayerischen Gesellschaft – ein Leuchtfeuer, zu dem alle schauen. Daher hat unsere Initiative ‚Rot gegen Rassismus‘ auch so eine enorme Bedeutung. Der FC Bayern ist ein gesellschaftlicher Faktor – und macht alles, um dieser Rolle gerecht zu werden.“
Was wünschen Sie dem FC Bayern für die nächsten Jahre? „Ich wünsche mir, dass der FC Bayern ein sportlich erfolgreicher Verein bleibt – und zugleich weiter gesellschaftlich wirkt. Ein Sportverein zeigt, was Gemeinschaft bedeutet und wie sehr Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt bereichern. Gerade ein Verein wie der FC Bayern kann den Menschen helfen, Orientierung zu geben. Der FC Bayern zählt inzwischen weit über 430.000 Mitglieder – auch, weil er den Dialog mit den Menschen in unterschiedlichen Formaten intensiviert, und so muss ein Verein heutzutage sein. Eine Sache fällt mir hin und wieder auf und amüsiert mich: Wenn der FC Bayern einmal schwächelt, fragen einen die Menschen im ganzen Land: Was ist in Bayern los? Sie sagen nicht ‚beim FC Bayern‘, sondern ‚in Bayern‘. Das zeigt, wie groß die Symbolkraft des FC Bayern ist. Darauf können die Fans sehr, sehr stolz sein.“


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