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·9 juin 2026
Rüdiger bei der WM: Mentalitäts-Booster oder Pulverfass?

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·9 juin 2026

Er ist der lauteste Spieler im DFB-Kader – und gleichzeitig der umstrittenste. Antonio Rüdiger reist zur WM nach Nordamerika, obwohl ihn ein Teil der Fußball-Öffentlichkeit am liebsten gar nicht erst nominiert gesehen hätte. Die Frage ist nicht neu, aber sie brennt mehr denn je: Ist der 33-Jährige ein Gewinn für diese Mannschaft – oder ein Restrisiko, das Nagelsmann irgendwann einholt?
Im März traf Rüdiger den am Boden liegenden Diego Rico mit dem Knie ins Gesicht. Keine Rote Karte, aber eine wochenlange Debatte. Spanische Schiedsrichter-Experten forderten eine Sperre, die Medien überschlugen sich, und Mario Basler verlangte in seinem Podcast, Rüdiger dürfe „nicht einmal mehr in die Nähe der Nationalmannschaft kommen“. Starke Worte – aber Basler ist nicht allein.
Das Foul gegen Getafe ist kein Ausrutscher, der für sich allein stünde. Es reiht sich ein in eine Geschichte von Grenzüberschreitungen: die Kopf-ab-Geste gegen Atlético Madrid in der Champions League, der Ausraster im Copa-Finale gegen Barcelona, bei dem er eine Rolle Tape in Richtung Schiedsrichter warf und anschließend lautstark auf Deutsch beschimpfte. Sportdirektor Rudi Völler musste schon mehrfach öffentlich mahnen – immer mit demselben Tenor: So geht das nicht, schon gar nicht als deutscher Nationalspieler.
Bundestrainer Julian Nagelsmann hält dennoch zu seinem Abwehrspieler. Rüdiger polarisiere eben extrem, weswegen aus solchen Szenen „super viel draus gemacht“ werde, so Nagelsmann. Das klingt nach Verständnis – ist aber auch eine merkwürdige Logik. Denn wer immer wieder Szenen produziert, die erklärungsbedürftig sind, hat ein Problem. Das liegt nicht an der Öffentlichkeit.
Lothar Matthäus hat es in seiner Sport-Bild-Kolumne nüchtern auf den Punkt gebracht: Rüdiger habe Dinge getan, „die Schlagzeilen produziert haben, die man nicht braucht und nicht lesen will.“ Und er müsse sich bei der WM „absolut im Griff haben“. Das ist kein Angriff – das ist ein Hinweis, den man ernst nehmen sollte.
Erschwerend kommt hinzu, dass Rüdiger sportlich nicht mehr die erste Wahl ist. Hinter Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck ist er nur noch als Backup in der Innenverteidigung eingeplant – eine Rolle, die dem Abwehrchef vergangener Tage sicher nicht leichtfällt.
Und trotzdem: Man wäre unehrlich, würde man Rüdigers Wert für diesen Kader kleinreden. Er ist einer der wenigen im DFB-Aufgebot, der echte Führungsqualitäten ausstrahlt – nicht in Worten, sondern in Haltung. Jüngere Spieler bei Real Madrid, darunter Endrick, berichten von seiner ordnenden Hand, seiner Präsenz. Das ist kein Nebenwiderspruch.
Rüdiger selbst hat für die WM eine klare Botschaft formuliert:
„Wir müssen wieder dahin kommen, dass es maximal unangenehm ist, gegen Deutschland zu spielen. Wir müssen diese Mentalität wiederfinden – im positiven Sinne.“
Das klingt nach 2022 in Katar, als er nach dem Vorrundenaus sagte, dem Team fehle „diese letzte Gier, dieses Dreckige“. Dieselbe Diagnose, vier Jahre später – nur dass Rüdiger jetzt derjenige sein will, der die Medizin verabreicht.
Ob das gelingt, hängt von einer einzigen Bedingung ab: dass er die Grenze nicht überschreitet, wenn es zählt. Nagelsmann hat intern eine „rote Linie“ definiert. Rüdiger weiß das. Das WM-Turnier wird zeigen, ob er tatsächlich gelernt hat – oder ob der nächste Blackout zur falschen Zeit kommt.
Mentalitäts-Katalysator oder Sicherheitsrisiko? Beim Turnier in Nordamerika ist beides möglich. Und das sagt eigentlich schon alles über die Situation aus.
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