Miasanrot
·19 Maret 2026
Mythos Leistungsprinzip: Warum Trainer nicht die besten Spieler nominieren

In partnership with
Yahoo sportsMiasanrot
·19 Maret 2026

Missachtet Julian Nagelsmann bei seinen Nominierungen für die Nationalmannschaft und Plänen für die Weltmeisterschaft das Leistungsprinzip?
Kaum nominiert ein Trainer einen Kader, kommt zuverlässig ein Vorwurf: Das Leistungsprinzip werde missachtet. Der Begriff klingt objektiv und intuitiv sinnvoll. Dabei ist er im Fußball meist ein unscharfes Schlagwort und greift ohnehin zu kurz.
Julian Nagelsmann hat den Kader für die beiden Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana nominiert. Vorher hatte er bereits in einem Interview mit dem Kicker einige Pläne zur Weltmeisterschaft erläutert. Nagelsmann stellte insbesondere Leon Goretzka eine wichtige Rolle in Aussicht, obwohl dieser in der Mittelfeldhierarchie des FC Bayern derzeit klar hinter Aleksandar Pavlović und Joshua Kimmich steht. Keinen Platz im Mittelfeld des Bundestrainer hat Angelos Stiller vom VfB Stuttgart.
In der Offensive hält Nagelsmann unter anderem an Leroy Sané fest, obwohl dieser keine überzeugende Saison spielt. Deniz Undav, der mit 21 Toren und 12 Assists erfolgreichste deutsche Scorer der laufenden Saison, kehrt zurück ins Team, Bayern-Talent Lennart Karl debütiert. Im Gegensatz dazu wurden Maximilian Beier und Kölns Shooting-Star und Lebensversicherung Saïd El Mala nicht nominiert.
Im Tor setzt der Bundestrainer auf das Trio aus Oliver Baumann, Alexander Nübel und Jonas Urbig. Der zuletzt regelmäßig nominierte Finn Dahmen bleibt damit ebenso zu Hause wie der talentierte Noah Atubolu.
Missachtet Julian Nagelsmann damit das Leistungsprinzip?
Miasanrot erklärt, warum das Leistungsprinzip im Fußball zum Unwort verkommen ist. Und warum Julian Nagelsmann gut daran tut, das ohnehin nicht objektiv existierende Leistungsprinzip nicht zu wichtig zu nehmen.
Das Problem beginnt schon bei der grundlegenden Frage: Wie messen wir Leistung im Fußball überhaupt?
Manuel Neuer hat sich aus der Nationalmannschaft und Weltklasse verabschiedet. Für Marc-André ter Stegen scheint der Zug in die USA verletzungsbedingt ebenfalls abgefahren zu sein.
Das macht Oliver Baumann zur klaren Wahl, auf die sich die 83 Millionen Bundestrainerinnen in Deutschland einigen können. Oder?
Wer ein konsequent angewandtes Leistungsprinzip fordert, der könnte zu einem ganz anderen Ergebnis kommen. Ein Blick auf Leistungen der aktuellen Bundesligasaison zeigt: Beim Kicker hat Baumann den fünftbesten Notenschnitt unter den Torhütern, bei Whoscored den siebtbesten, und bei Sofascore steht er nur auf Rang 15. Im Schnitt über diese drei Portale liegt er auf Platz neun.
Vier deutsche Torhüter schneiden besser ab als Baumann: Martin Schwäbe liegt im Schnitt über die drei Portale auf Rang sechs, Moritz Nicolas auf Rang fünf, Alexander Nübel auf Rang vier. Bei allen drei Portalen auf Rang eins und damit auch im Durchschnitt klar auf Platz eins: Daniel Batz.
Daniel wer? Der 35-jährige Batz aus der Nürnberger Jugend sammelte seine meisten Profi-Einsätze in der Regionalliga und 3. Liga für Elversberg und Saarbrücken, bevor er als nomineller Ersatzkeeper nach Mainz wechselte. In der laufenden Saison vertritt er dort Robin Zentner.
Rein nach Bundesligaleistungen der laufenden Saison, gemessen von Kicker, Whosored und Sofascore, wären die drei WM-Torhüter also Batz, Nübel und Nicolas. Eine Zusammenstellung, die wohl kaum ein Trainer, TV- oder Sofa-Experte so wählen würde. Das einfache Beispiel zeigt bereits, wie schwierig und kontrovers Leistungsmessung im Fußball ist.
Der Kicker vergibt seine Noten anders als die rein datenbasierten Portale Whoscored oder SofaScore. Aber selbst zwischen den datenbasierten Modellen gibt es große Unterschiede.
Viele Bewertungen konzentrieren sich auf Aktionen mit Ball. Eintracht-Trainer Albert Riera erinnerte zuletzt daran, dass für Spieler etwa 95% des Spiels ohne Ball stattfinden. Aber auch die Aktionen mit Ball werden unterschiedlich bewertet. Dem einen Algorithmus oder menschlichen Notengeber ist die Passquote wichtiger, dem anderen die Anzahl an progressiven Pässen oder Ballgewinnen. Eine objektive „Wahrheit“ gibt es dabei nicht.
Offensivspieler vom FC Bayern (93 Tore in der Bundesligasaison) haben es deutlich leichter, Offensivaktionen und Scorerpunkte zu sammeln als Offensivspieler des FC St. Pauli (23 Ligatore).
Manche Teams pressen aggressiv, andere verteidigen abwartend. Manche überbrücken das Mittelfeld schnell, andere setzen auf Ballzirkulationen. Die Spielweise hat erheblichen Einfluss auf die Aktionen und sichtbaren Leistungen der Spieler. Wie kalibriert man das in der Bewertung?
Und wie bewerten wir Joshua Kimmichs Eignung als Rechtsverteidiger in der Nationalelf, wenn er die Position im Verein kaum spielt?
Ein oft übersehener Punkt in der Diskussion über das Leistungsprinzip ist die Frage der Stichprobe. Was wissenschaftlich klingt, bedeutet ganz konkret: Welche Leistungen werden bewertet? Die Antwort darauf ist alles andere als trivial und öffnet automatisch das Tor für Diskussionen.
Im eingangs durchgeführten Vergleich der Bundesligatorhüter wurden drei Bewertungsquellen herangezogen und praktischerweise Bundesliganoten aus der laufenden Saison. Das wirkte intuitiv plausibel, objektiv und fair, war aber de facto bereits eine sehr spezifische Auswahl in mehrfacher Hinsicht.
Erstens die die Wahl der Quellen für die Spielerbewertung, hier: Kicker, Whoscored und Sofascore. Zweitens die Wahl der Gesamtnoten dieser Portale statt anderer statistischer Analysen und Kennzahlen wie verhinderte Torchancen, Passquoten, aktives Mitspielen. Drittens wurden nur Bundesligaspiele berücksichtigt. Länderspiele und Pokalwettbewerben fielen ebenso aus der Wertung wie Trainingsleistungen.
Und viertens fielen Leistungen aus der Vorsaison unter den Tisch. Der betrachtete Zeitraum hat einen erheblichen Einfluss auf die Leistungsbewertung. Welche Leistungen sollen in die Bewertung einfließen? Die der letzten drei Wochen? Drei Monate? Drei Jahre? Hierfür gibt es keine objektiv richtige Antwort. Jede Wahl der Stichprobe ist zwangsläufig eine Abwägung mit erheblichem Spielraum.
Selbst wenn man sich also auf eine objektive Bewertung einzelner Spieler einigen könnte, wäre das Problem der Leistungsmessung damit noch längst nicht gelöst.
Das Leistungsprinzip scheitert also bereits an einer objektiven Leistungsmessung. Aber auch losgelöst von diesem Dilemma wäre die bisherige Leistung alleine nicht der richtige Maßstab für Trainerentscheidungen.
Ein Trainer ist keine Jury, die rückblickend Preise vergibt. Aufstellungen oder Kader-Nominierungen sind per se keine Belohnung für vergangene Leistungen. Dafür gibt es All-Star-Teams, Elf-des-Jahres-Auswahlen oder ähnliche Ehrungen.
Der Job von Trainern ist es, die kommenden Spiele zu gewinnen.Trainer suchen also nicht die besten Leistungen der letzten Wochen oder Monate, sondern stellen ihre Mannschaft so zusammen, dass sie in den kommenden Wochen und Monaten die bestmöglichen Ergebnisse erzielt. Ein signifikanter Unterschied.
Vergangene Leistungen sind dabei ein wichtiges Indiz – wer drei Jahre Weltklasse gespielt hat, der zeigt das wahrscheinlich auch in den nächsten Spielen –, aber nur ein Indiz. Und keinesfalls das einzige Kriterium.
Was nach Kalenderspruch klingt, ist in der Praxis dennoch relevant: Trainer suchen nicht die elf besten Spieler, sondern die beste Elf. Bei einem Turnierkader entsprechend nicht die 23 besten Spieler, sondern die beste 23.
Um das zu erreichen, müssen sie viele Faktoren berücksichtigen.
Taktische Ausrichtung: Welche Art Fußball lässt der Trainer spielen? Hohes Pressing oder abwartendes Verteidigen. Lange Bälle und viele Flanken oder spielerische Lösungen? Tiefenläufe und das Spiel auseinanderziehen oder das Spielfeld eng machen?All diese Ideen beeinflussen die Auswahl der Spieler.
Balance einzelner Stärken und Schwächen: Standards sind ein viel diskutiertes Thema in der aktuellen Saison. Trainer brauchen ausreichend viele Spieler im Team, die offensive und defensive Standardstärke mitbringen. Wie viele hyperaktive Spieler wie Joshua Kimmich oder Luis Díaz verträgt ein Team? Trainer brauchen eine Mischung aus Geschwindigkeit und Ruhe, aus Physis und Spielstärke, aus Dribbelaffinität und zurückhaltendem Spiel und so weiter.
Eingespieltheit: Während Offensivspieler viele Freiheiten genießen, um ihre Kreativität zu entfalten, sind in der Defensive taktische Vorgaben oft enger. Funktionierende Abstimmungen in der Viererkette mit Übergaben und Abseitsstellungen sind teils wichtiger als die individuellen Fähigkeiten.
Menschliche Faktoren: Jeder Kader hat eine Hierarchie. Es braucht einen passenden Mix an Führungsspieler, Integrationsfiguren, jungen Perspektivspielern und erfahrenen Veteranen. Unterschiedliche Persönlichkeiten prägen eine Mannschaft: extrovertierte Antreiber, ruhige Mitläufer, emotionale Leader.
Rollen im Kader: Nagelsmann betonte bereits bei der Zusammenstellung des Kaders für die Europameisterschaft 2024, dass er sich von der Basketballnationalmannschaft inspirieren ließ. Die setzte auf klar definierte Rollen und unterschied zwischen Stars, Rollenspielern und Ersatzspielern. Nicht zu jedem Persönlichkeits- und Spielertyp passt jede Rolle.
Außersportliches Zusammenspiel: So wie bei einem Fußballspiel 87 Minuten ohne Ball stattfinden, spielt sich ein Großteil einer Saison oder eines Nationalelf-Turniers ohne Fußball ab. Ein funktionierendes Team braucht die richtige Mischung aus unterschiedlichen Charakteren, aus Fortnite- und Schafkopfspielern, aus DJs und Tänzern, aus Rap und Helene Fischer.
Natürlich. Fans dürfen schimpfen, Experten dürfen analysieren (oder umgekehrt) und Entscheidungen hinterfragen. Urbig oder Atubolu mitnehmen? Sané zu Hause lassen oder Kimmich im Mittelfeld aufstellen? Legitime Diskussionspunkte gibt es immer.
Aber wenn Kritik nur mit dem Verweis auf das angebliche fehlende Leistungsprinzip geäußert wird, ersetzt ein Schlagwort die eigentliche Analyse. Und genau deshalb ist das Argument Leistungsprinzip im Fußball oft kein Argument, sondern eine Abkürzung für fehlende substanziierte Argumente.
Langsung









































