Miasanrot
·6 April 2026
Friedhof-Stimmung und Torhymnen-Trauma! Madrid aus der Perspektive eines Bayern-Fans

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·6 April 2026

Wenn der FC Bayern bei Real Madrid antritt, dann ist die Atmosphäre eine Besondere. Unser Autor Martin berichtet von seinen Auswärtsreisen in die spanische Hauptstadt.
Die Paseo de la Castellana ist eine der wichtigsten Straßen Madrids. Sechsspurig schlängelt sie sich durch die spanische Hauptstadt. Einst führte hier ein Flußbett entlang, dessen Gewässer zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem Kanal verschwand.
Beginnend am Plaza de Colón führt sie vom Zentrum vorbei an den Nuevos Ministerios. Schon von dort sind die charakteristischen schiefen Türme der „Puerta de Europa“ zu sehen.
Doch weit bevor man bei den Bürotürmen am Plaza de Castilla, dem traditionellen Treffpunkt der Fans des FC Bayern, ankommt, gibt eine zuerst unscheinbare Häuserecke entlang dieser Straße ein ganz anderes Monstrum frei. So auch für mich, den Autor dieser Zeilen, als ich am 22. Mai 2010 zum ersten mal nach Madrid flog.
Es war nicht irgendein Spiel, sondern das Finale der Champions League. Majestätisch erhoben sich damals die wuchtigen Treppentürme des Estadio Santiago Bernabéu über die schmalen Seitenstraßen. Dazu das Final-Branding der UEFA in einem rötlich-braunen Design mit gelbem Schriftzug.
Ich habe viele Stadien in Europa mit dem FC Bayern gesehen, das alte Bernabéu in seiner damaligen Form gehört vom Erscheinungsbild in Kombination mit dieser Lage mitten in der Stadt zu den absoluten Highlights. Aus jeder Pore dieses gigantischen Bauwerks mit seinen markanten Betonstufen roch man förmlich die Fußballgeschichte, die hier geschrieben wurde – auch von den Bayern.
An diesem sommerlich warmen Abend gingen wir als Verlierer vom Platz. Ich denke, jeder Fan, der an diesem Abend dabei war, erinnert sich heute noch genau an die Tonlage des italenischen Stadionsprechers, der den Namen von Diego Alberto Milito bei beiden Toren jeweils gefühlt ein Dutzend mal in den spanischen Nachthimmel brüllte.
Und ja, genau in dieser Form mit seinem zweiten Vornamen Alberto. Ich kenne wohl von keinem anderen Fußballer den zweiten Vornamen besser als von Diego Alberto Milito. Knapp zwei Jahre später stand der nächste Madrid-Trip auf dem Plan. Diesmal Rückspiel des Halbfinals, nachdem wir eine Woche zuvor in München 2:1 gewannen.
Trotzdem erinnere ich mich, dass niemand so recht an den Finaleinzug glaubte. Auch beim Club Nr. 12, bei dem ich mich damals engagierte, gab es keinerlei Planungen über das Halbfinale hinaus. Wir flogen nach Madrid mit wenigen Erwartungen und lagen nach noch weniger Minuten als Erwartungen bereits mit 0:2 hinten.
Doch ausgerechnet an diesem Abend, als alles vorbei schien, als alle am Boden lagen – ausgerechnet 2012 mit dem Finale zu Hause gelang uns ein Triumph in Madrid. Zwar nicht nach 90 Minuten, nach denen wir auf dem Papier für die Statistik mit 2:1 verloren. Aber wir kamen ins Elfmeterschießen, Neuer hielt gegen damals zwei der besten Fußballer der Welt und Sergio Ramos schoß gefühlt den ersten Fußball in der Geschichte der Raumfahrt auf den Mond.
Für diejenigen, die persönlich noch bei keinem europäischen Auswärtsspiel dabei waren, ist es wichtig zu wissen, dass es in den meisten Fällen für alle Gästefans noch eine Blocksperre gibt. Gerade in Italien oder Spanien darf man aus „Sicherheitsgründen“ erst das Stadion verlassen, wenn auch der allerletzte Heimfan das Stadiongelände verlassen hat.
Das dauert oft gerne 45 bis 60 Minuten und bietet genug Zeit, das Spiel zu verdauen. Auf die eine oder die andere Weise. Weil Bastian Schweinsteiger den entscheidenen Elfmeter versenkte, schwebten wir kurz vor Mitternacht die Treppen des Bernabéu hinab. An dieses Gefühl an diesem späten Mittwochabend, als Sieger aus dem Bernabéu auf die leeren Madrider Straßen zu treten, die immer noch warme spanische Frühlingsluft einzuatmen, werde ich mich immer erinnern. Stunden voller Glückseligkeit, die uns danach so nicht mehr in Madrid vergönnt waren.
Denn mein erstes Mal war bis heute zugleich das letzte Mal. 2014 verloren wir mit 0:1 bei Real, ehe wir 2016 zweimal bei Atlético antraten und ebenfalls jeweils mit 0:1 verloren. Spätestens 2017 fühlte es sich langsam wie ein Fluch an. Ein paar diskussionswürdige Schiedsrichterentscheidungen und ein herausragender Cristiano Ronaldo sorgten dafür, dass sich die Tormusik und der spanische Stadionsprecher langsam tief im Kopf verwurzelten.
Gleich vier mal mussten wir sie an diesem Abend ertragen. In den 159 Stadien, die ich bisher mit dem FC Bayern in Europa gesehen habe, wird meiner Erinnerung nach nirgendwo die Torhymne so sehr am maximalen Anschlag der Lautsprecherkapazität gespielt wie in Madrid. Madrid, Madrid, Madrid, Hala Madrid – nicht nur während der Blocksperre, auch nachts verfolgt einen noch diese Melodie.
„Goool de Real Madrid, gol de Cristiano RONALDO“. Auch die genaue Tonlage des Stadionsprechers könnte ich exakt wiedergeben. Die Unterstützung des Madrider Publikums für ihre Mannschaft während des Spiels ist mit überschaubar noch positiv formuliert, aber die Eskalation bei wichtigen Toren ist dann doch beeindruckend.
Egal ob man die Nacht im AirBNB, im Hotel oder in der Wartehalle am Flughafen verbringt, der Sound des Stadions hallt noch lange im Kopf nach. Sicher auch deswegen, weil wir als Bayernfans nicht gewohnt sind, die Erinnerung an eine solche Serie von Negativerfahrungen an einen einzigen Ort zu knüpfen. Das wurde auch ein Jahr später beim 2:2 nicht besser, als Sven Ulreich ein folgenschwerer Lapsus unterlief.
Madrid, Madrid, Madrid, Hala Madrid – und wieder fühlt sich die Melodie wie ein tiefer Stich ins Bayernherz an. Gol de Kariiiim BENZEMA. Zwar diesmal nicht Ronaldo, aber trotzdem wird dir das schon tief sitzende Messer im Herz nochmal um 180 Grad gedreht. So fühlt es sich jedenfalls im Stadion an. Der Gästeblock, der sich weit oben unter dem Dach befindet, nach einer Anzahl an Treppenstufen, die man kaum mehr zu zählen vermag.
Aber sobald man durch den Eingang des Blocks ins Rund schaut, schluckt man durchaus. Brutal steil geht es die Tribünen herab Richtung Tor, für Leute mit Höhenangst eher kein guter Ort. Die Magie, die das Stadion vor dem Umbau aussen ausstrahlte, hatte es auch innen. Die kleine, ins Dach integrierte Anzeigetafel, der Blick über das Dach hinaus auf die Hochhäuser von Madrid, der Blick in den meist warmen Abendhimmel – viele Aspekte, die mittlerweile leider verschwunden sind.
Mit dem Umbau verschwand die alte Stadionfassade samt der ikonischen Treppentürme hinter einer trostlosen Edelstahlkonstruktion und wenn man nicht wüsste, dass da gleich das Bernabéu hinter der Häuserecke erscheint, könnte man es auch für ein Einkaufscenter oder ein Bürogebäude halten. Das schließbare Dach, das 2024 beim Halbfinalrückspiel auch wirklich geschlossen war, sorgt mehr für das aus Gelsenkirchen bekannte Turnhallenflair als für das Gefühl eines echten Europapokalabends.
Und statt der früher angenehm dezenten Anzeigetafel sticht einem jetzt die neue grelle 360 Grad Leinwand entgegen, die gerade bei weißen Flächen schon fast unangenehm hell und penetrant ins Auge sticht. Daran passte sich 2024 auch die Stadionatmosphäre an. Der künstlich angelegte Heimblock hinter dem Tor erinnert an RaBa Leipzig oder die TSG Hoffenheim.
Man mag meinen, ein Heimspiel im Halbfinale der Champions League ist das größtmögliche Heimspiel für einen Verein, das es geben kann. Vor allem war es 2024 auch wieder das entscheidende Rückspiel. Doch solange die eigene Mannschaft kein Spektakel bietet, ist das Santiago Bernabéu selbst im Halbfinale der Champions League ein absoluter Friedhof.
Laut wirds bei der Hymne vor dem Spiel – auch und vor allem dank der Lautsprecheranlage. Und laut wirds bei den Toren. Und kaum geht nach dem Spiel die vom Band gespielte Musik aus, gehen die Spanier auch brav nach Hause. Ob sie gerade ins Champions-League-Finale einzogen sind, würde man sie gerne fragen.
Denn anzumerken ist es der allgemeinen Atmosphäre eher nicht. Doch ein Aspekt hat sich auch mit dem Umbau nicht verändert. Schon wieder klingt es penetrant im Ohr: Madrid, Madrid, Madrid, Hala Madrid. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht mehr wie der Stadionsprecher danach den Namen JOSELU genau gefeiert hat. Aber die Melodie verließ mich nicht mehr. Nicht während der Blocksperre, nicht auf den leeren Straßen, nicht dann nach Mitternacht im AirBnB in der Madrider Innenstadt.
2024 war schon nochmal ein richtiger Schlag in die Magengrube, gerade weil seit der letzten Teilnahme an einem Champions-League-Finale schon elf Jahre zurück lagen. Ja, mancher wird hier 2020 anführen, aber 2020 hat für die meisten Fans, die den Verein regelmäßig im Stadion sehen, kaum bis keine emotionale Bedeutung.
Endlich waren wir mal wieder so nah dran und dann dieses bittere Ende. Ich schlief kaum, bis um 5 Uhr der Wecker für die Abfahrt zum Rückflug klingelte. Ich sah die völlig niedergeschlagenen Gesichter am Flughafen Barajas in Madrid genauso wie dann auf Mallorca beim Warten auf den Anschlussflug. Aber dann ging der Blick wieder nach vorne und einem langfährigen Freund, der vollkommen am Ende war, sagte ich folgendes: Die Sehnsucht nach dem Champions-League-Titel ist deswegen so groß, weil er so schwer zu gewinnen ist.
Jede Niederlage, jeder Schlag in die Magengrube, jeder Stich ins Herz wird es in dem Moment wert sein, in dem wir wieder das Bernabéu als Sieger verlassen. An diesem Tag werden sich all die Rückschläge in unbändigen Jubel verwandeln.
Ich habe eine gute Freundin, die sich 2024 geschworen hat, nie wieder nach Madrid zu fahren. Ich habe aber zahlreiche Freunde, die sagen: Auch wenn wir nur noch selten Auswärts fahren, in Madrid sind wir auf jeden Fall wieder dabei, solange bis wir dort gewinnen.
Nun geht es also wieder für 4.000 Bayernfans nach Madrid. 4.000 Bayernfans, die heiß drauf sind und vom Support auf den Rängen wieder das Stadion dominieren werden. Und 4.000 Bayernfans, die ganz genau wissen: Dieses Jahr sind sie fällig, das verspreche ich euch.
Und dann sollen diesmal die Spanier nach dem Rückspiel in ihrem Münchner Hotel wach liegen und nur eins im Ohr haben: Jabadabadoooooooo – Toooooor für den FC Bayern München.
Langsung


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