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·19 aprile 2026
Polzins Pyro-Ausrede entlarvt das Versagen nicht nur beim Hamburger SV

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·19 aprile 2026

Nach Pyro-Eskalation, Brand und Schlägereien beim Nordderby wartet HSV-Trainer Polzin auf Bilder. Kritiker sehen darin ein ligatypisches Muster der Verantwortungslosigkeit.
Leuchtraketen neben dem DAZN-Team, ein Brand im Gästeblock, Schlägereien mit der Polizei – und der Trainer des verantwortlichen Klubs sagt, ihm fehlten „die Bilder". Merlin Polzin hat nach dem 1:3 seines HSV in Bremen diesen einen Satz gesagt, der mehr über den Zustand der Bundesliga verrät als jede Sicherheitsstatistik: Man könne das „in keinster Weise gutheißen, aber mir fehlen noch die Bilder, um es bewerten zu können". Das ist kein vorsichtiges Abwägen. Das ist eine Flucht vor dem Offensichtlichen.
Die Chronologie dieses Nordderby-Abends liest sich wie ein Eskalationsprotokoll. Schon vor Anpfiff wurden aus dem HSV-Fanblock Leuchtraketen auf den Rasen geschossen – sie landeten neben dem TV-Team von DAZN, der Sender unterbrach die Übertragung und schaltete Werbung. Nach dem Schlusspfiff flog Pyrotechnik aus dem Gästeblock über den Platz in die Werder-Ostkurve.
HSV-Anhänger zündeten Gegenstände an und warfen sie in Nachbarblöcke. Die Feuerwehr löschte einen Brand. Die Polizei versuchte, den Block zu räumen, es kam zu Schlägereien. Die Polizei hatte das Spiel vorab als Risikospiel eingestuft – und trotzdem reichte das nicht, um zu verhindern, dass Leuchtraketen neben Menschen einschlugen.
Daniel Thioune, Werders Trainer, fand die klareren Worte: „Wenn Grenzen überschritten werden, gehört das nicht auf den Fußballplatz. Die Verletzungsgefahr war schon sehr groß. Ich habe gesehen, dass einiges neben uns einschlug." Bremens Pressesprecher Christoph Pieper sprach von „Sachschäden", Personenschäden seien „bisher nicht bekannt" – es sei „noch glimpflich ausgegangen". Noch glimpflich. Das ist der Maßstab, auf den sich die Bundesliga inzwischen herunterdefiniert hat: Solange niemand im Krankenhaus liegt, war es noch okay.
Polzins Verweis auf fehlende Bilder ist dabei symptomatisch für ein Muster, das sich durch die gesamte Liga zieht. Klubs weigern sich, ihre eigenen Fans als Verursacher zu benennen – selbst wenn die Herkunft der Pyrotechnik eindeutig ist, selbst wenn sie aus dem eigenen Block kommt. Der HSV steht sportlich unter Druck: fünftes siegloses Spiel in Folge, Platz 13, nur fünf Punkte vor dem Relegationsrang. Es ist nachvollziehbar, dass ein Trainer nach einer solchen Niederlage nicht den Konflikt mit der eigenen Kurve sucht, er kommt ja selbst aus dieser Kultur. Nachvollziehbar – aber nicht akzeptabel. Denn genau diese Vermeidungshaltung ist der Grund, warum sich nichts ändert.
Beim HSV fehlt seit dem Jahreswechsel ein echter und erfahrener Sportvorstand, der Posten ist nach der Trennung von Stefan Kuntz unbesetzt. Finanzvorstand Eric Huwer und Sportdirektor Claus Costa führen den Klub operativ. Wer in dieser Konstellation den Mut aufbringt, die eigene Fanszene öffentlich in die Pflicht zu nehmen, ist eine offene Frage – und genau das ist das Problem. Wo Führungsstrukturen unklar sind, verschwimmt auch Verantwortung.
Die Bundesliga hat ein Pyrotechnik-Problem, das sie seit Jahren verwaltet, statt es zu lösen. Leuchtraketen, die neben Journalisten einschlagen, brennende Gegenstände in besetzten Tribünenbereichen, ein Feuerwehreinsatz im Stadion: Das sind keine Randnotizen. Das sind Szenen, die irgendwann in einer Katastrophe enden, wenn die Reaktion der Verantwortlichen weiterhin darin besteht, auf Bilder zu warten, die direkt vor ihren Augen entstanden sind.
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