Raus aus der Talentschublade: Ronja Leubner im Interview | OneFootball

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·1 April 2026

Raus aus der Talentschublade: Ronja Leubner im Interview

Gambar artikel:Raus aus der Talentschublade: Ronja Leubner im Interview

99 Tage – so lange dauerte die Winterpause für die BVB-Fußballerinnen in der Regionalliga West. Über drei Monate, in denen sich die ambitionierten Aufsteigerinnen die Tabelle mit Borussia Dortmund auf Platz zwei anschauen mussten. Dabei war am Nikolaustag alles angerichtet für die Übernahme der Tabellenspitze. Nach sechs Heimsiegen in Serie bei 36:0 Toren sollte im Top-Spiel gegen die U21 vom 1. FC Köln der siebte Streich folgen. Bereits nach sechs Minuten stand Ronja Leubner frei vor dem FC-Tor, spielte überlegt quer auf Celina Baum, die zum frühen 1:0 einschob. Der Schock per Ausgleich folgte Mitte der zweiten Halbzeit. In der 81. Minute hatte Leubner eine der letzten guten Möglichkeiten auf den Siegtreffer. Doch nachdem ihr Kopfball nicht erfolgreich war, vergrub sie das Gesicht in ihren Händen. Vier Minuten später wurde die Mittelfeldakteurin ausgewechselt. Von der Bank aus musste Leubner zuschauen, wie Köln nach Abpfiff einen bleibenden Drei-Punkte-Vorsprung bejubelte.

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Ronja, wie lang hattest Du noch am Rückspiel gegen Köln zu knabbern?„Die Tage danach waren sehr hart. Ich habe mir das Spiel nochmals komplett angeschaut und bin jeden Morgen mit der Frage aufgewacht, warum wir unsere Leistung nicht auf den Platz gebracht haben.“


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Hast Du eine Antwort gefunden?„Immer noch nicht. Ich verstehe nicht, wie wir nach dem 1:0 so aufhören konnten, Fußball zu spielen. Das geht nicht in meinen Kopf rein.“

Im Hinspiel gegen Köln und in Bielefeld habt Ihr ebenfalls nach Führung noch Punkte liegen lassen. Was fehlt Euch, um diese Top-Spiele zu gewinnen?„Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, dass wir noch zu oft nervös werden, wenn es lange 0:0 steht oder wir nicht hoch führen. Ich weiß nicht, ob dann etwas Panik aufkommt, dass man das Spiel noch aus der Hand geben könnte.“

Dabei habt Ihr alle schon Erst- oder Zweitliga-Erfahrung. Passt Ihr Euch zu oft dem Regionalliga-Niveau an, statt Eure Dominanz durchzudrücken?„Das ist häufig Thema bei uns. Vor allem, wenn wir zur Halbzeit führen, ist Markus (Högner, d. Red.) immer wieder darauf aus, dass wir das Niveau hochhalten. Aber irgendwie scheinen wir unterbewusst zu denken, das Ding ist durch, und dann spielen wir einfach nicht mehr den Fußball, den wir eigentlich spielen können. Aber so richtig erklären kann man sich das nie.“

Wie fällt insgesamt das Fazit der ersten Saisonhälfte aus?„Ich würde schon sagen, dass wir eine stabile Hinrunde gespielt haben. Uns zeichnet aus, dass wir immer Fußball spielen und auch spielerisch Lösungen finden wollen. Aber klar, das Spiel im letzten Drittel und die Chancenverwertung sind noch ausbaufähig, um einige Spiele schneller zu entscheiden.“

Am 19. August 2025 schreibt Ronja Leubner schwarzgelbe Geschichte. Nicht nur, dass sie mit dem 1:0 gegen Zweitligist Borussia Mönchengladbach das erste Tor der neuen Spielzeit erzielt – es ist der historisch erste Treffer einer BVB-Frauenmannschaft im DFB-Pokal. Ihre Torgefahr stellt der Sommerneuzugang auch in der Regionalliga unter Beweis. Direktabnahme mit rechts oder links, Kopfball, Distanzschuss, Abstauber – Leubner bedient die komplette Klaviatur des Toreschießens. Mit neun Treffern und vier Vorlagen belegt sie in der internen Rangliste hinter Dana Marquardt und Rita Schumacher den dritten Platz.

Wie zufrieden bist Du mit deinen Zahlen?„Ich würde sogar sagen, es geht noch mehr. Als es anfangs relativ gut lief, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, dass ich zweistellig werde in der Hinrunde. Das hat jetzt nicht ganz geklappt, aber ich habe auf jeden Fall das Potenzial, vor allem auch noch mehr Vorlagen zu geben. Aber in Summe bin ich schon zufrieden, da will ich jetzt nicht meckern.“

„Ich habe mich irgendwann schon hinterfragt, warum ich immer rauskomme. Das wurde ich auch von Freunden gefragt und hat mich über den Winter beschäftigt. Ich glaube, ich habe zwischendurch immer noch Phasen im Spiel, wo ich ab der 60. Minute oder so nicht mehr im Spiel bin. Das könnte der Grund sein, warum ich eine Kandidatin für eine Auswechslung bin, weil ich einfach nicht mehr diese Spielanteile habe, die ich eigentlich haben könnte.“

Hast Du eine Erklärung dafür?„Ich habe noch keine Antwort gefunden. Ich bin nicht komplett raus aus dem Spiel, aber habe auch nicht mehr diese entscheidenden Szenen wie in den ersten Minuten. Ich weiß es selbst nicht so genau.“

Wie möchtest Du den Trainer überzeugen, Dir künftig noch mehr Spielminuten zu geben?„Mit Konstanz. Ich will möglichst durchgehend im Spiel sein. Und wenn ich merke, dass ich den Zugriff verlieren könnte, möchte ich über einfache Situationen und Ballkontakte wieder ins Spiel kommen.“

Wo siehst Du deine Stärken im BVB-Spiel?„Ich glaube, ich habe ein ganz gutes Gefühl für Räume, kann allgemein das Spiel gut lesen und bin auch relativ torgefährlich.“

Woran kannst Du noch arbeiten?„Das Defensivverhalten, robuster und härter in den Zweikämpfen werden.“

Du bist seit Kindheit BVB-Fan. Ist bei Dir schon angekommen, dass Du jetzt Spielerin von Borussia Dortmund bist?„Ja, mittlerweile schon. Also am Anfang ist schon viel auf mich eingeprasselt. Da schreiben mir plötzlich so viele Leute, mit denen ich lange gar keinen Kontakt mehr hatte. Aber mittlerweile bin ich ganz gut in dem Konstrukt angekommen.“

Wie gefällt es Dir beim BVB?„Richtig gut. Zweimal am Tag zu trainieren, vor allem auch morgens, tut mir sehr gut. Dazu helfen mir die Einzelanalysen und das Individualtraining sehr viel. Natürlich ist hier noch sehr viel Potenzial, besonders dann, wenn das Trainingsgelände fertig wird, aber insgesamt gefällt es mir schon jetzt sehr gut.“

Was macht die Kulisse in der Roten Erde mit Dir?„Ich bin positiv überrascht worden. Vor meinem Wechsel haben mir schon ein paar Spielerinnen gesagt, dass die Rote Erde etwas Besonderes ist. Ich dachte trotzdem, es wäre halt ein normales Stadion mit normaler Atmosphäre. Aber ich muss zugeben: Es ist ziemlich cool. Die Fans sind 90 Minuten laut, und mir gefällt die Nahbarkeit zu den Zuschauern.“

Wer über die 21-Jährige aus Unna liest, recherchiert oder spricht, stößt zweifelsohne immer wieder auf die Begrifflichkeiten „Talent“ und „Potenzial“. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Ronja Leubner in den vergangenen vier Jahren bereits Stammspielerin beim FSV Gütersloh war und mit der Empfehlung von 88 Zweitliga-Spielen an die Strobelallee kam. Bei dieser Vita darf zurecht hinterfragt werden, ob „Talent“ trotz des jungen Alters noch angemessen ist.

„Natürlich ist es schön, wenn dich jemand als Talent bezeichnet. Allerdings bin ich jetzt so weit, dass ich Verantwortung übernehmen sollte und auch lernen muss, Verantwortung zu übernehmen. Ich sehe mich daher nicht mehr als Talent, sondern möchte auch vorangehen.“

Was bedeutet für Dich zu lernen, Verantwortung zu übernehmen?„Ich bin vom Typ her nicht die lauteste Person, aber mit den Leuten um mich herum kommuniziere ich sehr viel. Das bekommt man im Spiel wahrscheinlich nicht so mit. Ich muss jetzt lernen, nicht nur um mich herum, sondern die ganze Mannschaft mitzuziehen, voranzugehen und etwas lauter zu werden.“

Hast Du Dich als Neuzugang vielleicht auch nicht direkt getraut, laut zu sein?„Ja, ganz klar. Ich muss schon zugeben, dass ich meine Monate gebraucht habe, um anzukommen. Aber über die Winterpause und vor allem in der Vorbereitung habe ich das Gefühl bekommen, in diesem Gefüge richtig angekommen zu sein und ich mir jetzt auch mehr zutraue.“

Trainer Markus Högner hält große Stücke auf Dich, wollte Dich zu seiner Zeit in Essen bereits zur SGS lotsen. Wie sehr hilft es Dir, vom Trainer gestärkt zu werden?„Es hilft mir auf jeden Fall sehr. Ich bin auch ein Typ, der die Rückendeckung braucht. Markus hat mir auch gesagt, dass ich mehr Verantwortung übernehmen und mehr Bälle fordern soll. Es stärkt das Selbstvertrauen, wenn dir der Trainer zutraut, Spiele zu entscheiden.“

Trägt sich das BVB-Trikot eigentlich leichter, weil das Wappen beflügelt, oder schwerer, weil es mit hohen Erwartungen verbunden ist?„Am Anfang der Saison war es bei all der Euphorie auf jeden Fall leichter. Da habe ich mir noch nicht so viel Druck gemacht. Aber wenn dann so eine Partie wie jetzt das Köln-Spiel kommt, ist es natürlich schon ein Druck, den die meisten wahrscheinlich so noch nicht erlebt haben. Also zumindest ich noch nicht. Hier ist der Weg klar vorgezeichnet, dass es so schnell wie möglich in die Bundesliga gehen soll. Das war in Gütersloh nicht unbedingt so.“

Du sprichst den Druck an. Wie gehst Du damit um?„Das habe ich gelernt. Wenn es früher bei mir nicht lief, dann bin ich gar nicht ins Spiel gekommen. Dann habe ich mir sehr viel Druck gemacht, dass ich es mit dem Anspruch an mich selbst trotzdem richten muss. Vor den Spielen – wie auch gegen Köln – mache ich mir zwar schon viel Druck, aber im Spiel selbst ist das kein Thema mehr für mich.“

Wer oder was hat Dir geholfen, mit Druck umzugehen?„Ich habe sehr viel mit meinen engsten Freundinnen gesprochen, die auch aus dem Leistungssport kommen, sich aber entschieden haben, diesen Druck im Leistungssport nicht mehr haben zu wollen.“

Ronja Leubner bereitet sich ebenfalls schon auf die Zeit nach dem Leistungssport vor. Auch wenn der Fokus aktuell komplett auf den Fußball gelegt wird, studiert sie Sonderpädagogik an der TU in Dortmund – übrigens zusammen mit Teamkollegin Mia Böger.

Was machst Du, wenn Du mal nicht auf dem Fußballplatz stehst?„Ich treffe mich sehr oft mit Freundinnen. Wir gehen dann gerne essen oder machen Gesellschaftsspiele. Hin und wieder muss ich auch lernen. Da muss ich aber gestehen, dass es manchmal zu kurz kommt. Ich bin halt sehr gerne in Gesellschaft.“

Wohin geht’s zum Essen am liebsten?„Mittlerweile recht gerne zum Italiener.“

Und was wird gespielt?„Siedler von Catan oder Wizard. Also Wizard ist schon auf der Eins.“

Was gefällt Dir an Wizard?„Es sind einfache Regeln, aber man muss strategisch überlegen, wann man welche Karten spielt und welche Karten die Gegner ausspielen. Außerdem bleibt es immer bis zur letzten Karte spannend, da man nie weiß, was die anderen noch auf der Hand haben.“

Ronja Leubner liest also nicht nur auf dem Fußballplatz gerne das Spiel, sondern auch beim Kartenspiel?„Ja, das kann man so sagen.“

Du hast das Lernen angesprochen. Warum hast du Dich für Sonderpädagogik entschieden?„Ich hatte nach dem Abi nicht den Drang, direkt zu studieren und weiterlernen zu wollen. Dann habe ich an einer Förderschule ein soziales Jahr gemacht, weil ich in die Richtung Schule gehen wollte, aber nicht Gymnasium oder Grundschule. Das Jahr an der Förderschule hat mich erkennen lassen, dass es perfekt zu mir passt – und dann habe ich angefangen zu studieren.“

Du kommst aus einer Volleyballfamilie. Wird der Ball bei Dir auch mal gepritscht und gebaggert statt getreten?„Natürlich. Im Familienurlaub am Strand wird schon Beachvolleyball gespielt. Ich bin aber insgesamt sehr sportbegeistert. Ich spiele auch gerne Padel mit Freunden und probiere viele Sportarten aus.“

Andere Sportarten müssen für die kommenden Monate allerdings hinten anstehen. Acht Spieltage stehen für die BVB-Frauen noch aus, um den Drei-Punkte-Rückstand auf die Köln-Reserve wettzumachen und sich zwei Bonusspiele in der Relegation Mitte Juni zu sichern. Zwei volle Monate hat Trainer Markus Högner zur Vorbereitung genutzt. Sechs Testspiele gegen gleich- oder höherklassige Teams wurden absolviert, und vor allem der 1:0-Sieg in der Generalprobe gegen Bundesligist Bayer 04 Leverkusen macht Mut, dass der fünfte Aufstieg in Serie noch realisiert werden kann.

Wie war die lange Vorbereitung für Dich?„Nach dem letzten Spiel dachte ich schon: ‚Jetzt kannst du es erst im März wiedergutmachen.‘ Wir haben die Vorbereitung aber in Themenwochen unterteilt, und das hat mir sehr geholfen. Speziell beim Thema Gegenpressing habe ich nochmals viel verinnerlicht. Daher war es für mich persönlich sehr gut, dass die Vorbereitung so lang war.“

Wo hast Du die meisten Fortschritte gemacht?„Da die Vorbereitung so lang war, sicherlich in der Fitness. In den Leistungstests haben wir uns fast alle verbessert. Und dann würde ich sagen in der Präsenz auf dem Platz und der Zweikampfhärte.“

„Ich habe in den Testspielen ein bisschen tiefer gespielt, also nicht mehr so offensiv wie auf der Zehn. Dadurch bin ich mehr am Spiel beteiligt und konstruiere das Spiel mehr. Aber ich bin halt nicht mehr so offensiv wie in den letzten Spielen in der Liga.“

Der Weg zum Tor ist also weiter.„Ich denke, dass ich nicht mehr so oft direkt vorm Tor sein werde. Aber wie erwähnt, bin ich jetzt mehr mittendrin in der Spielgestaltung – und das gefällt mir auch sehr gut.“

Wie sehen Deine persönlichen Ziele für die zweite Saisonhälfte aus?„Ich möchte dominanter auftreten und in den Spielen länger auf dem Platz stehen. Am Anfang der Saison habe ich gesagt, dass ich bei Toren zweistellig werden will. Das habe ich bei aktuell neun Treffern etwas revidiert. Ich will jetzt keine Zahl sagen, aber es dürfen noch ein paar Tore mehr werden. Und Vorlagen sollten es deutlich mehr werden. Das ist auf meiner Position fast noch wichtiger.“Autor: Danny Fritz Fotos: Felix Kurschilgen, Hendrik Deckers

Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.

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