Marcel Friederich: Schräger Typ? Na klar! | OneFootball

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·14 gennaio 2026

Marcel Friederich: Schräger Typ? Na klar!

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In seiner Kindheit machte Marcel Friederichs Handicap ihn zur Zielscheibe. Heute ist es seine Stärke. Über den Sportjournalismus gewann er an Selbstvertrauen und legte eine steile Karriere bis zu einem hohen Posten bei der DFL hin. Inzwischen hält er Vorträge, gibt Workshops rund ums Thema Mut und hat ein Buch geschrieben. Warum er dafür seinen Traumjob liegen ließ und wie sehr ihn ein S04-Praktikum geprägt hat, verriet er dem Schalker Kreisel.

Marcels Lächeln ist sein Markenzeichen. Es ist ein offenes, ein ehrliches Lächeln. Marcel ist stolz darauf, doch das war nicht immer so. In seiner Schulzeit wird er für sein Lächeln gemobbt, weil es einzigartig ist. Marcel Friederich wird 1988 in Mainz mit Möbius- und Poland-Syndrom geboren, zwei seltenen neurologischen Krankheiten. Fehlende Nerven in der linken Gesichtshälfte sorgen dafür, dass er „ein schräges Gesicht“ hat – vor allem zu erkennen, wenn er lacht. Zudem hat er eine Fehlstellung an seiner linken Hand. Von seiner Familie erhält Marcel immer bedingungslose Unterstützung, aber als er auf die weiterführende Schule kommt, beginnen die Schikanen, meist durch ältere Schüler. „Mit doofen Sprüchen wollten die mich zum Lachen bringen. Die wollten einfach sehen, wie sich mein Gesicht verzieht“, erinnert er sich. „Und das waren so Momente, die mich sehr zum Grübeln gebracht haben und die Zweifel haben wachsen lassen, wie mein Leben so weitergeht.“


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Letztlich kann sich Marcel aus dem Mobbing-Strudel befreien – durch Sportjournalismus. Dem widmet er sich, als er den Traum vom Bundesliga-Torwart wegen seiner Behinderung aufgeben muss. „Ich startete dann mit einem Praktikum bei der Lokalzeitung hier in Mainz und habe über Lokalfußball geschrieben. Das war für mich das Allergrößte, wenn ich morgens die Zeitung aufgeschlagen habe und da ein Artikel von mir drin war, dazu mit meinem Namen als Autor. Das hat mich super stolz gemacht.“

Fortan geht Marcel mit einem völlig anderen Selbstvertrauen zur Schule. „Dann haben irgendwann diese Typen, die mich vorher blöd angemacht haben, gemerkt: Der lässt sich gar nicht mehr so viel anhaben, der ist jetzt viel gefestigter. Das war total wichtig für mich.“ Heute ist er für diese Mobbing-Erfahrungen sogar dankbar. „Man muss einfach auch mal doofe Situationen erlebt haben, um daraus seine Lehren zu ziehen“, findet der 38-Jährige. „Ohne diese Mobbing-Erfahrung in der Schule würden wir jetzt nicht über dieses Thema sprechen.“

Spätestens Anfang 2025 sieht Marcel sein „Anderssein“ als Berufung: Er startet das crossmediale „Mutmacher“-Projekt, hält deutschlandweit Vorträge zum Thema Mut und Anderssein, tritt im Fernsehen auf und veröffentlicht vor zwei Monaten ein Buch. In „Mutmacher-Menschen. Schräg. Stark. Außergewöhnlich.“ spricht er mit elf Persönlichkeiten, die sich in ihrem Leben ebenfalls Schicksalsschlägen oder anderen besonderen Herausforderungen stellen mussten: beispielsweise Robert Enkes Witwe Teresa oder Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Das „Mutmacher“-Projekt ist für Marcel eine wahre Herzensangelegenheit, denn dafür schmiss er seine steile Karriere als Sportjournalist und zuletzt als Führungskraft bei der DFL Deutsche Fußball Liga.

Bereits vor seiner erfolgreichen Medienzeit kreuzen sich die Wege von Marcel und Schalke 04. Als er 2010 während seines Publizistik-Studiums beim ZDF in New York hospitiert, kommt ein Anruf aus Gelsenkirchen – Zusage für ein Praktikum in der Kommunikationsabteilung. „Krass, da ruft jetzt Schalke an!“, staunt er damals. „Das war für mich so eine Öffnung, so ein Weitblick: Du kannst mit Deinen Talenten ganz offensichtlich mehr erreichen.“ Im Februar 2011 stellt er sich am Geschäftsstellen-Empfang vor und erlebt den rasanten Lauf bis ins Champions-League-Halbfinale sowie den DFB-Pokalsieg gegen den MSV Duisburg. Gekrönt wird sein Praktikum damit, dass er beim Autokorso durch Gelsenkirchen auf dem Wagen der Profis mitfahren darf. „Unfassbar. Da war ich so nah dran, in so vielen Momenten, an meinem Lieblingshobby Fußball. Das war für mich der riesige Anschub, zu sagen: ,Hey, ich will in diesem Feld arbeiten.‘“

Marcel erinnert sich gerne an seine Zeit auf Schalke, für ihn ein wichtiger „Mutmacher-Schritt“ im Werdegang. Dabei hebt er Manuel Neuer hervor: „Er war für mich ein besonderer Mutmacher. Einer, der so cool auch mit den Praktikanten umgegangen ist, der damals schon ein Weltklasse-Torhüter war, der sich immer Zeit genommen hat. Er ist für mich ein menschliches Vorbild, denn respektvoller Umgang ist das A und O.“

Königsblau habe ihn in unterschiedlichen Facetten enorm geprägt, gar gepusht, was seinen Fußballtraum angeht. Mindestens einmal pro Saison versucht der Mainzer, Schalke 04 einen Besuch abzustatten. „Das ist jedes Mal aufs Neue wunderschön“, schwärmt er. Rund um den Verein nimmt Marcel „eine sehr, sehr energie- und emotionsgeladene Atmosphäre“ wahr. Fußball sei der Mutmacher für ganz viele Menschen in und um Gelsenkirchen. Besonders bewundere er die Unterstützung in schlechten Zeiten: Dass es sportlich jetzt wieder besser aussieht, ist wunderschön, das haben die Menschen mit all ihrer Energie verdient. Ich finde, es gibt keinen Club, der so unfassbar emotionalisiert wie Schalke. Fast jedes Wochenende irgendwelche verrückten Choreografien zu sehen und die Lieder zu hören – Wahnsinn.“

Nach dem Masterstudium der Publizistik in seiner Geburtsstadt und dem Volontariat an der Axel-Springer-Akademie arbeitet Marcel als Redakteur bei der SPORT BILD und daraufhin bei RB Leipzig. Anschließend wird er Chefredakteur des Basketballmagazins „BIG“ und kurze Zeit später Leiter der externen DFL-Unternehmenskommunikation. Zu diesem Zeitpunkt erfüllen sich beruflich wie privat zwei lang ersehnte Kindheitsträume, denn er lernt seine Partnerin Carina kennen. „Ich dachte immer: Wer will denn mal mit so einem schrägen Typen wie mir zusammenleben? Das wird nie gelingen.“ Auf dem emotionalen Höhepunkt angekommen, beginnt Marcel, sich selbst zu reflektieren und sich mit seinem Syndrom auseinanderzusetzen. „Jetzt brauchst Du doch gar nicht mehr immer nur nach dem Nächsten zu geiern und immer weiter vorauszublicken, sondern Du kannst noch mehr im Hier und Jetzt leben.“ Erstmals öffentlich spricht Marcel über seine Behinderung in einem Podcast, es folgt viel positives Feedback. „Das hat mir gezeigt: Du kannst ganz vielen Menschen etwas mitgeben. So habe ich kurz darauf meinen Job aufgegeben und die Selbstständigkeit begonnen.“ Und es entsteht sein „Mutmacher“-Projekt.

Auch Schalke 04 hat in Marcels persönlicher Mutmacher-Geschichte einen festen Platz. Der Verein stehe exemplarisch dafür, wie gesellschaftliche Verantwortung im Fußball aussehen kann. Dabei denkt der 38-Jährige zunächst an die jüngste Sondertrikot-Aktion zum 150. Geburtstag der Stadt Gelsenkirchen. „Du siehst Kind, Oma, Opa, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe – das zeigt, was Schalke für eine Vielfalt verbindet. Und das ist der große Wert von Fußballclubs: dass sie in unserer Gesellschaft an allen Ecken und Enden aktiv sind. Es gibt keinen anderen Ort mehr in unserer Gesellschaft als den Fußball, der so viele Leute aus unterschiedlichen Richtungen zusammenführt.“

Schon 1994 hat Königsblau als erster Profiverein das Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art in seine Satzung geschrieben. Seit der Saison 2019/2020 ist dieses Engagement unter dem Motto #STEHTAUF gebündelt und hat unter anderem eine Anlaufstelle für Spieltage geschaffen, wo Besucher der VELTINS-Arena Vorfälle melden sowie Beratung und Unterstützung erhalten können. „Der Verein steht für demokratische Werte, für Antirassismus, Antidiskriminierung und ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Hebel, damit Gelsenkirchen ein vielfältiger demokratischer Ort bleibt“, betont Marcel. Zwar könne man von Fußballclubs auch keine Wunderdinge erwarten, was gesellschaftliche Verantwortung angeht, aber für ihn ist Schalke „ein Best Case: mit so viel gesellschaftlicher Verantwortung, mit Haltung, mit derart vielfältigen Menschen, die dort zusammenstehen. Gerald Asamoah ist ein Beispiel mit seiner persönlichen Historie, seiner Herzgeschichte, seinem Engagement.“

Was der S04 auf Vereinsebene lebt, begegnet Marcel auch während seiner Zeit bei der DFL. Dort erlebt er, wie die Plattform #BundesligaWIRKT ins Leben gerufen wird, die das gesellschaftliche Engagement aller 36 Erst- und Zweitligisten aufführt. Darüber hinaus debütiert im März 2024 der jährliche „TOGETHER!-Aktionsspieltag“ in der 1. und 2. Liga. Unter dem Motto „TOGETHER! Stop Hate. Be a Team.” setzen sämtliche Beteiligten ein Zeichen für Toleranz, Vielfalt und Respekt, unter anderem mit entsprechendem Slogan auf Spielbällen, Aufwärmshirts, Werbebannern oder Anzeigetafeln. „Das ist für mich ein ungemein wichtiger Spieltag geworden, um zu zeigen: Ja, wir kämpfen gegen etwas, gegen Diskriminierung, gegen Rassismus. Und wir stehen gemeinsam für etwas Positives ein – together!“

Nach vier DFL-Jahren setzt der (Mut)Macher mit seinem eigenen Projekt schließlich andere Prioritäten, abseits vom schnelllebigen Profifußballgeschäft. Binnen kürzester Zeit erhielt Marcel ein großes positives Echo auf seine Vorträge, Workshops und das Buch. „Ich bin total dankbar für so viel Wirkung und für so viel Sichtbarkeit“, freut er sich. „Es ist fast schon schockierend, wie viel Zuspruch ich bisher bekomme, weil so viel Bedarf ist in unserer Gesellschaft. Aber ich bin voller Tatendrang, meinen Beitrag zu leisten für ein respektvolleres, vorurteilsfreieres und verständnisvolleres Miteinander.“

Sein Buch sei für ihn dabei nur eine von vielen Etappen. Nachdem er bereits den „Mutmacher-Montag“ – ein Social-Media-Format mit Ratschlägen und Tipps, um gestärkter und mutiger durchs Leben zu gehen – an den Start gebracht hat, steht 2026 die Gründung eines Vereins an, der sich speziell an Schulen einsetzen soll: „Meine Zielsetzung ist es, im neuen Jahr mehr und mehr Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, mutiger und gestärkter durchs Leben zu gehen.“

Doch zuerst steht ihm ein ganz besonderer Tag bevor: Am 6. Februar läuten bei Marcel und Carina die Hochzeitsglocken. „Für mich war früher ja immer die Frage: Werde ich jemals eine Partnerin haben? Jetzt sind wir fünf Jahre zusammen. Wir haben Respekt voreinander, akzeptieren uns so, wie wir sind. Und das ist das Schönste im Leben.“

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen Studierenden im Studiengang Journalismus und PR an der Westfälischen Hochschule und dem Projektpartner Schalke 04.

Autor: Tom Vieth

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