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·11 Juni 2026

Ordnung vor Chaos

Gambar artikel:Ordnung vor Chaos

Für welche Art von Fußball steht Marcel Rapp, der neue Trainer des FC St. Pauli? Das haben wir uns zusammen mit dem Global Soccer Network angeschaut.(Titelfoto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images/via One Football)

„Die Kollegen haben es gut gemeint“, schrieb mir Dustin Böttger vergangenen Sonntag in einer Mail mit besonderem Anhang. Wenige Tage zuvor hatte ich beim CEO des Global Soccer Network angefragt, ob ich ein wenig über Marcel Rapp, den neuen Trainer des FC St. Pauli, erfahren könnte. Die Idee des Artikels: Ein kurzes GSN-Profil, garniert mit persönlichen Eindrücken und Einschätzungen, dazu vielleicht noch die Eindrücke von der Antritts-Pressekonferenz mit Rapp verarbeiten – fertig ist ein runder Artikel. Doch was Böttgers Kollegen „gut gemeint“ hatten, entpuppte sich beim Öffnen des Mail-Anhangs als abendfüllendes Programm, um überhaupt erst einmal einen Überblick zu bekommen: Ein 87(!) Seiten langes Profil von Marcel Rapp. Taktische Grundstruktur, Spielweise, wahrscheinliches Mannschaftsbild, Positionsprofile, Stärken, Entwicklungsfelder & Risiken, Passung Rapp X FC St. Pauli – alles drin.


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Gewisse Ähnlichkeiten, aber auch radikal anders

Der bisherige Plan wurde also über Bord geworfen. Der Artikel von der Antritts-Pressekonferenz wurde bereits am Montag veröffentlicht. Ein ausführliches Trainerprofil (wichtigster Satz darin: „Menschlich ist er ganz weit vorne.“) haben wir auch bereits veröffentlicht. Nun folgen die persönlichen Eindrücke, nicht selten basierend auf den Spielen des FC St. Pauli gegen Kiel unter Trainer Rapp, immer wieder garniert und abgeglichen mit der Einschätzung des Global Soccer Network. Und wer vielleicht gerade denkt „Boah, ich habe doch gar keine Zeit, um das jetzt alles zu lesen!“, der/dem sei gesagt: Der FC St. Pauli dürfte sich unter der Leitung von Marcel Rapp in gewissen Dingen treu bleiben, was gut ist. In anderen aber wird es zu recht radikalen Veränderungen kommen, was ich persönlich noch etwas besser finde.

Ein offensiv denkender Trainer

Sportjournalist*innen bringen Trainer*innen gerne mit Formationen und taktischen Mustern in Verbindung. Klopp und sein „Heavy Metal“-Fußball, das „Tiki Taka“ unter Guardiola, der „parkende Bus“ von Mourinho, die krasse Mannorientierung von Kompany. Aber so einfach ist es nicht. Vor allem möchten sich Trainer*innen oft völlig zu Recht nicht in Kategorien stecken lassen. Als ich Fabian Hürzeler mal als „defensiv denkenden Trainer“ bezeichnet habe, fand der das alles andere als witzig oder passend. Wäre ja auch schön blöd, wenn sich Trainer*innen in Kategorien einordnen ließen, die vielleicht nur für eine bestimmte Zeit angesagt sind, sodass sie danach eben nicht mehr gefragt sind, wenn diese Zeit um ist. So gesehen setze ich mich nun wieder in die Nesseln, aber ich schreibe es erstmal einfach aus und erkläre in den folgenden Absätzen, wie ich zu dieser Aussage komme: Marcel Rapp ist ein konsequent offensiv denkender Trainer. Das zwar erst, wenn die Situation es erlaubt, dann aber auch so richtig.

Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass sich diese offensive Denkweise nicht nur auf dem Spielfeld widerspiegelt, sondern sich durch seine gesamte Arbeits- und Herangehensweise zieht. Und obwohl das nach einem ziemlich radikalen Bruch zu dem klingt, was Alexander Blessin beim FC St. Pauli praktizierte, so möchte ich den Wechsel als durchaus passende Weiterentwicklung bezeichnen. Der Wechsel hin zu einem Trainer mit diesem Profil ist an den meisten Stellen ein kleiner, an anderen Stellen ein viel größerer Bruch. Aber es ist sehr logisch, diesen Bruch genau jetzt zu vollziehen.

Fokus auf Schienenspieler

Fangen wir erstmal mit den Gemeinsamkeiten an: Marcel Rapp hat in Kiel sehr oft mit einer Dreierkette spielen lassen. Laut GSN war das in mehr als 75 Prozent der Spiele der Fall. Diese Gemeinsamkeit klingt erstmal gar nicht soo wichtig. Aber wenn man einen Blick auf den Kader des FC St. Pauli wirft, dann wird deutlich, dass das schon eine ganz gute Idee sein könnte, wenn ein neuer Trainer ebenfalls mit einer Dreierkette spielen lässt. Aktuell befinden sich sechs Innenverteidiger im Kader, dazu gibt es mit Saliakas, Oppie und Pyrka drei laufstarke Schienenspieler, die ihre Stärken eher in der Offensive haben, also von einer Dreierkette eher profitieren. Schienenspieler waren unter der Leitung von Rapp nicht selten reine Offensivspieler, Fabian Reese oder Alexander Bernhardsson zum Beispiel, oder eher keine klassischen Außenverteidiger, wie Finn Porath oder Niklas Niehoff. Laut Global Soccer Network sind die Schienenspieler unter Rapp „absolute Schlüsselspieler“ und so dürfte in diesem Transfersommer ein starker Fokus auf genau diesen Positionen beim FCSP liegen.

Aber warum waren die Schienenspieler eigentlich so wichtig unter Marcel Rapp (und werden es vielleicht auch beim FC St. Pauli sein)? Die Antwort ist beim FCSP bereits bekannt beziehungsweise konnte so bereits in der Vorsaison erlebt werden: Weil sie nicht nur als Außenverteidiger, sondern auch als offensive Außen agieren sollen. Rapp ließ in Kiel nämlich, ähnlich wie Blessin beim FC St. Pauli, oft ohne nominelle offensive Außen spielen. Stattdessen nahmen die Schienenspieler diese Rolle ein. Und das ist dann auch ein kleiner, aber vermutlich wichtiger Unterschied zu Blessin: Spieler wie Reese oder Bernhardsson hätten sich letzte Saison eher nicht beim FCSP auf so einer Position wiedergefunden. In Kiel hingegen waren sie genau richtig, passten genau zu dem Profil, das Rapp bei Schienenspielern gerne zu haben scheint: Taktisch klug, um defensive Aufgaben zuverlässig zu erfüllen, extrem laufstark, sowohl was Ausdauer aber auch Tempo angeht, und mit starkem Offensivdrang. Dahingehend dürfte sehr spannend sein, wie zum Beispiel Mathias Pereira Lage in ein von Rapp gecoachtes Team passt, der ja aber leider noch lange Zeit ausfallen wird.

Es passt – und Rapp wird hoch eingeschätzt

Zurück zur Dreierkette und der Wichtigkeit der Aussicht, dass diese unter Marcel Rapp vermutlich bestehen bleibt. Das Global Soccer Network erklärt, dass die Spielweise von Rapp eine „hohe Anschlussfähigkeit an die jüngere taktische Identität des FC St. Pauli“ habe. Dadurch müsse der Kader nicht komplett neu ausgerichtet werden, die Rollenverteilung bleibt auf dem Platz in einigen Bereichen ähnlich. Insgesamt liegt die Passung zwischen der präferierten Spielweise von Rapp und dem FC St. Pauli nach den Berechnungen des GSN bei 83,1 Prozent. Zum Vergleich: Als der FCSP im Sommer 2024 einen neuen Trainer suchte, gab es Trainer, die besser passten (unter anderem bekanntlich Alexander Blessin). Im gleichen Artikel sind auch die damaligen GSN-Indices für alle behandelten Trainer angegeben (Hürzeler: 67,3; Kwasniok: 64,2; Steffen: 64,2; Thioune: 63,5; Eichner: 58,4; Leitl: 60,5). Marcel Rapp reiht sich im Vergleich dazu mit einem aktuellen Index von 64,7 relativ weit oben ein, was durchschnittliches Bundesliga-Niveau bedeutet.

Es gibt also Ähnlichkeiten und Überschneidungen. Allerdings ist durch den Abstieg nun trotzdem eine Veränderung des Spielstils des FC St. Pauli zu erwarten und sicher auch notwendig, um erfolgreich zu sein. Laut GSN kann genau das nun unter Rapp geschehen, er könne die vorhandene Struktur nun mit seinen Ideen verfeinern: „Er kann stärker auf Ballbesitzstaffelungen, kontrollierte Progression, bessere Absicherung und klarere Spielphasensteuerung setzen. Dadurch wird der Übergang weniger hart. Die Mannschaft behält viele bekannte Positionsbeziehungen, bekommt aber eine andere Gewichtung im Aufbau, im mittleren Block und in der Restverteidigung.“

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Formation mit zwei Mittelstürmern favorisiert

Kommen wir also zu den Veränderungen unter Rapp. Eine dürfte die Halbverteidiger betreffen, also die beiden äußeren Innenverteidiger. Denn dadurch, dass die Schienenspieler womöglich noch konsequenter hochschieben, kommt den Halbverteidigern eine wichtigere Rolle im Aufbauspiel zu. Über sie fand bei Holstein Kiel oft die initiale Spieleröffnung statt, die auf Progression in den Halbräumen setzte oder aber auch gerne schnell in tiefen Pässen mündete. Entsprechend ist Ball- und Passsicherheit dieser Spieler gefordert, aber durch die oft hohe Positionierung der Schienenspieler eben auch ein gutes Stellungsspiel, um vor allem in Umschaltmomenten einen recht großen Raum zu überblicken und gegebenenfalls zu kontrollieren.

Eine weitere ganz zentrale Veränderung betrifft die Besetzung der Offensive. Denn Holstein Kiel spielte offensiv entweder mit einer 2-1- oder einer 1-2-Formation, also zwei Zehnern und einem Mittelstürmer oder einem klaren Zehner und zwei Mittelstürmern. Das gab es auch beim FC St. Pauli, mit dem allerdings recht deutlichen Unterschied, dass die Kieler Offensive, egal ob 2-1 oder 1-2, immer einen eindeutigen Fixpunkt in der Offensive hatte. Dieser hieß unter Rapp Benedikt Pichler, Kwasi Wriedt oder Phil Harres und zwar sind diese Spieler sicher nicht als die absoluten Torjäger auffällig geworden, nahmen im Spiel aber die wichtige Rolle der zentralen Offensivkraft ein, sie agierten also auch als Wandspieler. Um diesen Spielertypen herum befand sich in Kiel zumeist ein wesentlich agilerer Angreifer, jemand, der die Tiefe belaufen konnte. Das waren dann Spieler wie zum Beispiel Steven Skrzybski oder Shuto Machino. Wenn man diese Grundidee von zwei Angreifern und einer Zehn auf den Kader des FC St. Pauli überträgt, dann wird klar, dass da sicher personell noch etwas passieren wird im Sommer.

Ein ganz klein wenig was hat Marcel Rapp bereits selbst erzählt über den Fußball, den er mit dem FC St. Pauli spielen lassen möchte. Er betonte zum Beispiel, dass man in Zweikämpfen Bälle gewinnen, den Gegner also in direkte Duelle verwickeln möchte. Das soll zumeist dadurch gelingen, dass das gegnerische Spiel auf die Außenbahnen gelenkt wird, wo es dann von allen Seiten Zugriff gibt. Es wird also mit klassischen Pressingfallen gearbeitet, indem Gegnern ein Raum angeboten wird, der nach dem gegnerischen Pass in eben diesen Raum wieder verknappt wird. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil Holstein Kiel unter Rapp zwar einen sehr intensiven Fußball zu spielen pflegte, aber ganz sicher kein voll auf aggressives Pressing ausgerichtetes Team gewesen ist. Vielmehr wurde das Pressing dosiert eingesetzt, kontrollierter. Das erklärt auch das Global Soccer Network, die daher einen ziemlich guten Fit zwischen Rapp und dem FCSP sehen, der sich bereits vor Jahren eine laufstarke Identität verpasst hat und davon seitdem nicht abweicht: „Der Verein bringt Intensität und Laufbereitschaft mit; Rapp kann diese Energie stärker ordnen. Die beste Version wäre ein Team, das nicht weniger aggressiv wird, sondern intelligenter aggressiv.“

„Unglaubliche Wucht“

Wie diese „intelligente Aggressivität“ mit sehr offensiven Schienenspielern und einer Doppelspitze aussehen könnte, davon konnte sich der FC St. Pauli in den letzten Jahren aus nächster Nähe überzeugen. Sieben Mal spielte der FCSP gegen ein von Marcel Rapp trainiertes Holstein Kiel. Fast jedes dieser Spiele war schon aufgrund seiner Intensität denkwürdig. Angefangen mit einer der wohl schmerzhaftesten Niederlagen der Saison 21/22, als der FC St. Pauli im Dezember als Spitzenreiter in Kiel antrat – und bereits zur Halbzeit hochverdient mit 0:3 zurücklag.

Damals sah sich der FC St. Pauli nicht nur einer Formation gegenüber, mit der er nicht so richtig gut klarkam, sondern auch einer intensiven und vor allem mutigen Spielweise, die schlicht beeindruckend war. Kiel gelang es an diesem Abend im Dezember 2021, wie auch in vielen weiteren Spielen unter Rapp, eine Intensität auf den Rasen zu bringen, die Fabian Hürzeler zwei Jahre später als „unglaubliche Wucht“ bezeichnete. Dabei geht eigentlich die Kombination der Aussagen nicht so richtig auf: Eine nicht ganz so hohe Pressingintensität und eine unglaubliche Wucht scheinen sich auf den ersten Blick zu widersprechen. Doch die Wucht entwickelt sich erst, nachdem die Leinen losgelassen wurden. Laut GSN sind Ordnung und Chaos bei Rapp zwei direkt aufeinanderfolgende Eigenschaften: Gegen den Ball arbeitet das Team sehr kontrolliert (und in einer ähnlichen Formation wie unter Blessin), eben mit intelligenter Aggressivität. Nach Ballgewinnen bleibt diese Kontrolle erst einmal das oberste Prinzip. Kiel gelang es unter Rapp zwar oft, aus offenen Spielsituationen heraus erfolgreich zu sein, diese sind aber zumeist vorbereitet worden. Durch Verlagerungen, durch gute Auflösungen der Gegenpressing-Situationen nach Ballgewinnen, durch gewissenhafte Vorbereitung in Aufbausituationen. GSN: „Der zentrale Gedanke lautet: erst Stabilität und Orientierung herstellen, dann Tempo aufnehmen.“

Geduldiger Aufbau, mutiges Offensivspiel

Um zu sehen, was mit diesem „Tempo aufnehmen“ gemeint ist, bleiben wir im Dezember 2021, als der FCSP in Kiel 0:3 verlor. Zwei Szenen aus dieser Partie habe ich später für „Studio 1910 Live“ analysiert. Dort ist jeweils zu erkennen, wie Kiel die Mittelfeldraute des FCSP ziemlich gekonnt mit Verlagerungen seziert und aber auch extrem mutig mit sechs Spielern (von denen sich zeitweise fünf im gegnerischen Strafraum befinden) den Angriff durchspielt – und damit erfolgreich ist. Die Wucht und das Tempo sind in beiden Szenen erst dann entstanden, nachdem Kiel die Situation jeweils in Form einer Verlagerung vorbereitet hatte. Über das Offensivspiel des FCSP in der kommenden Saison sagte Rapp am Montag etwas ziemlich Interessantes: „Wir wollen so einfach wie möglich nach vorne kommen und es den Spielern so einfach wie möglich machen, Tore zu schießen.“ Was er als „einfach“ bezeichnet, dürfte in Wirklichkeit nicht einfach sein, aber es wirkt vermutlich dadurch einfach, dass die Spieler ein paar Grundprinzipien an die Hand bekommen, innerhalb derer sie sich frei bewegen können.

Zu einer ähnlichen Zusammenfassung kommt auch das Global Soccer Network bei der Erklärung der Spielweise von Holstein Kiel unter Rapp: „Der Gegner soll bewegt, gebunden und in bestimmte Zonen gelenkt werden. Erst wenn sich Räume öffnen, wird beschleunigt.“ Eines der Grundprinzipien dürfte sein, dass schnell die Tiefe gesucht wird, wenn der Gegner unsortiert ist, in Umschaltmomenten zum Beispiel. Das war nämlich eines der Merkmale der Kieler in der Saison 23/24, als sie zusammen mit dem FC St. Pauli aufgestiegen sind. Aber Umschaltmomente werden wohl in der kommenden Saison nicht die primäre Option für den FCSP sein, um zu Toren zu kommen. Andreas Bornemann erklärte, es sei damit zu rechnen, dass der FC St. Pauli in vielen Spielen kommende Saison als Favorit behandelt wird, der Gegner oft den Ball gar nicht haben möchte. Entsprechend muss der FCSP – und damit auch Rapp – Lösungen gegen tiefstehende Teams finden, also in Spielen und Spielsituationen, in denen es wenig oder gar keine Optionen für Tiefenläufe gibt.

Flexibilität wichtiger als Systemtreue

Wie genau die von Marcel Rapp trainierten Teams ihre Angriffe vorbereiten, da bin ich ehrlich gesagt noch nicht so richtig durchgestiegen. Vielleicht liegt es daran, dass Kiel unter Rapp taktisch sehr flexibel war. Zwar ließ er dort zu einem deutlich überwiegenden Teil mit einer Dreierkette spielen, aber die Umsetzung änderte sich oft, zum Beispiel in den Spielen gegen den FC St. Pauli. Im Dezember 2021 agierte Kiel in einem 3-5-2 gegen den FCSP, wich dabei von seiner angestammten Formation ab, um damit explizit das Spiel des FC St. Pauli zu stören (Nachsitzen!). Fast ein Jahr später war es das 3-4-2-1 der Kieler, das dem FC St. Pauli Probleme bereitete, weil es nicht gelang, die Halbräume zu schließen gegen die beiden breitziehenden Zehner (Das „M“ in FCSP steht für Mut). Im Hinspiel der Saison 23/24 war es primär das Umschaltspiel, mit dem Kiel offensiv Gefahr erzeugte. Aufgrund großer Probleme gegen das Verhalten des FCSP im zentralen Mittelfeld stellte Rapp die Formation während der Partie von einer Dreier- (3-1-4-2) auf eine Viererkette (4-2-3-1) um (Theater der Traumtore). Im Rückspiel hatte Kiel dazugelernt und agierte direkt mit einer Viererkette und einer Mittelfeldraute (und dort mit vielen Rotationen), was für viel Chaos und Umschaltgefahr sorgte und als Ergebnis eines der besten Fußballspiele der Zweitligasaison hatte (King Of The Chaos). In der Bundesliga setzte Kiel dann unter Rapp sehr konsequent auf eine Dreierkette und fokussierte sich primär auf Umschaltmomente, die wurden aber weiterhin mutig ausgespielt. Auch im Hinspiel gegen den FCSP gab es während der Partie eine recht deutliche taktische Anpassung, bei der Zielzone für eröffnende Pässe nämlich (Sechs Punkte aus der Ketchupflasche).

Allein diese Darstellung der Aufeinandertreffen von Marcel Rapp und dem FC St. Pauli zeigt eine enorme taktische Flexibilität der Kieler, stets gepaart mit einer klaren Identität, dem schnellen Tiefgang, wenn sich Räume bieten. Zudem zeigten diese Spiele, dass Rapp nicht davor zurückschreckt, während der Spiele größere taktische Veränderungen vorzunehmen und auch, dass dieses in-game Coaching aufgehen kann. Eine interessante Statistik dazu, die ebenfalls ein Indiz dafür sein könnte, dass taktische Anpassungen aufgegangen sind: In der Aufstiegssaison 23/24 erzielte Holstein Kiel die meisten Treffer aller Clubs in der ersten Viertelstunde nach Wiederanpfiff und fing sich im gleichen Zeitraum die wenigsten Gegentreffer. Kiel war also in einer Spielphase extrem erfolgreich, in der Teams oft mit taktischen Anpassungen unterwegs sind, kurz nach der Pause nämlich.Der von Marcel Rapp geforderte Fußball verlangt taktische Disziplin und einen guten Plan in der Arbeit gegen den Ball. Nach Ballgewinn sind Tempo, Mut und gute Abstimmung gefordert. Die Bereitschaft, die Vorgaben von Marcel Rapp umzusetzen, scheint in Kiel stets vorhanden gewesen zu sein. So zeigen es die Zahlen: In seiner ersten vollständigen Saison, 22/23, waren die Kieler hinter dem 1. FC Heidenheim das lauf- und sprintstärkste Team der 2. Liga. In der Aufstiegssaison war nur der KSC laufstärker, bei den intensiven Läufen und vor allem den Sprints lag Kiel mit großem Abstand vorne. In der Bundesligasaison lag Kiel bei den Sprints und intensiven Läufen jeweils auf Rang drei.

Knackpunkt Restverteidigung

Holstein Kiel hat also unter Marcel Rapp einen laufintensiven Fußball mit hoher Präsenz in der Offensive gespielt. Die Schienenspieler schieben zumeist hoch, die Mittelstürmer besetzen die letzte Linie, die Halbraumspieler agieren zwischen den Linien, die Halbverteidiger dribbeln an und schalten sich so auch in die Offensive ein. Das führt dazu, dass Rapp-Teams mit sehr vielen Spielern in der Offensive präsent sind – aber im Umkehrschluss geht damit eben auch eine gewisse Anfälligkeit in der Defensive einher. Das Global Soccer Network bezeichnet die Restverteidigung daher als „wichtigsten Risikobereich“ unter Marcel Rapp, und betont, wie wichtig es sei, dass diese gut abgestimmt ist und erklärt: „Die Qualität von Rapps St. Pauli wird stark davon abhängen, wie gut Angriff und Absicherung miteinander verbunden sind.“Ein weiterer Risikobereich sind die Schienenspieler. Die müssen zweifelsohne eine hohe Qualität besitzen. Zudem sollten sie im besten Fall auch noch etwas dribbelstärker sein, schließlich muss damit gerechnet werden, dass die Gegner kommende Saison oft tief stehen werden. Eine Lösung sind direkte Duelle auf den Außenbahnen, wozu es aber auch Spieler braucht, die genau das können. Sowieso ist im bisher von Rapp geprägten Fußball eine übermäßige Abhängigkeit von der Qualität der Schienenspieler vorhanden, das muss berücksichtigt werden und kann im schlechten Fall zum Problem werden.

Wie lässt sich der Fußball von Marcel Rapp also zusammenfassen? Als offensiv mutig, defensiv aber dadurch nicht immer ganz sattelfest vielleicht. Ich finde, dass das ganz gut passt, wenngleich er selbst sicher nachweisen möchte, dass Offensivgefahr und Defensivstabilität sich nicht gegenseitig ausschließen. In Kiel war es aber unter Rapp eben oft so, dass der Fokus klar auf eigene Torerfolge gelegt wurde, Gegentore wurden dabei mehr oder weniger in Kauf genommen. Das zeigt der Blick in die Zahlen: Kiel hat in seiner einzigen Bundesligasaison 49 eigene Treffer erzielt. Zum Vergleich: Der FC St. Pauli hat in zwei Jahren insgesamt nur acht Treffer mehr erzielt. Die Kieler Offensive war also nicht das Problem, das den Abstieg brachte, im Gegenteil. In den Spielen mit Kieler Beteiligung sind insgesamt 129 Tore gefallen, also fast 3,8 pro Partie (nur in Spielen mit Beteiligung des FC Bayern München fielen durchschnittlich mehr). Auch in der Saison 22/23 gab es durchschnittlich die meisten Treffer in Spielen mit Kieler Beteiligung (3,5), damals in der zweiten Liga. Bei Spielen des FC St. Pauli fielen sowohl 24/25 (2,0 pro Partie) als auch 25/26 (2,6) die wenigsten TrefferWenn ich den größten Unterschied zwischen Marcel Rapp und Alexander Blessin benennen müsste, dann würde ich, Stand Frühsommer 2026, einfach diese Zahlen nennen. Weil sie aufzeigen, wo der größte Unterschied in der Herangehensweise ist.

Es wird mehr passieren auf dem Rasen. Viel mehr.

Dem FC St. Pauli steht aufgrund des Trainerwechsels in der Saison 26/27 also ein relativ großer Umbruch bevor. Einzelne Dinge werden erhalten bleiben, wie zum Beispiel die Grundformation und dadurch auch die generelle Ausrichtung des Kaders, was definitiv ein Vorteil ist und daher sicher ein nicht unwichtiger Faktor bei der Trainersuche war. Andere Dinge werden sich hingegen ziemlich radikal ändern. Marcel Rapp hat mit Kiel oft gezeigt, dass er Lösungen in der Offensive findet und scheint bereit zu sein, diese auch so konsequent durchzuziehen, dass dabei nicht nur mehr eigene, sondern auch mehr gegnerische Treffer herausspringen könnten. Allein die Tatsache, dass in den FCSP-Spielen vermutlich wieder mehr vor beiden Toren los sein wird, dürfte bei vielen bereits Vorfreude auf die kommende Saison auslösen. Wie erfolgreich dieser Fußball aber sein wird und ob Rapp tatsächlich seine Ideen mehr oder weniger direkt von Kiel auf den FCSP überträgt, das muss sich erst noch zeigen. Ich persönlich möchte betonen, dass ich bereits gespannt bin wie ein Flitzebogen auf das, was nun beim FC St. Pauli folgen wird.

Forza!// Tim

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