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·9 juin 2026

Seimen zwischen Romantik und Erfolgsdruck

Image de l'article :Seimen zwischen Romantik und Erfolgsdruck

Ist es wirklich so, dass sich VfB-Fans nach einem Eigengewächs sehnen, das es zu einem Stammplatz in der Profi-Mannschaft schafft oder ist das eine mediale Einschätzung, die sich durch ständige Wiederholung verselbständigt hat?

Mit Dennis Seimen könnte nach Sven Ulreich mal wieder einer aus dem NLZ im Tor stehen, nachdem es Bernd Leno (2009) und Odysseas Vlachodimos (2026) aus verschiedenen Gründen nicht zugetraut wurde. Ich schreibe nur Fredi Bobic und Robin Dutt.


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Was erwartet Seimen beim VfB? Riesige Fußstapfen, da Alex Nübel auch ein Gesicht des VfB-Aufschwungs der letzten drei Jahre ist.

Enorme Erwartungen, da sich Experten einig sind, dass Seimen nicht nur ein ordentlicher Bundesligatorwart werden könnte, sondern noch deutlich mehr.

Großer Druck, dass es endlich mal wieder einer von „jung und wild“ in die Stammformation der Profis schafft.

Wie sieht Sascha Felter, Torwartexperte und Host des Podcasts „Keeperanalyse“, die neue Nr. 1 des VfB? “Ganz grundsätzlich traue ich Dennis Seimen den Sprung in die Bundesliga zu. Seimen hat ein sehr gutes Positionsspiel, mir gefällt seine Beinarbeit, mit der er seine Position vor Schüssen noch einmal anpasst, um im richtigen Schusskanal zu stehen. Abgesehen davon besitzt er im Eins-gegen-Eins schon ein ordentliches Timing. Seine athletischen Fähigkeiten sind mindestens solide, große Schwächen im Abdruck oder der Beweglichkeit konnte ich bislang nicht erkennen. Seine langen Bälle waren straff geschlagen und kamen laut Sofascore in 48,7% der Fälle an, was ein starker Wert ist. Kicken kann er!”

Dass Seimen mit Druck umgehen kann, hat er in den Relegationsspielen zwischen Paderborn und Wolfsburg bewiesen. Im Rhythmus Mittwoch-Samstag-Mittwoch-Samstag auf deutlich höherem Niveau spielen zu müssen, ist er allerdings nicht gewohnt. Felter sieht das nicht unkritisch und zieht einen Vergleich: “Bei Noah Atubolu und auch Kaua Santos habe ich anfangs eine gewisse Überspielheit wahrgenommen“. Die Konsequenz: Beide machten Fehler, die Freiburg und Frankfurt Punkte kosteten. Aber vielleicht bekommt Seimen zumindest in den Pokalspielen eine Pause, wenn Fabian Bredlow zum Copa-Keeper ernannt wird.

Die Faktoren, die zur Ernennung Seimens zur Nr. 1 geführt haben, sind eine Mischung aus Finanzen, Romantik und Leistungsvermögen.

Ein Torhüter von der Klasse Nübels ist kostspielig. Dass Deutschlands Nummer 3 im Brustring auflief, war nur durch eine starke Subvention von Bayern München möglich. Das Auslaufen des Leihvertrags und die von Bayern aufgerufene Ablösesumme für Nübel ließen keine Weiterverpflichtung zu. Dass der VfB deshalb voll auf Seimen setzt, war nicht so klar. Denn bei allem Vertrauen in Seimens Leistungsvermögen, vermisst beispielsweise Sascha Felter “dieses eine Asset, was aber noch kommen kann: Jonas Urbig hat eine brutale Explosivität und keine Angst, sich in Bälle zu schmeißen. Atubolu das Selbstverständnis und Coaching, Mio Backhaus ist im Eins-gegen-Eins brutal”.

Ich kann mir vorstellen, dass Sebastian Hoeneß der Romantik eines „eigenen Spielers“ wenig abgewinnt und das zurecht. Auf so einer exponierten Position wie der des Torhüters bevorzugt er sicher eine stabile und leistungskonstante Besetzung. Ausgerechnet beim Torhüter ein Entwicklungsprojekt, das passt nicht so recht zum VfB-Tainer. Er ist für den Erfolg verantwortlich und ein junger, unerfahrener Keeper erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit.

Der Schritt, Seimen zur Nummer 1 zu machen, ist logisch. Beinhaltet aber ein nicht unerhebliches Risiko. Nübel war auch nicht frei von Fehlern, die sollte man Seimen auch zugestehen. Aber es kann im ungünstigsten Fall zu einem völligen Chaos führen. Siehe Eintracht Frankfurt nach dem Abgang von Kevin Trapp, als Kaua Santos und Michael Zetterer nie auch nur den Hauch von Sicherheit und Souveränität ausstrahlten und alles andere als ein zuverlässiger Rückhalt waren.

Der VfB hätte den Mittelweg wählen können: Seimen erneut ausliehen und ihm ein Jahr Bundesliga mit Paderborn geben. Zum Übergang erfahrenen Keepern wie Bernd Leno, Peter Peter Gulasci, Frederik Rönnow oder Janis Blaswich einen Mehrjahresvertrag geben, der ab dem zweiten Jahr den Rückzug auf die Nummer 2 vorsieht. Gleichzeitig den Vertrag mit Bredlow nicht verlängern.

Sascha Felter sieht „torwarttechnisch und -taktisch weder eklatante Schwächen noch große Ausreißer nach oben. Nübel hat seine Eigenheiten im Eins-gegen-Eins, stellt beispielsweise selten bis nie einen Block oder er verteidigt viele flache körpernahe Schüsse mit den Händen. Seimen ist ein „typisch deutscher“ Torhüter: Er weiß, wo er wann wie zu stehen hat, kann gut blocken, kann sich gut abdrücken, ist mit Ball am Fuß im europäischen Vergleich überdurchschnittlich.“

Manche gehen noch weiter und nannten ihn zuletzt laut Süddeutscher Zeitung “den Manuel Neuer der zweiten Liga“. Oder gleich den „neuen Neuer“. Das geht sogar schon so weit, “dass Torwartexperten raunen würden, Seimen werde bei der WM 2030 im deutschen Tor stehen.”

So viel zum Thema Druck. Geht’s nicht ein bissle kleiner?

Zum Weiterlesen: Sascha Felter ist Host des Podcasts „Keeperanalyse“, einen gleichnamigen Blog gibt es auch. Er ist Torhüter und Torwart-Trainer und schreibt regelmäßig Texte u.a. für “11Freunde“.

Rund um den Brustring hat sich das gesamte Torhütergame beim VfB und insbesondere Neuzugang Marius Funk in einem sehr ausführlichen Blog-Posting genauer angeschaut und kommt zu dem Schluß, der VfB sei „inguten Händen“.

Bild: Selim Sudheimer/Getty Images

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