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·18 Mei 2026
Julian Nagelsmanns Torwart-Poker: Oliver Kahn legt die Wunde offen

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·18 Mei 2026

Oliver Kahn nennt einen späten Torwartwechsel vor der WM abenteuerlich. Baumann wurde mehrfach als Nummer eins benannt, nun droht ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Es gibt diese Momente, in denen ein älterer Kollege sagt, was eigentlich offensichtlich ist – und trotzdem trifft es den Bundestrainer mitten ins Konzept. Oliver Kahn hat im Sport1-Doppelpass am Sonntag die Sache ausgesprochen, um die sich Julian Nagelsmann seit Tagen herumdruckst: dass ein kurzfristiger Torwartwechsel kurz vor der WM in den USA, Mexiko und Kanada „abenteuerlich" wäre. Kahn hätte das Thema, wie er sagte, „viel, viel früher" abgeräumt. Recht hat er.
Die Vorgeschichte ist bekannt. Nach der Verletzung von Marc-André ter Stegen hat Nagelsmann immer wieder betont, dass Oliver Baumann die Nummer eins sei. Das war keine beiläufige Bemerkung, das war eine Festlegung, mehrfach wiederholt, im vollen Bewusstsein der Wirkung nach innen. Wer eine solche Hierarchie öffentlich zementiert, der kann sie nicht ein paar Wochen vor dem Turnier wieder einreißen, ohne dass etwas zurückbleibt.
Genau hier setzt Kahns Kritik an, und sie ist klüger formuliert, als es auf den ersten Blick wirkt. Der Vizeweltmeister von 2002 stellt nicht die sportliche Frage, ob Manuel Neuer der bessere Torwart wäre. Er stellt die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Trainers gegenüber seiner Mannschaft. Die Spieler, so Kahn, könnten sich fragen: „Wie glaubwürdig, wie verlässlich, sind denn jetzt Aussagen, wenn sie hier in Zukunft kommen." Das ist die eigentliche Wunde, die ein solcher Schritt aufreißen würde, und sie heilt nicht, indem man im Achtelfinale ein Tor zu null spielt.
Laut Sky ist die Rückkehr des 40-jährigen Neuer bereits beschlossen. Nagelsmann ließ die Frage am Samstagabend im ZDF-Sportstudio unbeantwortet, was in solchen Konstellationen selten ein Dementi ist. Wer den Vorgang nüchtern liest, sieht zwei parallele Erzählungen: hier die öffentliche Linie mit Baumann als Stammkraft, dort der offenbar längst gefasste Plan, den nach der Heim-EM 2024 zurückgetretenen Neuer doch noch einmal mitzunehmen. Beides zusammen ergibt keinen Plan, sondern ein Kommunikationsproblem.
Dazu kommt das, was am Samstag in der Bundesliga passiert ist. Beim Sieg gegen den 1. FC Köln wurde Neuer in der zweiten Halbzeit mit Wadenproblemen ausgewechselt. In der abgelaufenen Saison fiel er bereits dreimal mit einem Muskelfaserriss in der Wade aus. Das ist keine Marginalie, sondern die Statistik eines Torwarts, der mit 40 Jahren in genau jener Muskulatur fragil ist, die ein Keeper am dringendsten braucht. Wer auf eine solche Personalie ein WM-Turnier baut, baut auf Sand.
Kahn hat das in einen Satz gefasst, der bleibt, weil er die Tragik der Konstruktion offenlegt. „Wenn Julian Nagelsmann geplant hat, ihn mitzunehmen und jetzt kann er nicht, weil er verletzt ist, was erzählst du jetzt dem Oliver Baumann? Den machst du jetzt stark für die WM, dass der mit Selbstvertrauen im deutschen Tor steht. Ja, viel Spaß und guten Flug." Das ist nicht nur Spott. Das ist eine präzise Beschreibung der Sackgasse, in der der Bundestrainer steckt.
Nagelsmann muss diese Frage jetzt klären, und zwar so, dass die Mannschaft danach noch glauben kann, was er sagt. Welche Lösung er auch wählt – die teurere Variante hat er bereits gewählt, indem er sie offenließ. Man darf gespannt sein, wie er das in den kommenden Wochen wieder einfängt. Bisher deutet wenig darauf hin, dass es ihm gelingt.







































