Rummenigge über Dettmar Cramer - Der Fußballlehrer | OneFootball

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·3 avril 2025

Rummenigge über Dettmar Cramer - Der Fußballlehrer

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Allesgewinner, Weltklassespieler-Entwickler, Kosmopolit: Am 4. April wäre Dettmar Cramer 100 Jahre alt geworden. Im Interview mit dem Mitgliedermagazin 51 erinnert sich unser Sturm-Idol Karl-Heinz Rummenigge an den früheren FCB-Coach – es geht um Cognac, Mick Jagger von den Rolling Stones, Samurai-Schwerter und Trainingseinheiten an roten Ampeln.

Das Interview mit Rummenigge über Dettmar Cramer

Herr Rummenigge, Dettmar Cramer sagte einst vor der ganzen Mannschaft, er würde Ihnen so lange in den Hintern treten, bis Sie ein Weltstar sind. Wie hat Sie das motiviert? (lacht) „Zunächst einmal wusste ich genau, Dettmar Cramer war kein Schwätzer! Wenn er etwas sagte, meinte er es ernst. Also wusste ich, dass er es umsetzen würde, wenn ich nicht sofort alles gebe. Er hat mich ausgebildet. In Wochen ohne Mittwochsspiel absolvierte ich bis zu zehn Trainingseinheiten – doppelt so viele wie die Spieler heute. Wir arbeiteten gezielt an meiner Technik, zum Beispiel Schusstraining mit dem dritten Torwart, der dann extra einbestellt wurde. Einen freien Tag hatte ich anderthalb Jahre lang nicht. Doch das störte mich nicht, denn ich merkte, wie ich mich stetig verbesserte.“


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Cramer war bekannt dafür, seine Spieler tagsüber auf dem Platz zu schinden und sie abends mit Geschichten aus aller Welt zu faszinieren. „Er konnte die unglaublichsten Geschichten erzählen, weil er mehr als die halbe Welt als Entwicklungshelfer für den Fußball bereist hatte, im Auftrag der FIFA, des DFB oder des Auswärtigen Amtes. Für uns, vor allem für mich, war er mehr als nur ein Trainer, fast wie ein zweiter Vater. Nach dem Sonntagstraining lud er uns zum Italiener ‚Eboli‘ ein, wo er dann zu erzählen begann, zum Beispiel vom Löwenjagen in Uganda. Wir hingen an seinen Lippen. Auch Franz Beckenbauer schätzte ihn sehr. Bei Bayern wurde kein Trainer ohne sein Einverständnis verpflichtet – das galt für Udo Lattek wie für Cramer, der bereits Beckenbauers Trainer in der Jugendnationalmannschaft war und später Assistent von Helmut Schön.“

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Seine Trainingsmethoden waren außergewöhnlich: Flanken von beiden Seiten, Schusstechnik-Drills oder Übungen in der Kaufingerstraße für das periphere Sehen. Sogar im Straßenverkehr setzte er Trainings­impulse „Cramers Credo war, dass er seine Spieler immer weiterentwickeln wollte – egal in welcher Situation. Selbst im Auto an der Ampel machte er daraus einen Wettkampf: ‚Du musst der Erste sein, der losfährt‘, rief er plötzlich. Also stand ich schon halb auf dem Gaspedal, und sobald es grün wurde, fällte er sein Urteil: ‚Gut gemacht, Junge!‘ Es war wie eine Dauerprüfung. Er hat Dinge aus dem Alltag ins Training übertragen, um uns vorausschauendes Denken auf dem Platz beizubringen. Alles, was er tat, hatte ein Ziel. Er sagte mir immer: ‚Der liebe Gott hat dir viel Talent gegeben – jetzt liegt es an dir, alles aus dir rauszuholen.‘ Als er damals zu Bayern kam, sagte er: ‚Ich komme aus einem Nachbarort von Lippstadt, Geseke – 15 Kilometer entfernt von deiner Heimat.‘ Von Tag eins an hat er sich wirklich intensiv mit mir auseinandergesetzt.“

Wie musste man sich dann ein Training auf dem Platz mit ihm vorstellen? „Letztens meinte Bulle Roth zu mir: ‚Kannst du dich noch erinnern, wie Dettmar in jedem Training ungefähr hundertmal deinen Namen rief? ‚Kalle! Kalle! Kalle!' dröhnte es immer über den Platz.‘ Ich weiß das bis heute – und dass es mir manchmal unangenehm war. Jedes Training war intensiv, und es gab eine Übung, die jeder gehasst hat, auch Franz: acht gegen acht, Mann gegen Mann. Das Schlimmste, was dir da passieren konnte: Wenn dir Sepp Weiß zugeteilt wurde. Unser Marathonmann. Der lief wie ein Uhrwerk, unermüdlich. Irgendwann meinte ich, völlig am Ende, zu ihm: ‚Sepp, hör endlich auf zu laufen, sonst gibt’s ein Unglück!‘ Cramer hat das sofort mitbekommen, abgepfiffen und gesagt: ‚Wenn ich das noch einmal höre, gehst du in die Kabine!‘ Er hatte eine natürliche Autorität und wusste, wann er hart durchgreifen musste und wann er nachsichtig sein konnte. Zuckerbrot und Peitsche, das war sein Stil.“

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Vor dem Europapokal-Finale 1975 gegen Leeds United bereitete sich Cramer sechs Wochen lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Grünwald vor. Hatten Sie damals schon das Gefühl, dass diese Akribie ein entscheidender Faktor für den Titelgewinn war? „Man darf nicht vergessen: Die Saison 1974/75 war national gesehen wenig erfolgreich – wir landeten auf Platz zehn. Aber wenn wir am Mittwochabend unter Flutlicht gespielt haben, war das Stadion nicht nur voll, sondern die Atmosphäre auch eine ganz andere. Ich hatte immer das Gefühl, dass zwischen der Bundesliga am Samstagnachmittag und einem Flutlichtspiel unter der Woche Welten lagen. Da konnte sich die Mannschaft noch einmal enorm steigern, so haben wir uns bis ins Finale gekämpft und durch Tore von Bulle Roth und Gerd Müller gewonnen. Der Sieg war enorm wichtig – nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich. Es war unsere letzte Chance, international dabeizubleiben. Denn als Titelverteidiger waren wir für den nächsten Europapokal qualifiziert, was für den Verein finanziell essenziell gewesen ist.“

Vor dem Europapokal-Finale 1976 in Glasgow gegen Saint-Étienne bekamen Sie ein Glas Cognac. „Der Cognac war nicht Cramers Entscheidung. Wir waren fast zwei Stunden vor dem Spiel im Stadion, und ich war total nervös, wollte diesen Titel unbedingt, meinen ersten großen Erfolg. Im Jahr zuvor hatte ich zwar alle Europapokal-Spiele gemacht, aber im Finale saß ich auf der Bank. Kreidebleich bin ich durch die Gänge getigert. Dettmar fragte: ‚Was ist mit dir? Du bist total blass. Alles okay?‘ Ich sagte nur: ‚Ja, bin halt etwas nervös.‘ Da meinte Schwan: ‚Gib dem Jungen mal einen Cognac.‘ Und zack – bekam ich einen. Nach fünf Minuten fragte Schwan, ob es besser geht. Ich meinte, ja, ein bisschen – darauf er: ‚Dann lieber noch einen!‘ Also gab’s die zweite Runde. Cramer wusste Bescheid, aber er hatte nichts dagegen.“

Eine legendäre Szene spielte sich in Glasgow im Teamhotel ab: Mick Jagger platzte in die Spielbesprechung, wollte Beckenbauer umarmen – und Cramer wies ihn höflich, aber bestimmt hinaus. Wie haben Sie diese Situation erlebt? „Am Nachmittag vor dem Finale hatten wir gegen 15 Uhr die Mannschaftsbesprechung. Dettmar hatte alles vorbereitet – Flipcharts, Taktik, Aufstellung. Und plötzlich taumelte Mick Jagger in den Raum. Er kannte Franz und wollte ihn begrüßen. Doch bevor es dazu kam, schnappte ihn Dettmar, packte ihn an der Hüfte und sagte in bestem Englisch: ‚Mick, alles gut, aber ich muss jetzt mein Spiel vorbereiten – und du dein Konzert. Also wünsche ich dir viel Erfolg, bitte wünsch uns das auch!‘ Mick war kurz perplex, drehte sich aber direkt um und ging. So war Dettmar: Er hat nur für den Fußball gelebt, wirklich ausschließlich. Für ihn gab es nichts anderes. Sein langweiligstes Zeitfenster war Sonntagnachmittag, weil damals kein Fußball im Fernsehen lief. Dann saß er wohl schon über seinen Plänen für die Trainingswoche.“

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Cramer hat den FC Bayern international etabliert. Sehen Sie in ihm einen der Architekten des heutigen Weltclubs? „Kein Trainer vor ihm und nach ihm in der 125-jährigen Geschichte des FC Bayern hat es geschafft, zweimal in Folge den Europapokal der Landesmeister beziehungsweise die Cham­pions League zu gewinnen. Keiner. Das zeigt doch schon, welchen Stellenwert er in der Historie des FC Bayern hat. Er hat sich nie als Trainer bezeichnet, sondern als Fußballlehrer. Er hat uns Spieler besser gemacht und damit auch den Verein. Wenn es ‚besser‘ gab, war ‚gut‘ nicht gut genug. Das war sein Motto. Ich habe nie wieder einen Trainer erlebt, der sich so intensiv um alles gekümmert hat. Und ich kenne auch keinen einzigen Spieler, der je ein schlechtes Wort über ihn verloren hätte – im Gegenteil, alle hatten größten Respekt vor ihm.“

Nach seiner Zeit in München war Cramer auf der ganzen Welt als Trainer und Berater tätig – was wissen Sie von ihm aus dieser Zeit? „Sein Einfluss reichte weit über Deutschland hinaus. In Japan wird er bis heute fast schon ikonisch verehrt, nachdem er die japanische Olympiamannschaft sensationell zu Bronze geführt hat. Dafür verlieh ihm Kaiser Hirohito persönlich einen Orden, zudem erhielt er ein Samurai-Schwert, ein Symbol höchster Wertschätzung. Er war oft seiner Zeit voraus, trainierte schon Ende der 70er in Saudi-Arabien, war in über 90 Ländern aktiv. Ein Kosmopolit. Dettmar war nicht nur ein herausragender Fußballfachmann, sondern ein außergewöhnlicher Mensch. Einmal haben wir ihm zu einem runden Geburtstag ein Fest ausgerichtet, und alle seine Spieler sind gekommen. Alle. Bis zu seinem Tod haben Franz und ich ihn oft besucht, auch im hohen Alter trug er stets seinen Trainings­anzug. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken – er hat den Stein meiner fußballerischen Karriere ins Rollen gebracht.“

Wenn Sie einem jungen Spieler heute eine Lektion aus der Zusammenarbeit mit Dettmar Cramer mitgeben könnten – welche wäre es? „Heute würde ich mir mehr Trainer wünschen, die wirklich Fußball lehren wollen. Denn neben dem Ziel, Spiele zu gewinnen, ist es mindestens genauso wichtig, Spieler zu entwickeln und so auch einen kontinuierlichen Generationswechsel zu gewährleisten.“

Das Interview erschien im Mitgliedermagazin 51.

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