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·16 juillet 2026
Tuchel ein deutscher Spion? England debattiert tatsächlich seine Herkunft

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·16 juillet 2026

Nach dem WM-Aus im Halbfinale gegen Argentinien rückt in England die deutsche Herkunft des Trainers in den Fokus – Vieira warnt vor einer Entlassung.
Ein deutscher Trainer verliert mit England ein WM-Halbfinale, und binnen Stunden ist er kein Coach mehr, sondern ein Spion. Gary Lineker hat den Verdacht in seiner Netflix-Show "The Rest is Football" ausgesprochen: Tuchel sei "so etwas wie ein deutscher Spion", weil die Deutschen selbst gerade nicht über die Gruppenphase hinauskämen und deshalb "vielleicht jemanden eingeschleust" hätten. Natürlich sei das "nur Spaß", schob Lineker hinterher. Aber Witze dieser Art funktionieren nur, wenn ein wahrer Kern schon bereitliegt. Und der liegt hier nicht in der Taktik, sondern in der Herkunft.
Man muss Lineker in einem Punkt recht geben, und der hat nichts mit Nationalität zu tun. Tuchel hatte nach dem Kroatien-Spiel angekündigt: "Wenn wir verlieren, dann verlieren wir, weil wir aggressiven, offensiven Fußball spielen." Gegen Argentinien tat England das Gegenteil. Nach der Führung durch Anthony Gordon in der 55. Minute drückte sich die Mannschaft tief in die eigene Hälfte, Enzo Fernandez traf in der 85., Lautaro Martínez in der 90.+2. Das ist ein Widerspruch zwischen Versprechen und Umsetzung, und ihn zu benennen ist legitime Kritik am Trainer. Genau hier hätte die Debatte bleiben können.
Sie blieb es nicht. Joe Cole sagte, er habe sich "nie mit einem deutschen Trainer für England wohlgefühlt", und verband das mit dem Weltmeister von 1966, der einen englischen Trainer verdiene. Damit verschiebt sich die Frage von der Leistung zur Zugehörigkeit. Ob Tuchel zu passiv coachte, ist überprüfbar. Ob ein Engländer einen Engländer trainieren sollte, ist keine sportliche Kategorie mehr, sondern eine Aussage über Identität. Cole verpackt beides in einem Atemzug, und das ist das eigentlich Aufschlussreiche: Die schlechte zweite Halbzeit wird zur Bestätigung eines Unbehagens, das schon vorher da war.
Sechzig Jahre ohne Titel erzeugen Druck, und Druck sucht sich ein Ventil. Bemerkenswert ist, wohin es sich richtet. Nicht auf ein Konzept, nicht auf einzelne Wechsel, sondern auf die Nationalität des Mannes, der sie zu verantworten hat. Der Spion-Witz und Coles Bekenntnis sind zwei Tonlagen desselben Reflexes: Wenn es misslingt, liegt es am Fremden. Das ist keine Analyse, das ist eine Fluchtbewegung. Sie erspart es der Fußballnation, über die eigenen Ansprüche und die eigene Ungeduld nachzudenken.
Wie es anders geht, hat ausgerechnet ein Franzose vorgemacht. Patrick Vieira, 1998 Weltmeister und lange beim FC Arsenal, warnte davor, Tuchel zu feuern: "Das war sein erstes großes Turnier." Man müsse ihm "zumindest die EM geben, um zu sehen, wie weit es gehen kann". Das ist die Stimme, die den Fall so behandelt, wie man ihn behandeln sollte: als Trainerfrage, nicht als Herkunftsfrage. Tuchel hat bis nach der Heim-EM 2028 verlängert, und ob das eine gute Entscheidung war, darf man streiten. Joe Cole nennt sie "verrückt", weil Tuchel "noch nicht das geliefert hat, weshalb er geholt wurde" – ein Argument über Ergebnisse, mit dem man arbeiten kann.
Bleibt die Frage, welche Debatte England führen will. Die über einen Trainer, der ein Versprechen nicht eingelöst hat, wäre hart, aber fair. Die über einen Deutschen, dem man von Beginn an misstraute, sagt mehr über den Ankläger als über den Angeklagten.
Unbedingt lesen: Lineker scherzt nach WM-Aus: Tuchel "deutscher Spion"?
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