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Matti Peters·19 Juli 2026
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Matti Peters·19 Juli 2026
Wenn heute das WM-Finale angepfiffen wird, blickt die Fußballwelt auf die üblichen Verdächtigen. Auf der einen Seite natürlich Lionel Messi und auf der anderen Seite dessen designierter Erbe Lamine Yamal.
Doch die wahre Entscheidung könnte in jener Phase fallen, die Trainer hassen und Fans lieben: der Crunchtime. Wenn die Beine schwer werden, schlägt traditionell die Stunde Argentiniens – das mussten bei dieser WM schon Ägypten, die Schweiz und zuletzt England auf bitterste Art und Weise miterleben. Doch Spanien reist mit einem perfekt abgestimmten Gegenmittel zum Endspiel: Mikel Merino. Der 30-Jährige hat sich in den letzten Jahren zum personifizierten Albtraum gegnerischer Abwehrreihen in den Schlussminuten entwickelt.
Merinos Weg an die Weltspitze verlief alles andere als geradlinig. Vor genau zehn Jahren galt er als eines der am heißesten umworbenen Talente Europas. Borussia Dortmund sicherte sich den damals 20-Jährigen von CA Osasuna. Doch statt des erhofften Durchbruchs folgte ein sportliches Missverständnis. Unter dem Taktik-Ästheten Thomas Tuchel fand der sensible Baske keinen Platz im starbesetzten Mittelfeld neben Götze, Reus oder Kagawa; stattdessen musste er sporadisch als Innenverteidiger aushelfen.
Nach nur einem Jahr flüchtete er über Newcastle United zurück in die Heimat. Erst bei Real Sociedad fand er die Konstanz und das Selbstvertrauen, das ihn schließlich zum Champions-League-Spieler reifen ließ. Er musste erst einen Schritt zurückgehen, um Anlauf für die ganz große Karriere zu nehmen.
Der eigentliche Wendepunkt zu dem Spieler, der er heute ist, ereignete sich jedoch in London. Arsenal-Coach Mikel Arteta holte seinen Landsmann mit einer klaren Vision nach der EM 2024 zu den Gunners. Doch das Schicksal schlug sofort im ersten Training grausam zu: Nach einem Zusammenstoß mit Gabriel Magalhaes brach sich Merino die Schulter und fiel wochenlang aus. Rückblickend bezeichnete er diese Zwangspause jedoch als mentalen Segen – sie gab ihm die nötige Zeit, das Spielsystem der Londoner genau zu analysieren und sich taktisch wie körperlich weiterzuentwickeln.
Arteta war es schließlich auch, der ein völlig neues Talent in Merino weckte: Trotz seiner bis dahin eher defensiv ausgerichteten Spielweise funktionierte der Trainer ihn bei Arsenal phasenweise zum zentralen Angreifer um. Ein absoluter Geniestreich.
"Ich habe in den sozialen Medien gelesen, dass ich im nächsten Spiel gegen Leicester als Stürmer auflaufen sollte. Ehrlich gesagt musste ich nur lachen und dachte mir: 'Wie können die Leute so einen Mist erzählen?' Ich hatte dort noch nie gespielt und auch absolut nicht damit gerechnet", erklärte Merino im Vorfeld der WM gegenüber 'Fourfourtwo'.
📸 GLYN KIRK - AFP or licensors
"Doch dann kam vor dem Spiel einer der Arsenal-Trainer auf mich zu und sagte: 'Hey, wir haben uns überlegt, dich ganz vorne einzusetzen – nicht als klassischer Stürmer, sondern eher wie ein Mittelfeldspieler, der aber am weitesten vorne agiert; mach dir also keine Gedanken darüber, ein echter Stürmer sein zu müssen.' So kam es dazu. Ich wurde 20 Minuten vor Schluss eingewechselt, wir brauchten ein Tor, und ich erzielte gleich zwei. Der Rest ist Geschichte."
Was als Notlösung begann, entwickelte sich zunehmend zur Normalität. "Ich glaube, ich bringe die Voraussetzungen für einen guten Stürmer mit", sagt er. "Ich bin zwar nicht der Schnellste, der Verteidiger mit Tempo hinter der Abwehrkette gefährden könnte, aber ich bin clever genug, um zu wissen, wo ich im Strafraum stehen muss. Es geht darum, die kleinen Signale zu deuten – ich erkenne sie schnell und reagiere entsprechend."
Diese Qualität hob Merino auch in der Nationalmannschaft auf ein neues Niveau. Neun seiner zwölf Länderspieltore erzielte er in den letzten eineinhalb Jahren. Schon bei der EM 2024 schockte er Deutschland mit seinem späten Kopfballtor in der 119. Minute. Bei der laufenden Weltmeisterschaft 2026 treibt er diese Effizienz nun auf die Spitze – und das, obwohl ihm nach einem Ermüdungsbruch im Fuß Anfang des Jahres schon das WM-Aus prognostiziert wurde. Er kämpfte sich zurück, sammelte in der verbliebenen Rückrunde aber nur noch magere 28 Minuten Spielzeit. Nicht unbedingt ein Bewerbungsschreiben für eine WM-Nominierung.
Spaniens Coach Luis de la Fuente hielt dennoch an ihm fest, und Merino dankte es ihm mit zwei historischen Momenten in der K.o.-Phase. Im Achtelfinale gegen Portugal gelang ihm kurz nach seiner Einwechslung das Siegtor in der 91. Minute. Im Viertelfinale gegen Belgien war er erneut als Joker in der 88. Minute zur Stelle.
Genau diese Kaltschnäuzigkeit in den letzten Minuten kann am Sonntag im Finale der spanische Schlüssel sein. Den Argentiniern, die eigentlich selbst für ihre gnadenlos effektive Schlussoffensive gefürchtet werden, droht ein später Genickbruch durch Spaniens personifiziertem Gegenmittel Mikel Merino. Der "Late-Game-Disruptor" könnte den argentinischen Spieß umdrehen.
Er benötigt keine Anlaufzeit und keine Ballkontakte zur Eingewöhnung. Er kommt, sieht und trifft. Wenn das Finale in die absolute Schlussphase geht und die Kräfte schwinden, wird Argentinien sich nicht nur vor Spaniens Ballstafetten fürchten müssen – sondern vor allem vor dem Mann, der im Schatten lauert, um zuzuschlagen, wenn es am meisten weh tut.
📸 PAUL ELLIS - AFP or licensors







































