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·27 Juli 2026
150 Millionen Pfund: Der ungleiche WM-Boom der Pubs

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·27 Juli 2026

30 Millionen zusätzliche Pints. 150 Millionen Pfund Mehrumsatz. Der beste fußballgetriebene Sommer für Englands Pubs seit Jahren – und im selben Juni fuhr die Restaurantbranche einen ihrer schlechtesten Monate des Jahres ein.
Die Zahlen stammen von der British Beer & Pub Association und beziehen sich auf das gesamte Turnier. Verglichen mit einem normalen Handelszeitraum flossen über die Zapfhähne 30 Millionen Pints mehr, was den Betrieben rund 150 Millionen Pfund zusätzlich in die Kassen spülte. Der Zahlungsdienstleister Dojo beziffert das Umsatzplus über die gesamte WM auf 16 Prozent gegenüber dem Normalbetrieb – und damit rund neun Prozentpunkte besser als bei der EM 2024, obwohl England damals bis ins Finale kam.
Wer den Boom erklären will, muss auf die Uhr schauen, nicht auf die Tabelle. Die Anstoßzeiten in Nordamerika verlegten einen Großteil der Spiele in die späten Abend- und Nachtstunden – und die Politik zog mit gelockerten Ausschankzeiten nach.
Der auffälligste Handelstag der vergangenen drei Turniere war nach Daten des Kassensystem-Anbieters Epos Now das englische Spiel gegen Mexiko in den frühen Morgenstunden. Der Umsatz verdoppelte sich dort beinahe gegenüber dem Vergleichszeitraum vor dem Turnier – weil die Pubs durchgehend geöffnet bleiben durften und zusätzlich ihr reguläres Tagesgeschäft mitnahmen. Drei weitere Partien brachten ein Transaktionsplus von zwei Dritteln. Zum Vergleich: Bei der WM 2022 und der EM 2024 schafften jeweils nur zwei Spiele überhaupt ein Plus von mehr als 50 Prozent.
Es ist die Verlängerung der Öffnungszeit, die hier den Unterschied macht. Ein Anstoß um 2 Uhr morgens verkauft kein einziges Bier, wenn der Hahn um Mitternacht zugedreht werden muss.
Genau hier liegt der Punkt, an dem die Wochentagsspiele ins Spiel kommen – und zwar deutlicher, als es die Gesamtsumme vermuten lässt. Der Zahlungsanbieter Square registrierte während der Schlüsselpartien zwischen 22 und 1 Uhr ein Transaktionsplus von 121 Prozent. Der Mittwoch mit England gegen Kroatien brachte 57 Prozent mehr Tagesumsatz, der Dienstag gegen Ghana 91 Prozent.
Amy Williams, die mit ihrem Mann den George im essexschen Witham führt, nennt die Wochentagsspiele schlicht „grandios“: An den Kassen habe sie im Vergleich zur Vorwoche ein Plus von 300 bis 400 Prozent gesehen. Zum Norwegen-Spiel sagte sie kurzerhand den gebuchten Dolly-Parton-Tribute-Act ab – für eine Bühne war schlicht kein Platz mehr.
Und hier kippt die Erfolgsmeldung. Die Restaurantgruppen, die ihre Zahlen an das Analysehaus NIQ melden, lagen im Juni 0,7 Prozent unter dem Vorjahr – der zweitschlechteste Monat des Jahres 2026. Mitchells & Butlers, die größte Gastronomiekette des Landes, meldete für das dritte Quartal stagnierende Umsätze: Was die Pub-Sparte während der WM gewann, gab die Hitze bei Marken wie Toby Carvery wieder ab.
Saxon Moseley von RSM UK bringt es auf den Punkt: Die getränkelastigen Pubs seien die eigentlichen Gewinner des Turniers gewesen – aber weil das frei verfügbare Einkommen der Briten begrenzt bleibe, gehe der Zuwachs des einen Segments häufig zulasten eines anderen. Karl Chessell von NIQ ergänzt, dass Großereignisse und Hitze für kostenbelastete Restaurants schlechter funktionieren als für die Theke.
Die Frage ist also nicht, ob die WM der britischen Gastronomie geholfen hat. Einem Teil von ihr hat sie das. Die Frage ist, ob unter dem Strich neues Geld ins System kam – oder ob es nur die Tür gewechselt hat.
Selbst innerhalb der Pubs fällt die Bilanz unruhiger aus, als 150 Millionen Pfund klingen. Auf volle Spieltage folgten regelmäßig auffallend ruhige Tage, die einen Teil der Gewinne wieder auffraßen. Nach dem Halbfinal-Aus gegen Argentinien sei es am Tag danach wie in einer Geisterstadt gewesen, berichtet Williams. Das Finale am Sonntag ohne englische Beteiligung wurde zum stillsten Tag eines lauten Monats.
Dazu kommt die Kostenseite, die in keiner Verbandsmeldung auftaucht. Dawn Slater vom Garrick’s Head im Großraum Manchester verdoppelte ihren Umsatz gegenüber früheren Turnieren mehr als – aber nur, weil sie draußen Kapazität schuf, Großbildschirme installierte und zusätzliche Fernseher sowie eine Außenbar anschaffte. Allein Plastikbecher und Krüge schlugen mit 8.700 Pfund zu Buche. Zehn Uhr morgens Dienstbeginn, zwei Uhr nachts Feierabend, fünf Uhr ins Bett.
Der Zeitpunkt der Zahlen ist pikant. Nur zwei Tage bevor die BBPA-Bilanz die Runde machte, kündigte Premierminister Andy Burnham ein Hilfspaket von 100 Millionen Pfund an: 20 Prozent Rabatt auf die Business Rates für Pubs, Clubs und Livemusik-Spielstätten ab April, rund 32.000 Betriebe, ersparte Steuerlast für einen typischen Pub etwa 1.100 Pfund im Jahr. Kritikern geht das nicht weit genug, Oppositionsführerin Kemi Badenoch fordert die Abschaffung der Abgabe für die gesamte Innenstadt.
Man muss diese Zahlen nebeneinanderlegen, um zu verstehen, wovon hier eigentlich die Rede ist. Ein Weltturnier mit einer englischen Mannschaft im Halbfinale, mit durchgeschobenen Nächten und gelockerten Ausschankzeiten, bringt der gesamten Branche 150 Millionen Pfund. Das staatliche Rettungspaket, das als zu zaghaft gilt, umfasst 100 Millionen. Und im vergangenen Jahr schloss in England und Wales im Schnitt jeden Tag ein Pub für immer.
Sechs Wochen Ausnahmezustand haben gereicht, um eine Branche kurz aufatmen zu lassen. Eine Branche, die zum Atmen ein Weltturnier braucht, hat ein anderes Problem als den Spielplan.
Langsung







































