Borussia Dortmund
·6 giugno 2026
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1974 wurde der heutige SIGNAL IDUNA PARK als Westfalenstadion eröffnet und hat sich im Laufe der Jahrzehnte zum schönsten und größten Fußballtempel der Nation entwickelt. Das Stadion Rote Erde, in dem unsere Schwarzgelben bis dahin fast vierzig Jahre lang ihre Spiele ausgetragen hatten, musste deshalb aber nicht verschwinden. Im Gegenteil: Seit bei unserer Borussia der Mädchen- und Frauenfußball etabliert wurde, ist es nicht mehr allein die Heimat der U23, sondern auch unserer Frauenmannschaft.
Die Rote Erde ist kein moderner Hochglanz-Schicki-Micki-Tempel, kein austauschbares Stadion von der Stange. Sie hat Ecken und Kanten. Hier weht ein Hauch von Nostalgie, und das macht den heutigen Charme aus.
In 100 Jahren hat dieser Ort unzählige Geschichten erlebt und ist zu einem Stück Identität geworden. „Die Menschen hier sind mit der Roten Erde groß geworden. Sie sind nicht nur als Besucher zu den zahlreichen Sportveranstaltungen gegangen, sie haben sich auch selbst in der Roten Erde sportlich betätigt“, weiß der ehemalige Pressesprecher der Stadt Dortmund und heutige BVB-Historiker Gerd Kolbe. „Zum Pflichtprogramm eines jeden Schuljahres aller Schulen der Dortmunder Innenstadt gehörten die Bundesjugendspiele, und diese Bundesjugendspiele fanden in der Roten Erde statt. Also sind Hunderttausende Dortmunder im Laufe von vielen Jahrzehnten durch die Rote Erde geflitzt oder gesprungen und haben dann voller Freude ihre Urkunden in Empfang genommen.“
Wer heute die Heimspiele unserer Zweiten oder der Frauen besucht, der pilgert über die Strobelallee – benannt nach dem berühmten Architekten und Stadtplaner Hans Strobel. Nachdem Strobel zuvor in Bremen und Leipzig tätig war, wurde er 1915 im Alter von 34 Jahren Stadtbaurat in Dortmund, wo er wenig später sein Meisterwerk umsetzte. Nach dem Ersten Weltkrieg rückte die Wichtigkeit der Gesundheit von Körper und Geist stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung.
In Frankfurt, Köln und Hamburg waren bereits Volksgärten entstanden. Strobel perfektionierte dieses Konzept, indem er seinen Schwerpunkt auf Sportstätten legte, von denen es zur damaligen Zeit viel zu wenige gab. In seinem Volksgarten plante er ein Multifunktionsstadion mit mehreren Nebenfeldern, ein Schwimmbad, eine Kleingartenanlage und eine Radrennbahn, die dann letztlich nicht realisiert wurde. Das Ganze wurde von 1924 bis 1926 erbaut. Erstaunlich, wenn man so manches Großbauprojekt der heutigen Zeit betrachtet. Die Westfalenhalle wurde in knapp sieben Monaten gebaut. Nur mal so: Die Sanierung (nicht der Bau!) der Kölner Oper hat 14 Jahre gedauert und über eine Milliarde Euro (!) verschlungen.
Die Leistung von damals ist umso erstaunlicher, da es zunächst galt, das Gefälle von etwa 30 Metern von der heutigen B1 bis hinunter zum Ort des Stadions auszugleichen. Mit Spaten, Schippen und Muskelkraft mussten 120.000 Kubikmeter Boden bewegt und auf Schienen transportiert werden. Im Juni 1926 wurde die Kampfbahn Rote Erde mit einer Kapazität von 30.000 Plätzen eröffnet. Und das gleich zweimal. Gerd Kolbe weiß, warum: „Die Gemengelage der damaligen Zeit war gespalten. Es gab den sogenannten bürgerlichen Sport, zu dem der DFB oder der Deutsche Leichtathletikverband und die Turner gehörten. Und es gab den Arbeitersport – links, sozialdemokratisch, auch kommunistisch. Beide wollten nichts miteinander zu tun haben.
Strobel hatte beide Parteien zur Eröffnung gebeten, ausnahmsweise eine gemeinsame Eröffnungsfeier zu veranstalten. Weil beide Parteien diese Idee kategorisch ablehnten, gab es die Eröffnung der Bürgerlichen am 6. Juni 1926 vor 8.000 Zuschauern und die der Arbeiterschaft eine Woche später vor 30.000 Besuchern.“ Unter dem Motto „Arbeiter sollen nicht nur malochen, sondern auch ihren Geist stählen“ stand dabei eine Schachpartie mit lebenden Spielfiguren im Mittelpunkt.
Der Rasen wurde in 64 Felder aufgeteilt, und die Damen, Könige, Türme und Bauern von Menschen dargestellt. Die Züge wurden per Megaphon verkündet. Ein großes, farbenprächtiges Spektakel und bis heute die größte Zuschauerzahl bei einer Schachpartie. Die Rote Erde war eine der schönsten Arenen ihrer Zeit. „Den wunderbaren Baumbestand gab es 1926 natürlich noch nicht in seiner heutigen Pracht“, so Kolbe, „aber Hans Strobl hatte ein Faible für rosa Sandstein, und der verlieh der Kampfbahn ihre spezielle Optik. Dieser Sandstein wurde in Dortund-Buchholz und Dortmund-Holzen gebrochen und ist von exemplarischer Schönheit. Dieser Stein hat sein eigenes Leben. Er ist eitel, ändert alle acht bis zehn Jahre sein Gepräge und präsentiert sich dadurch immer wieder aufs Neue. Weitere pittoreske Eigenarten waren das Marathontor und der Musikpavillon, von dem aus beispielsweise das Polizeiorchester bei entsprechenden Festivitäten sein Können zum Besten gab. Nicht umsonst ist das Stadion heute denkmalgeschützt.
Es gibt verschiedene Theorien, wie die „Kampfbahn Rote Erde“ zu ihrem Namen kam. Eine bezieht sich auf den rötlichen westfälischen Lehmboden. Eine weitere bezieht sich darauf, dass Dortmund im Mittelalter als bedeutende Hansestadt das Recht hatte, über die Sünder der damaligen Zeit Recht zu sprechen. Und da gab es eigentlich immer nur zwei Varianten: Freispruch oder Kopf ab. Und das Blut der Enthaupteten floss in den Boden, der sich daraufhin rot färbte.
Am hartnäckigsten aber hält sich die Annahme, dass die gerodete Erde für die Namensgebung verantwortlich ist. „Im Mittelalter war hier ein großer Urwald“, so Kolbe. „Irgendwann haben die Leute festgestellt, dass man die schwarzen Steinbrocken zum Glühen bringen und damit Wärme erzeugen kann. Daraufhin hat man im ganzen Ruhrgebiet gerodet und gerodet. Das hat den wunderschönen Bezug zu den Bergleuten. Das Land der Roten Erde ist praktisch der Ausgangspunkt für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg.“
Im September 1927 zelebriert Eugenio Pacelli, der später Papst Pius XII. werden sollte, den Festgottesdienst zum 66. Deutschen Katholikentag in der Roten Erde – vor zigtausend Gläubigen. Das erste Fußballspiel verlor eine Dortmunder Stadtauswahl gegen Wacker München mit 1:11. Die ersten großen Begegnungen mit vielen Zuschauern waren Endspiele um die Deutsche Meisterschaft zu einer Zeit, als der BVB sportlich noch völlig unbedeutend war.
Zu wahr, um schön zu sein, aber zu jener Zeit verband Borussia Dortmund eine tiefe Freundschaft mit dem FC Schalke 04, der damals das Maß aller Dinge war. Als die Knappen 1927 im Achtelfinale um die Deutsche Meisterschaft vor 30.000 Zuschauern in der Roten Erde gegen 1860 München antraten, hatten die Kameraden vom BVB die komplette Organisation übernommen, um den Schalkern die Kosten dafür zu ersparen.
Immerhin war ein Dortmunder beim ersten von zwei Länderspielen in der Roten Erde dabei: August Lenz, der erste echte Star des BVB, war – obwohl damals mit dem BVB nicht in der höchsten Spielklasse unterwegs – am 8. Mai 1935 beim 3:1 gegen Irland vor 35.000 Zuschauern mit von der Partie.
Nach dem Aufstieg in die Gauliga 1936 dauerte es aber noch bis 1937, ehe der BVB vom Norden der Stadt in den Süden zog. Die „Weiße Wiese“, die nur Platz für 18.000 Zuschauer bot, musste zugunsten eines Ausbaus des Hoesch-Werkes weichen. Bevor der BVB zur nationalen Spitze aufstieg, regierten in der Kampfbahn andere Sportarten. „Vor allem der Radsport hatte in Deutschland zu jener Zeit eine große Fangemeinde – deutlich größer noch als die des Fußballs“, weiß Gerd Kolbe von seinen Recherchen zu berichten. „Das traditionelle Rennen Rund um Dortmund endete in der Roten Erde. Die kamen zum Marathontor herein, umrundeten die Kampfbahn einmal, bevor sie durchs Ziel jagten.“ Außerdem gab es für die Sprinter unter den Radlern sogenannte „Fliegerrennen“, die aber später in die Westfalenhalle verlagert wurden. Außerdem war der Feldhandball noch sehr populär. Sicher auch, weil Deutschland darin eine der besten Nationen war. 1936 krönte sich Hindenburg Minden im Finale in der Roten Erde mit einem 7:5-Erfolg gegen Leipzig zum Deutschen Meister. Grün-Weiß Dankersen gewann 1971 das Endspiel gegen TuS Wellinghofen vor 18.000 Fans mit 17:13, als Feldhandball schon im Spätherbst seiner Popularität angekommen war. Das größte Feldhandball-Spektakel aber war das WM-Finale im Juli 1955. Vor rund 50.000 Zuschauern wurde Deutschland nach einem 25:13 über die Schweiz Feldhandball-Weltmeister. Ein Spieler, der damals im deutschen Team stand, wurde in die „Hall of Fame des Deutschen Sports“ aufgenommen und ist auch heute noch allen Handballfans bekannt: Bernhard Kempa, der sich mit der Erfindung des Kempa-Tricks (der Pass geht in den Wurfkreis, der angespielte Spieler fängt den Ball im Sprung und wirft direkt) unsterblich gemacht hat. Für eine weitere Legende des Sports hatte die Rote Erde eine besondere Bedeutung für ihre Karriere. Gerd Kolbe ist einer ihrer größten Fans und schwelgt förmlich in Erinnerungen: „Annegret Richter ist die größte Einzelsportlerin, die Dortmund jemals hatte und auch jemals haben wird. Ein absolutes Phänomen, die in der Roten Erde die Grundlage für ihre große Karriere gelegt hat. Sie war 31-mal Deutsche Meisterin, Europameisterin und zweimal Olympiasiegerin: 1972 in der legendären 4 x 100-Meter-Staffel mit Heide Rosendahl und 1976 in Montreal über 100 Meter. Und das war eine Sensation, die allen Dortmundern die Tränen in die Augen getrieben hat. Die Amerikanerin Wilma Rudolph war die große Favoritin neben den Sprinterinnen aus dem damaligen Ostblock. Und dann kommt da ein Mädchen aus Dortmund, läuft im Halbfinale mit 11,01 Sekunden einen neuen Weltrekord und düpiert im Finale die gesamte Konkurrenz.“ Da sie über 200 Meter und mit der 4 x 100-Meter-Staffel noch jeweils die Silbermedaille erlief, wurde sie bei der Abschlussfeier zur Fahnenträgerin des deutschen Teams ernannt. Richter selbst war anlässlich des Stadion-Jubiläums noch einmal in der Roten Erde und hat uns ihre olympische Goldmedaille von Montreal präsentiert.
„Als 1974 aus der Aschenbahn eine Tartanbahn wurde, habe ich fast täglich in der Roten Erde trainiert. Das war eine intensive Zeit, die sehr gut für mich war und die ich nicht missen möchte. Man spricht ja immer gerne vom Wohnzimmer, aber ich glaube, es war mehr mein Arbeitszimmer“, erzählt Richter, die auch mit 75 Jahren topfit daherkommt. Bei der Olympia-Ausscheidung für Montreal waren 25.000 Zuschauer in der Arena. „Das Stadion war brechend voll. Die Wettbewerbe mussten um 15 Minuten verschoben werden, weil an den Tageskassen noch so ein Andrang war. Das war mein schönstes Erlebnis hier“, schwärmt die gebürtige Dortmunderin. „Die Atmosphäre war besonders. Wo gibt es sonst noch so viele Bäume in einem Stadion? Und die Zuschauer standen sehr nah an der Laufbahn, sodass die Stimmung von den Rängen auf die Athleten übergeschwappt ist.“
Auch mit den Fußballern des BVB gab es für die Sprinterin vom OSC Dortmund eine lustige Begegnung. „Zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1976 habe ich fast jeden Tag hier trainiert. Mein Bundestrainer hatte mir einen Trainingsplan auf einen Zettel geschrieben, nach dem ich Tempoläufe, Sprints oder Starts trainiert habe. Als wieder mal zeitgleich die BVB-Fußballer auf dem Rasen trainierten, hat mich Trainer Otto Knefl er intensiv beobachtet. In einer Pause kam er zu mir und drückte mir seine Bewunderung dafür aus, dass ich ganz alleine nach einer Anleitung mein Training absolviere. Er meinte: Während wir hier reden und ich mit dem Rücken zu meinen Jungs stehe, bewegt sich von denen keiner. Ich konnte sehen, dass er seine Fußballer kannte.“
Was die wenigsten wissen: Die Laufbahn war beim Bau 1926 noch ein Halbrund über 450 Meter, auf dem man wegen der geringeren Krümmung schnellere Zeiten laufen konnte. Erst beim Wiederaufbau nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg – 96 Bombeneinschläge werden in der Roten Erde gezählt – wurde daraus das klassische 400-Meter-Oval. 1943 gelang dem BVB der erste Derbysieg, doch der Stellenwert des Fußballs geriet in den Kriegsjahren naturgemäß in den Hintergrund und diente eher als Ablenkung. Nach dem Krieg wurde die Oberliga West eingeführt. Die Rote Erde war noch mehr oder weniger eine Kriegsruine, als der BVB zum ersten Oberligaspiel gegen Katernberg antrat.
„Die Spieler mussten sich im Schwimmbad umziehen und sind dann durch das Marathontor und ein Spalier von 15.000 Menschen aufgelaufen“, schildert Kolbe diesen ergreifenden Moment. „Allen standen die Tränen in den Augen.“ Durch seine gute Jugendarbeit in den 30er-Jahren stieg der BVB in der Folge zu einer der besten Mannschaften Deutschlands auf, wurde dreimal hintereinander Westdeutscher Meister und Deutscher Vizemeister 1949. Nach der Renovierung der Kampfbahn 1952/53 stieg das Fassungsvermögen auf 35.000 Zuschauer. Die überdachte Haupttribüne bot jetzt Platz für 3.300 Sitzplätze.
1956 wurde Borussia Dortmund erstmals Deutscher Meister. Und das hatte zur nächsten Neuerung für das Stadion geführt: Für die Europapokalspiele am Abend musste Flutlicht installiert werden. Zur Premiere kam Manchester United 1956, und die Atmosphäre wurde auf ein neues Level gehoben. Die Stehränge erwiesen sich angesichts des nun regelmäßig großen Zuschauerandrangs als nicht besonders sicher. Die Massen wiegten vor und zurück, weshalb die ersten Wellenbrecher in der nördlichen und südlichen Kurve installiert wurden.
Was den vielen, die auf den Musikpavillon oder auf die Bäume kletterten, um die Spiele zu verfolgen, allerdings nicht viel nutzte. Theo Redder ist einer der wenigen BVB-Spieler aus dieser Zeit, die noch leben. „Ich erinnere mich noch gut daran, wenn man die Tribünen hochgeschaut hat – nur Hüte. Du hast nur Hüte gesehen. Es waren keine Frauen im Stadion. Das gab es damals noch gar nicht.“
Redder, heute 84 Jahre alt, war auch bei den unvergessenen Europapokalschlachten in den 60er-Jahren dabei. „Dukla Prag, Inter Mailand, Benfica Lissabon – das sind die schönsten Erinnerungen für mich.“ Das Spiel gegen Lissabon am 4. Dezember 1963 sollte zum Jahrhundertspiel werden. Und wer abergläubisch ist, für den hat Gerd Kolbe diese Anekdote parat: „Da hat sich der BVB elf Glücksbringer eingeladen. Jene elf Bergleute, die das Grubenunglück in Lengede knapp drei Wochen zuvor überlebt hatten. Für den BVB mit dem sozialen Touch, den der Verein ja immer hatte, eine selbstverständliche Geste. Und die wurden dann ja tatsächlich zu Glücksbringern.“
Die Portugiesen waren zu dieser Zeit bereits zweifacher Sieger des europäischen Landesmeisterpokals und eines der besten Teams Europas. Der BVB musste ein 1:2 aus dem Hinspiel in Lissabon wettmachen. Es wurde das Spiel des Lebens für Franz Brungs. „Wir haben in goldenen Trikots gespielt. Das war ein wunderschönes Bild und alleine schon das Eintrittsgeld wert“, erinnert sich der heute 89-Jährige. „Schon als wir uns warm gemacht haben, war auf den Rängen ein Getöse und Lärm. Die Fans haben uns eingestimmt auf dieses Spiel und uns dann immer nach vorne getrieben. Da konntest du gar nicht schlecht spielen.“
Brungs erzielte beim sensationellen 5:0-Erfolg drei Tore und wurde wie seine Teamkollegen nach Spielende von den auf den Platz stürmenden Fans auf den Schultern vom Platz getragen. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich in die Kabine gekommen bin. Das war ein Erlebnis.“ Ein Erlebnis wurde dann auch die zur Saison 1963/64 eingeführte Bundesliga, in die unsere Borussia nach der dritten Deutschen Meisterschaft als Titelverteidiger startete.
1965 wurde die Gegengerade überdacht und um einige Sitzplatzreihen aufgestockt. Der Musikpavillon wurde dafür überbaut, genau wie das Marathontor im Süden, das unter den zusätzlichen Stahlrohrtribünen verschwand. Die Kapazität stieg damit auf 42.000. Auch in der Bundesliga sorgte der BVB für einige Höhepunkte, wie 1966 beim 7:0 gegen Schalke 04, dem höchsten Derbysieg. Im September 1969 folgte ein weiteres Stück Bundesligageschichte beim Derby: Zuschauer stürmten den Platz, aber Polizeihund Rex machte zwischen Zuschauern und Spielern keinen Unterschied und biss den Schalker Friedel Rausch in den Allerwertesten. Am 8. April 1967 wurde das zweite und letzte Länderspiel in der Roten Erde ausgetragen. In der EM-Qualifikation besiegte Deutschland mit dem Dortmunder Hans Tilkowski Albanien mit 6:0.
Anfang der 70er-Jahre monierte das Bauordnungsamt der Stadt Dortmund die Tribünen im Osten und Süden unter sicherheitstechnischen Aspekten. Somit wurden Pläne für ein neues Stadion geboren. Da ein opulenter Ausbau der Roten Erde Jahre gedauert hätte und der Spielbetrieb in dieser Zeit schwer beeinträchtigt worden wäre, kam Dezernent Fritz Kaufmann auf die Idee eines Zwillingsstadions. Mit diesem Zwillingsstadion, dem Westfalenstadion, bewarb sich Dortmund auch beim DFB für die WM 1974.
Nach dem Abstieg aus der Bundesliga 1972 spielten die Schwarzgelben noch bis 1974 in der Regionalliga in der Roten Erde. Nach dem Umzug ins Westfalenstadion wurden die Behelfstribünen zurückgebaut und nach Hannover transportiert. Das Dach wurde im Rudolf-Kallweit-Stadion von Arminia Hannover verbaut, und die Tribüne ins Oststadtstadion zum ehemaligen Zweitligisten OSV Hannover transplantiert.
Die meisten Zuschauer kamen aber nicht zu einem Fußballspiel in die Rote Erde, sondern zu einem Boxkampf. Zu sechs Boxveranstaltungen zwischen 1950 und 1955 strömten insgesamt knapp 200.000 Zuschauer in die Kampfbahn. Die meisten kamen am 20. Juli 1952, als der Lokalmatador Heinz Neuhaus seinen Titel als Europameister gegen Hein ten Hoff erfolgreich verteidigte. Knapp 48.000 Karten wurden verkauft, doch mehrere Tausend fanden noch auf Schleichwegen den Weg ins Stadion – solange, bis die Polizei das Stadion abriegeln musste. Somit gelten die inoffiziell rund 52.000 Zuschauer bei diesem legendären Kampf als Zuschauerrekord in der Roten Erde. Legendär, weil das Spektakel keine Minute dauerte: Ten Hoff ging nach 52 Sekunden nach einem schweren Treffer zu Boden und stürzte dabei so unglücklich, dass er sich das Wadenbein brach.
Längst ist der SIGNAL IDUNA PARK eines der berühmtesten Stadien der Welt. In seinem Windschatten aber kämpfen die U23 und die Frauen von Borussia Dortmund weiter um Tore, Punkte und Aufstiege und schreiben so die Geschichte der Roten Erde weiter fort. Der Begriff „Kampfbahn“ ist im Laufe der Jahre verschwunden. 2013 wurde das vorher diffuse Flutlicht auf die erforderlichen 800 Lux aufgerüstet. Die aktuelle Kapazität der Roten Erde wird von der Stadt mit 9.999 angegeben. Mit Sondergenehmigung, zum Beispiel für Leichtathletikveranstaltungen, können bis zu 22.000 eingelassen werden.
Die Frauenmannschaft feierte am 8. August 2021 im Stadion Rote Erde ihre Premiere mit einem 3:1 über 1860 München. Seither mobilisiert auch sie regelmäßig die Massen. Jeweils 10.000 kamen zu den Derbys gegen Schalke, im Pokal gegen den Deutschen Meister Bayern München sogar 15.755. BVB-Geschäftsführerin und Leiterin Frauenfußball Svenja Schlenker ist über die Entwicklung begeistert: „Das ist hier ein ganz anderes Fußballerlebnis als im großen Stadion. Uriger, eben Bratwurst, Bier, Borussia. Wir haben in der untersten Klasse angefangen. Und wir werden alles dafür geben, dass man hier eines Tages wieder Bundesliga-Fußball sehen kann.“
Über die vielen Jahre ist zwischen den Menschen und dem Stadion Rote Erde eine enge Verbundenheit entstanden. Es ist tief im Herzen der Dortmunder verwurzelt. Während nebenan ein Stadiongigant entstanden ist – größer, lauter, gelber – blieb die Rote Erde, was sie immer war: ihr eigenes Denkmal. Roh. Ehrlich. Unverfälscht. Kein Museum, sondern ein lebendiger Ort. 100 Jahre Schweiß, Jubel, Niederlagen. Nicht das größte Stadion, aber eines der authentischsten Deutschlands. Ein Ort, der zeigt: Wahre Größe misst man nicht nur in Kapazität, sondern in Geschichte.
Rudi Schaarschmidt







































