Miasanrot
·10 April 2026
Zwischen Eindruck und Wirklichkeit: Warum unsere Sicht auf den FC Bayern verzerrt ist

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·10 April 2026

Ob beim FC Bayern München oder insgesamt: So verzerren psychologische Mechanismen unsere Sichtweise auf den Fußball.
Eigentlich ist der Fußball ein wunderbar einfaches Spiel. Man braucht zwei Tore, einen Ball, 22 Spieler, und am Ende entscheidet das Ergebnis, wer besser war.
Doch wer nach Abpfiff mit anderen Fans diskutiert oder einen Blick auf hitzig geführte Debatten in den sozialen Netzwerken wirft, erkennt schnell: Ganz so leicht und eindeutig ist es selten. Denn das, was wir im Fußball zu sehen glauben, ist nicht so sehr objektive Beobachtung, sondern vielmehr ein Produkt unserer eigenen Erwartungen.
Als Dayot Upamecano im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid über lange Zeit nahezu fehlerfrei verteidigte, Zweikämpfe dominierte und maßgeblich am Spielaufbau aus der eigenen Hälfte beteiligt war, sprach eigentlich alles für eine herausragende Leistung.
Doch eine einzige Szene – sein missglückter Kopfball, der zu einer Torchance von Vinícius Júnior führte – reichte aus, um die Wahrnehmung zu kippen. Plötzlich waren nicht mehr seine guten Aktionen das Gesprächsthema, sondern nur noch der Fehler.
Dass viele Zuschauer*innen diesem Muster verfallen, ist kein Zufall. Es ist sogar psychologisch gut erforscht. Einer der zentralen Mechanismen, die hier greifen, ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder „Confirmation Bias“.
Der Begriff wurde in den 1960er Jahren von dem englischen Psychologen Peter Wason eingeführt und beschreibt folgendes Phänomen: Menschen neigen dazu, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie ihre bereits bestehenden Überzeugungen belegen. Eindrücke, die ihren Überzeugungen widersprechen, werden dagegen abgeschwächt oder einfach ignoriert.
Dieses Verhaltensmuster lässt sich auch auf den Fußball übertragen: Hat sich einmal die Idee verfestigt, ein Spieler sei fehleranfällig und „immer mal für einen Bock gut“, dann wird jeder Fehler überproportional wahrgenommen, während starke Aktionen kaum dazu beitragen, dieses Bild zu korrigieren. Das lässt sich auch im Gegenbeispiel belegen: Wenn Spieler wie Joshua Kimmich oder Aleksandar Pavlović Fehler machen, die zu Recht den Ruf haben, sehr ballsicher und fehlerfrei zu sein, werden diese im Schnitt anders bewertet als Upamecano oder auch Min-jae Kim.
Und wo wir schon bei Pavlović sind: Dem Mittelfeldstrategen eilt der Ruf voraus, sehr verletzungsanfällig zu sein. Bei jedem kleinen Ausfall wird das Narrativ wieder und wieder erzählt. Dabei hat er sich körperlich in den letzten Monaten und Jahren zunehmend stabilisiert und absolviert einen Großteil der Minuten. Und bei Upamecano bleibt dieser eine Patzer eben stärker im Gedächtnis als seine Vielzahl gelungener Aktionen. Ein ähnliches Phänomen zeigte sich beim ehemaligen Bayern-Spieler Leroy Sané.
Über Monate hinweg ließ sich beobachten, wie schwächere Spiele als Beleg für mangelnde Konstanz herangezogen wurden, während starke Auftritte oft relativiert wurden: Sie galten als Ausreißer, als „endlich mal wieder“. Die Bewertung folgt in solchen Fällen oftmals nicht der Leistung, sondern die Leistung wird der Bewertung angepasst.
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Eng damit verbunden ist ein zweiter Effekt, die sogenannte Negativitätsverzerrung, oder auch „Negativity Bias“, die besagt, dass negative Ereignisse psychologisch stärker wirken als positive. Ein konkretes Beispiel aus dem Alltag ist hier, wie die meisten von uns Nachrichten konsumieren. Naturkatastrophen, Kriege, Krankheiten und Gewaltverbrechen beherrschen die Berichterstattung, unter anderem auch, weil sie unsere Aufmerksamkeit mehr erregen als gute Nachrichten.
Angewandt auf den Fußball wiederum bedeutet das: Ein Fehler wiegt schwerer als zehn gelungene Aktionen. Was schiefgeht, bleibt im Gedächtnis. Was gut funktioniert, wird als selbstverständlich hingenommen.
Ein weiteres Beispiel aus der Bayern-Vergangenheit ist Sven Ulreich. Als er 2018 Manuel Neuer über einen längeren Zeitraum vertreten musste, weil die eigentliche Nummer Eins verletzt war, zeigte sich Ulreich als ein verlässlicher und solider Torhüter.
Im Halbfinal-Rückspiel der Champions League – auch gegen Real Madrid – ließ er einen Rückpass von Corentin Tolisso durchrutschen, was zum Ausgleichstor von Karim Benzema führte. Das Remis bedeutete das Aus der Bayern in der Königsklasse. Trotz Unterstützung seines Teams und Trainer Jupp Heynckes ist es oft dieser eine Fehler, den die Fans aus dieser Zeit in Erinnerung behalten haben – und nicht Ulreichs gute Leistungen zuvor.
Ein dritter Mechanismus verstärkt diese Verzerrung zusätzlich: der Ankereffekt bzw. „Anchoring Effect“. Dieser Effekt besagt, dass die ersten verfügbaren Informationen als Referenzpunkt für alle weiteren Bewertungen dienen.
Geprägt wurde dieses Konzept unter anderem von den beiden Nobelpreisträgern Daniel Kahneman und Amos Tversky. Im Fußball sehen solche Anker ganz unterschiedlich aus, etwa eine exorbitant hohe Ablösesumme, ein spektakulärer Fehler oder ein bestimmter Spielstil.
Beim französischen Abwehrspieler Lucas Hernández zum Beispiel wurde lange die Rekordablöse von 80 Millionen Euro zum dominanten Bewertungsmaßstab während seiner Zeit beim FC Bayern. Leistungen wurden nicht isoliert betrachtet, sondern daran gemessen, ob sie „dem Preis gerecht werden“.
Ähnlich erging es auch dem senegalesischen Flügelspieler Sadio Mané, dessen kurze Schwächephase in Windeseile zu einem festen Narrativ führte: „Fehleinkauf“ und „völlig überbewertet“. Der Anker verschiebt die Perspektive: Man sieht nicht mehr, was eigentlich ist, sondern nur noch, wie weit es von der ursprünglichen Erwartung entfernt ist.
Auch hier gibt es ein positives Gegenbeispiel: Spielern, die aus der eigenen Jugend kommen, werden Fehler eher verziehen. Selbst dann, wenn sie wie Josip Stanišić schon etablierte Profis sind. Sie werden deutlich unkritischer und positiver wahrgenommen als Spieler, die von anderen Vereinen dazugekommen sind. Nicht die sportliche Leistung an sich steht dann im Mittelpunkt, sondern die Faktoren Identifikation und Sympathie. Das kann die Wahrnehmung verzerren.
Noch spannender sind die Wahrnehmungsverzerrungen dort, wo Entscheidungen eigentlich objektiv sein sollten: bei Schiedsrichter*innen. Auch die vermeintlich Unparteiischen sind nicht vollständig frei von solchen Effekten. Studien belegen, dass Faktoren wie Reputation, Teamstatus oder sozialer Druck Entscheidungen beeinflussen können; dass erfolgreiche Teams eher von Entscheidungen profitieren – etwa bei Elfmetern, oder dass Heimteams begünstigt werden.
Schiedsrichter*innen müssen oft unter einem enormen (Zeit-)Druck Entscheidungen treffen. In solchen Situationen greifen viele Menschen verstärkt auf intuitive und schnelle Entscheidungsprozesse zurück – und das sind genau die, die anfällig für Verzerrungen sind.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht wirklich überraschend, dass auch der Ruf eines Spielers Einfluss nehmen kann. Ein Beispiel dafür ist der Chilene Arturo Vidal, der sich eine aggressive und körperbetonte Spielweise zu eigen machte. Dadurch wurde auch die Wahrnehmung einzelner Zweikämpfe beeinflusst. Aktionen, die bei anderen Spielern vielleicht lediglich als „robust“ gelten, wurden bei ihm schneller als Foul interpretiert und mit einer Karte geahndet.
Warum halten sich diese verzerrten Bilder so hartnäckig? Eine Erklärung liegt in der Funktion von Narrativen. Um es kurz zu sagen: Komplexität ist anstrengend, einfache Geschichten hingegen sind viel eingängiger. Sie helfen, ein Spiel schnell zu erklären und einzuordnen. Ein Spieler wird nicht mehr als vielschichtige Person wahrgenommen, sondern nur noch als Typ: fehleranfällig, aggressiv, unkonstant.
Selbst Bayern-Legende Thomas Müller wurde zeitweise auf solche Narrative reduziert – als Spieler „über seinem Zenit“ oder als einer, der auf höchstem Niveau nicht mehr mithalten könne. Dass seine Spielintelligenz und seine Wirkung auf das Spiel weiterhin auf höchstem Niveau lagen, passte nicht in dieses Bild und wurde oft ignoriert.
So entsteht schnell ein geschlossenes System der Wahrnehmung. Der Bestätigungsfehler sorgt dafür, dass wir gezielt nach passenden Szenen suchen. Und in Zeiten von zusammengeschnittenen YouTube-Clips und kurzen TikToks ist es nicht schwer, diese Bestätigung zu finden. Mit der verstärkenden Wucht von hohen Likezahlen und vielen Kommentaren.
Die Negativitätsverzerrung gibt negativen Momenten zusätzliches Gewicht. Und der Ankereffekt stabilisiert einmal entstandene Urteile über eine lange Zeit. Was einmal als Wahrheit etabliert ist, reproduziert sich selbst und bleibt wie ein nerviger Kaugummi an der Schuhsohle kleben.
Das ist eigentlich paradox – denn Fußball ist objektiv beobachtbar und wird trotzdem subjektiv wahrgenommen. In der heutigen Zeit stehen Daten, Wiederholungen von bestimmten Szenen oder Analysen jederzeit zur Verfügung.
Dennoch erinnern sich Fans mehr an Fehler als an solide Leistungen. Medien verstärken diese Narrative, weil sie einfacher zu erzählen sind und sicher auch mehr Klicks garantieren. Und selbst Schiedsrichter*innen – trotz ihrer Professionalität – sind nicht frei von unbewussten Einflüssen.
Am Ende lässt sich festhalten: Im Fußball wird oft nicht das bewertet, was tatsächlich passiert. Bewertet wird das, was ins eigene Bild passt. Das heißt natürlich nicht, dass unsere erste Meinung nicht auch die richtige sein kann – aber trotzdem sollten wir sie hin und wieder hinterfragen.


Langsung







































