Warum unser Mainz-Wahnsinn ein Signal für Paris ist | OneFootball

Warum unser Mainz-Wahnsinn ein Signal für Paris ist | OneFootball

In partnership with

Yahoo sports
Icon: FC Bayern München

FC Bayern München

·25 avril 2026

Warum unser Mainz-Wahnsinn ein Signal für Paris ist

Image de l'article :Warum unser Mainz-Wahnsinn ein Signal für Paris ist

Man musste sich als Bayern-Fan zur Pause die Augen wischen. Man musste noch einmal nachfragen, wenn man den Halbzeitstand irgendwo aufschnappte. Man musste die Suchmaschine bedienen, um das Ergebnis auf einer anderen Website zu verifizieren. Das konnte doch niemals sein! Doch es stimmte tatsächlich: 0:3 lag der FC Bayern nach 45 Minuten bei Mainz 05 im Rückstand – und nicht einmal unverdient. Noch einmal 45 Minuten später lagen sich dann alle Münchner in den Armen: Jackson, Olise, Musiala und Kane hatten auch diese Bundesligabegegnung allen Ernstes noch einmal auf den Kopf gestellt. Ein 4:3-Sieg in Mainz, der vor allem psychologisch außergewöhnlich Rückenwind für das Hinspiel in der Champions League am Dienstag bei Paris St. Germain geben wird. „Ich liebe diese Mentalität“, gestand Cheftrainer Vincent Kompany hinterher glücklich: „Die Jungs haben gejubelt wie nach einem Relegationsspiel.“ 

Die bitterste Hälfte der bisherigen Spielzeit

Doch bevor gejubelt werden durfte, musste der FC Bayern die bitterste Hälfte der bisherigen Spielzeit durchstehen. Auf acht Positionen verändert, mit dem 18 Jahre jungen Bara Ndayie erstmals in der Startelf, gelang nur in der ersten Viertelstunde so etwas wie die allseits erwartete Bayern-Überlegenheit. Dann belohnte sich Mainz erstmals für einen disziplinierten Auftritt, in dem die Gastgeber vor allem pfeilschnell und zielgenau konterten: Ein Ballverlust im Spielaufbau des FC Bayern – und es ging postwendend in die andere Richtung. „Was ist falsch gelaufen in der ersten Hälfte? Alles!“, fasste Kompany zusammen: „Vom Gefühl können das vier oder fünf Gegentore werden bis zur Pause.“


Vidéos OneFootball


Was Mainz besonders stark machte: In nur sehr wenigen Ballkontakten wurde das komplette Feld überbrückt und zentimetergenau der Offensivspieler in eine Abschlusschance freigespielt. „Wir konnten uns immer wieder befreien, indem wir mutig waren mit den Zuspielen. Wir haben richtige, gute Entscheidungen getroffen. Und wurden immer wieder sehr gefährlich“, lobte Urs Fischer den Auftritt seiner Mannschaft. 11:2 Torschüsse zählten die Statistiker für den Tabellenzehnten bis zum Pausenpfiff. Davon durfte Mainz gleich dreimal jubeln. Der FC Bayern hingegen wirkte phasenweise nicht auf der Höhe, zu passiv, zu uninspiriert – und von den Gegentreffern sichtlich geschockt. Kein einziger Schuss der Bayern flog aufs Heimtor. „Wir sind aber nicht in den Strafraum gekommen – wir hatten viel Ballbesitz, viele kurze Pässe, sind aber nicht zum Tor gegangen“, ärgerte sich Kompany. „Das kann mal passieren, aber dann darf man keine Gegentore kriegen.“

Sicher, vielleicht war ein Rückstand sogar irgendwie nachvollziehbar in diesen Wochen, in denen der Rekordmeister zwischen Superlativen wie der Meisterschaft, dem Erreichen des DFB-Pokalfinals und dem bevorstehenden, elektrisierenden Halbfinale der Champions League immer auch noch diese Pflichtaufgaben in der Bundesliga zu absolvieren hat. Denn einzuholen ist der FC Bayern bekanntlich bereits seit vergangenem Spieltag an Platz eins nicht mehr. Trotzdem lag der Gast zur Halbzeitpause enttäuschend mit 0:3 zurück – erst zum vierten Mal überhaupt in diesem Jahrtausend in dieser Höhe. Was dann folgen sollte, bezeichnete Heim-Spielmacher Nadiem Amiri aus Sicht der Mainzer als „absolut schockierend“. Urs Fischer, sein Trainer, sagte: „Es ist immernoch schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber eigentlich ist es einfach erklärt: Du machst eine top erste Hälfte und dann stellst du fast ein bisschen den Betrieb ein in der zweiten Hälfte.“

Moral, Siegeswill, Teamgeist

Denn wie stark die Moral, wie groß der Siegeswille und wie enorm der Teamgeist dieser Bayern-Mannschaft sind, zeigte sich im zweiten Durchgang auf bemerkenswerte, einzigartige und unvergessliche Weise. Vincent Kompany hatte in seiner lauten Pausenansprache definitiv die richtigen Worte gefunden und mit Harry Kane, Michael Olise und später noch Jamal Musiala gleich drei spätere Torschützen eingewechselt. „Die Qualität, die dann kommt, kann man nicht verteidigen. Das ist das beste Beispiel, warum Bayern gerade die beste Mannschaft der Welt ist“, sagte Nadiem Amiri später zu Recht.

Den ersten Torschuss nach der Pause besaß zwar noch Mainz, dann aber ging es fast ausschließlich in die andere Richtung: Vor allem der spielfreudige Olise beschäftigte den Gastgeber nachhaltig, das Passspiel des FC Bayern wurde immer genauer, die Lücken der Mainzer im Defensivverbund immer größer und die möglichen Konter der 05er vom FC Bayern bereits im Keim erstickt. „Wir haben in der Pause gesprochen, dass wir uns nicht zurückziehen dürfen, nicht im Kopf haben dürfen, das 3:0 nur zu verteidigen – genau das aber ist dann eingetroffen“, ärgerte sich Mainz‘ Chefcoach: „Dafür ist Bayern in dieser Spielzeit zu gut, zu stark.“

Die Folge: das schnelle Anschlusstor durch Nicolas Jackson, sein siebtes Saisontor, das schlagartig die Hoffnungen auf eine historische Aufholjagd wieder weckte. Erst einmal hatte selbst der große FC Bayern einen 0:3-Rückstand noch in einen Sieg umgemünzt: 1976 gegen den VfL Bochum (Endstand 6:5). Als auch noch Olise in seiner ganz eigenen, unnachahmlichen Art den Ball mit dem linken Zauberfuß ins Tordreieck zum Traumtor streichelte, und der geniale wie torgefährliche Jamal Musiala nur wenige Minuten später zum 3:3-Ausgleich traf, war das Spiel endgültig auf den Kopf gestellt. An Musialas losgelöstem Jubel, an seinem Strahlen im Gesicht konnte jeder erkennen, welch Kräfte die Tore freisetzten. „Der Jubel, das Lachen – wenn ein Offensivspieler das zeigt, ist alles gelöst“, freute sich auch sein Coach: „Dann ist alles in Ordnung. Es ist das erste Mal, dass Jamal diese Freiheit wieder spürt.“

Drei Tore in zehn Minuten

Im Stadion hörte man nur noch die Bayern-Fans singen, die Mainzer Mannschaft verfiel – wie ihre Anhänger – in eine Art Schockstarre: Ein Sieg, der fünfte bereits aus den letzten sechs Bundesliga-Heimspielen gegen den FC Bayern, hätte den vorzeitigen Klassenerhalt besiegelt. So aber kam es, wie es fast schon kommen musste: Auf Vorarbeit des unermüdlichen Musiala traf auch Harry Kane noch mit seinem 33. Saisontor zum nie mehr für möglich gehaltenen, sensationellen 4:3-Auswärtssieg. „In der Halbzeit haben wir ordentlich den Kopf gewaschen bekommen und uns dann wieder auf das berufen, was uns stark macht. Ich glaube im Leben kann mal Rückschläge bekommen und in einem Fußballspiel kann man mal zurückliegen. Aber es kommt immer darauf an, wie man darauf reagiert“, sagte Leon Goretzka. „Wir haben heute zeigen können, dass wir eine sehr besondere Mannschaft haben.“

Drei Tore in zehn Minuten – für Harry Kane ware es bereits sein fünftes Jokertor, damit führt der Torjäger auch diese Statistik ligaweit an. 18 Treffer von eingewechselten Spielern wie beim FC Bayern hatte es in der Bundesligahistorie bisher obendrein sowieso noch nie gegeben. „Bayern hat uns in der zweiten Halbzeit mit ihrer Qualität einfach komplett auseinandergenommen“, gestand Dominik Kohr von Mainz 05. „Dass wir noch den Hunger haben, das Spiel zu drehen, noch zu feiern, als ob es die Meisterschaft gewesen wäre – das ist ein gutes Gefühl“, freute sich Jamal Musiala: „Für die kommenden Wochen brauchen wir dieses Gefühl und die Mentalität, wenn wir noch mehr gewinnen wollen.“

Mit Blick auf das Halbfinale in Paris am Dienstag war es ein unglaublicher Sieg, der sich psychologisch viel größer, viel wertvoller auswirken dürfte als drei Punkte nach einem überlegen bestimmten, in dieser Saison so häufig erlebten, unaufgeregten Auswärtserfolg. „Wenn wir verloren hätten, hätte ich gesagt: Kein Problem, wir können diese Spiele trennen. Aber ein Spiel ist eigentlich nie ein Zeichen für mich aufs nächste Spiel. Aber in einer Saison muss man die Erfolgsmomente immer sammeln. Am Ende geben sie einem dann das dann Recht zu glauben, dass man alles schaffen kann“, fasste es Vincent Kompany zusammen.

So verabschiedete sich seine Mannschaft mit dem vermutlich bestmöglichen Gefühl der Unbesiegbarkeit aus Mainz, begleitet von lautstarken, freudetrunkenen Gesängen aus dem Bayern-Auswärtsblock: „Wir holen die Meisterschaft – und den Europacup – und den Pokal.“ Wer mag an diesem Abend noch daran zweifeln, dass nicht wirklich alles möglich ist?

À propos de Publisher