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·16 mars 2026
Nnamdi Collins und das Akanji-Muster: angefeindet, missverstanden, begehrt!

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·16 mars 2026

„Welche starken Leistungen? Schon wieder einen Einwurf ins Aus geworfen!“ oder „Mein Beileid, wer 40 Mio. für diesen Fußballer bezahlt“. In den sozialen Medien reagierten einige „Pöbler“ mit Unverständnis auf die Ablöseforderungen der Eintracht für Verteidiger Nnamdi Collins. Seit seinem unglücklichen Nationalmannschaftsdebüt im letzten September wird Collins von einigen „Fans“ in den sozialen Medien bepöbelt und teils niveaulos beleidigt.
Sogar einige Fußballjournalisten haben sich dem unreflektierten und faktenfernen Collins-Bashing angeschlossen und jegliche kritische Distanz aufgegeben. Doch ein Blick auf seine spannenden Statistiken und sein attraktives Profil, das wie gemacht für die Premier League erscheint, erklärt den aufgerufenen Preis und erinnert dabei an einen ähnlichen Spieler, der erst in der Premier League so wirklich zur Weltklasse aufstieg: Manuel Akanji.
Der 4. September 2025 hätte für Nnamdi Collins ein Meilenstein werden sollen. Der Verteidiger, der zu Saisonbeginn 2023/24 für knapp eine Million Euro von Borussia Dortmund zu Eintracht Frankfurt wechselte, dafür Startrainer José Mourinho und der AS Rom absagte und daraufhin einen kometenhaften Aufstieg erlebte, startete gegen die Slowakei im WM-Qualifikationsspiel auf der Position des Rechtsverteidigers im Team von Julian Nagelsmann. Es ist ein Tag, den ein Spieler im Normalfall für immer in positiver Erinnerung behält.
Das erste Senioren-Länderspiel, dann gleich in der Startelf. Für Nnamdi Collins wird der Tag jedoch zum Albtraum. Gegen einen starken Leo Sauer und in einer dysfunktionalen, schlecht auf den Gegner vorbereiteten Mannschaft geriet er – wie die gesamte deutsche Mannschaft neben einem unsicheren und fehlerhaft agierenden Abwehrchef Antonio Rüdiger – an jenem Abend in Bratislava unter Druck. Nach 42 Minuten erzielt David Hancko das 1:0 nach einem katastrophalen Stellungsfehler von Toni Rüdiger.
Drei Großchancen der Gastgeber stehen nach 45 Minuten lediglich einer des DFB-Teams gegenüber. Nagelsmann wechselt und nimmt Collins runter, doch ändern tut sich nichts. Das DFB-Team unterliegt der Slowakei verdient mit 0:2. Collins wird zum Bauernopfer und von Nagelsmann im Anschluss in den Medien nicht geschützt. Nur Kapitän Kimmich springt für den hochtalentierten Verteidiger in die Bresche.

Foto: Getty Images
Es blieb vorerst sein letzter Einsatz im DFB-Seniorenbereich. Collins reagierte damals im kicker jedoch bemerkenswert reflektiert: Er habe wertvolle Erfahrungen mitgenommen, zugleich aber auch den Anspruch an sich selbst, sich mit Leistungen für weitere Lehrgänge und perspektivisch auch für die Weltmeisterschaft zu empfehlen. Genau das sei ihm in diesem Spiel nicht gelungen. Es war die nüchterne, reife Einordnung eines jungen Spielers, der früh erlebt hat, wie schmal der Grat zwischen Aufstieg und Rückschlag im Profifußball ist.
Mit einem suboptimalen Gefühl verließ er das DFB-Team und kehrte nach Frankfurt zurück. Die SGE, die bis dato mit zwei Siegen aus zwei Spielen so erfolgreich in die Saison gestartet ist wie seit 2012 nicht mehr, baute auf Collins. Doch nun schlich sich auch bei den Hessen eine Schwächephase ein. 11 Gegentore hagelte es in den nächsten drei Spielen, Cheftrainer Toppmöller bekam die Defensive nicht stabilisiert. Neben Collins waren auch seine erfahrenen Abwehrkollegen um Artur Theate, Rasmus Kristensen und Robin Koch kaum wiederzuerkennen. Gerade Letzterer wurde seiner Rolle als Kapitän überhaupt nicht gerecht, gerät unter anderem mit dem jungen Keeper Kauã Santos in den ein oder anderen Disput und patzt regelmäßig.
Toppmöller musste handeln. Und angesichts der Tatsache, dass sowohl Theate als auch Kristensen jeweils teuer fest verpflichtet wurden und Robin Koch nach dem Abgang von Kevin Trapp zum Kapitän ernannt worden ist, wurde auch hier Collins zum Bauernopfer. Die erhoffte Stabilisierung bringt diese Maßnahme jedoch nicht. Zurück bleibt ein verunsichertes Abwehrkonstrukt mit mehreren aus der Form geratenen Leistungsträgern.
Der Trainerwechsel von Toppmöller zu Riera und die taktische Neuausrichtung in der Defensive sorgten jedoch dafür, dass Collins schnell wieder gefragt war – zunächst rechts, später auch als inverser Linksverteidiger. In einem Spielsystem, das seine Stärken nicht in jeder Phase optimal freilegt, lieferte er dennoch gute bis sehr gute Leistungen. Gegen Freiburg bereitete er mit einem Vorstoß das 1:0 vor, gegen Heidenheim, St. Pauli und Gladbach agierte er defensiv sehr stabil.
Gegen den FC Bayern nahm er den zu diesem Zeitpunkt formstärksten Akteur mit Luis Díaz komplett aus dem Spiel. Ja, es gibt auch in seinem Spiel noch Upsides und Verbesserungspotenziale – aber seine Voraussetzungen und sein Potenzial sind außergewöhnlich. Die Härte, mit der manche Fans und Journalisten seit dem unglücklichen Nationalmannschaftsdebüt seine Leistungen bewerten, steht dazu in keinem Verhältnis.

Foto: Getty Images
Gerade bei Collins wird sichtbar, wie unterschiedlich Spieler je nach Bewertungslogik wahrgenommen werden. Klassische, stark ereignisgetriebene Beobachtungen klammern weite Teile der Leistung aus und reduzieren ein Spiel oft auf wenige auffällige Fehler – etwa einen missglückten Einwurf oder einen sichtbaren Fehlpass. Datengetriebene Modelle gewichten dagegen auch jene Aktionen, die in der Fernsehwahrnehmung leicht untergehen: gewonnene Duelle, Raumverteidigung, Sprintsicherung und das generelle Einflussprofil eines Spielers.
So wurde Collins etwa gegen Heidenheim bei Sofascore zum Man of the Match gewählt, während ihm die BILD trotz dieser Gesamtleistung die Note 5 gab und dies unter anderem mit einem falschen Einwurf begründete. Ein ähnliches Bild ergab sich auch gegen St. Pauli: Während datenbasierte Modelle Collins erneut als auffällig starken Spieler der Partie einordneten, fiel auch hier das Urteil der BILD mit einer 5 vernichtend aus.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede datenbasierte Bewertung richtiger ist. Es zeigt aber sehr deutlich, wie selektiv manche öffentliche Einordnung ausfällt. Bei Collins entsteht mitunter der Eindruck, als werde weniger die Gesamtleistung bewertet als vielmehr das bereits bestehende Narrativ bestätigt. Genau solche Spieler werden von Top-Scoutingabteilungen deshalb häufig deutlich höher eingeschätzt als von einer Debatte, die sich allzu oft an den lautesten statt an den belastbarsten Signalen orientiert.
Doch wie kommt es, dass Nnamdi Collins nach Informationen von Plettenberg, Di Marzio und anderen britischen Transferexperten das Interesse der halben Premier League auf sich zieht und das Preisschild der Eintracht auf 35 bis 40 Millionen Euro gesetzt wird, wenn zugleich der Marktwert bei Transfermarkt auf lediglich 15 Millionen Euro taxiert wird? Collins bringt eine Kombination mit, die im modernen Spitzenfußball extrem gesucht ist: außergewöhnliches Tempo mit 35,87 km/h, hohe Reichweite im Verteidigen, starke Eins-gegen-eins-Fähigkeiten, ein entwicklungsfähiges Alter von 22 Jahren und eine hohe Positionsflexibilität.
Auch in klassischen Defensivmetriken liefert Collins sehr gute Werte. Mit 71,8 % gewonnenen Defensivzweikämpfen, 1,15 Tackles und 10,85 Defensive Actions pro 90 Minuten gehört er zu den Top 10 % der Bundesliga auf seiner Position und beweist, dass er in offenen Räumen und in direkten Duellen bereits jetzt auf sehr gutem Niveau verteidigt. Insbesondere solche Attribute sind für viele Premier-League-Klubs besonders relevant, weil sie in einer Liga mit hoher Intensität, vielen Umschaltmomenten und größeren Räumen auf dem Feld von enormer Bedeutung sind.

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Ohne jede Frage ist Collins aber noch kein fertiger Verteidiger. Gerade im Kopfballspiel, in der Konstanz seiner Konzentration und in technischen Details im engen Raum besitzt er noch klares Entwicklungspotenzial. Entscheidend ist jedoch: Seine Schwächen sind in vielen Bereichen coachbar. Seine größten Stärken hingegen – Tempo, Dynamik, mannorientiertes Verteidigen – sind rar.
Genau deshalb drängt sich der Vergleich zu Manuel Akanji auf – nicht, weil Collins heute schon auf dessen Niveau wäre, sondern weil das Wahrnehmungsmuster ähnlich ist. Auch Akanji galt in Dortmund für viele Beobachter als fehleranfällig, nicht immer voll konzentriert und in entscheidenden Momenten als zu unsauber. Den Wechsel in die Premier League – und dann auch noch zu Pep Guardiola und Manchester City – trauten ihm viele BVB-Anhänger damals nicht zu. Doch ausgerechnet dort zeigte sich, wie viel Vertrauen, ein anderes Umfeld und vor allem ein starker Förderer an der Seitenlinie ausmachen können.
Unter Guardiola entwickelte sich Akanji binnen kurzer Zeit zu einem der besten Verteidiger Europas, gewann in seiner ersten Saison mit den Skyblues direkt die Champions League und stand ab dem Achtelfinale in jeder Partie über 90 Minuten auf dem Platz. Gerade seine Geschwindigkeit, seine Qualität in der Konterabsicherung und seine grundsätzliche spielerische Anlage kamen im passenden Umfeld maximal zur Geltung, während er frühere Unsauberkeiten und leichte Ballverluste zunehmend abstellte. Selbiges könnte auch bei Collins zum Tragen kommen.

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Aus Sicht der Eintracht sollte vor allem das Interesse von Brighton aufhorchen lassen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Brighton über ein exzellentes Scouting-Netzwerk verfügt und dem Markt bei unterbewerteten Spielern oft einen Schritt voraus ist.
Brighton-CEO Paul Barber beschrieb auf der SPOBIS in Hamburg sinngemäß genau diesen Mechanismus: Sobald bekannt wird, dass Brighton einen Spieler spannend findet, zieht der Markt nach und der Preis steigt. Genau deshalb gilt das konkrete Interesse des Klubs inzwischen fast schon als Qualitätssiegel. Auch Brentford verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Dass Collins trotz aller öffentlichen Kritik in genau dieses Raster fällt, ist daher alles andere als zufällig. Vielleicht ist Nnamdi Collins derzeit auch einfach genau das, was Manuel Akanji in Dortmund einmal war: ein Verteidiger, dessen Wert viele erst erkennen, wenn er längst in der Premier League spielt.









































