90min
·17 marzo 2026
RB-Wechsel von Reitz: Hier werden Grenzen des guten Geschmacks überschritten

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·17 marzo 2026

Die Katze ist aus dem Sack und was sich bereits seit Wochen angedeutet hatte, ist mittlerweile fix und offiziell. Rocco Reitz wird seinen Ausbildungsverein Borussia Mönchengladbach am Saisonende verlassen und zu Ligakonkurrent RB Leipzig wechseln. Zu diesem Transfer gibt es in Gladbach natürlich erwartbar nicht sonderlich viele freudige Luftsprünge, doch teilweise geht der Umgang der Fohlen-Fans mit diesem Thema weit unter die Gürtellinie. Viel zu weit!
Betrachtet man die nackten Fakten ohne Wertung und ohne Vereinsbrille, dann bleibt unterm Strich stehen, dass sich ein talentierter Spieler eines Traditionsvereins, der etwas hinter den Erwartungen spielt, dazu entschieden hat, nach zig Jahren in Gladbach einen neuen Karriereschritt zu wagen und sich einem Verein anzuschließen, der in den letzten Jahren einen beeindruckenden Aufstieg hingelegt hat. RB Leipzig verfügt zwar nicht über eine große Tradition und ist immer noch mit dem leidigen Dosenklub-Image behaftet, doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Roten Bullen im Rahmen ihrer Möglichkeiten herausragende Arbeit leisten und aus dem vorhanden Geld auch was machen. Nicht umsonst steht der sächsische Bundesligaklub seit Jahren regelmäßig im internationalen Geschäft und hat bereits zwei DFB-Pokaltriumphe auf dem noch jungen Briefkopf stehen.

Rocco Reitz rückte aus dem Gladbacher Nachwuchs bis hin in die Kapitänsbinde der Profis | Christian Verheyen/GettyImages
So bitter es für manch einen Gladbach-Fan auch klingen mag, aber fernab von jeglicher Wertung steht unterm Strich einfach nur, dass Rocco Reitz von einem aus rein sportlicher Sicht derzeit mittelmäßigen Fußballverein zu einem der spielstärksten Teams der Bundesliga wechselt und das nicht etwa, weil Reitz sich dort hingebettelt hat, sondern weil dieser Verein, der sich für clevere Transferaktivitäten einen Namen gemacht hat, vollkommen überzeugt von dessen Qualitäten war und ist und diese gerne weiter fördern möchte. Man stelle sich vor es ginge um den eigenen Sohn: Wäre man dann nicht bis in die Haarspitzen stolz? Wäre es dann nicht schei*egal wer der aufnehmende Verein ist?
Ist es aus rein sportlicher Sicht nicht vollkommen nachvollziehbar, dass Rocco Reitz ein solches Angebot, das mit einem derart großen Vertrauensvorschuss verbunden ist, gerne annehmen möchte, um seine Komfortzone zu verlassen, weiterzuwachsen, sich neuen Herausforderungen und Erfahrungen stellen möchte und weil er möglicherweise einfach auch Lust hat, endlich internationales Geschäft zu erleben und eine reale Chance zu bekommen, bei der deutschen Nationalmannschaft anzuklopfen? Ich finde ja. Ohne Wenn und Aber.
Man kann von RB Leipzig als Verein halten, was man möchte und auch die Art und Weise, wie dieser Klub aus dem Nichts im deutschen Spitzenfußball erschienen ist, muss man keineswegs gutheißen. Doch unterm Strich steht hier – ebenfalls ohne Wertung – in erster Linie die hervorragende Leistung und klare Linie, mit der die Sachsen sich nicht nur national einen Namen gemacht haben. Auch wenn RB Leipzig aufgrund der Geschichte um den Red Bull-Konzern das Dosenimage nicht loszubekommen scheint, ist der Verein keineswegs künstlich oder hat sich den Erfolg erkauft.

RB Leipzig konnte zweimal den DFB-Pokal gewinnen | Marvin Ibo Guengoer - GES Sportfoto/GettyImages
Ich habe selbst über viele Jahre hinweg persönliche Schnittstellen aus Duellen mit Jugendteams der Roten Bullen erlebt und mir ein persönliches Bild machen können. Was mich immer beeindruckt hat, war der unheimlich faire Sportsgeist, die bodenständige Nähe und der fachlich kompetente Austausch auf allerhöchstem Niveau, der jeden einzelnen dort ausgezeichnet hat. Ich kann kein schlechtes Wort über RB Leipzig verlieren, auch wenn ich aus Respekt und Anstand meinen Trainerkollegen dort nicht weiter ins Detail gehen möchte. Fakt ist jedoch: Auch der Rest von Fußball-Deutschland muss endlich anerkennen, dass die Roten Bullen vom Nachwuchs bis zu den Profis harte Arbeit auf Spitzenniveau leisten, als noch immer gallisches Dorf mittlerweile zu dem Besten gehören, was der Fußball hierzulande zu bieten hat. Das ist etwas, das die Borussen derzeit nur bedingt von sich selbst behaupten können.
In diesem Zusammenhang finde ich es auch wirklich erschreckend, welche ekelhaften Kommentare sich im Netz zum Reitz-Wechsel getümmelt haben. Gladbach-Fans, die einen aus ihren Reihen, mit der Gladbacher Raute im Herzen, derart unverschämt und respektlos angreifen, nur weil er sich für einen Schritt zu RB Leipzig entschieden hat. Vermeintliche Fans, die ihm die Kapitänsbinde entziehen wollen, in Gladbach und anschließend in Leipzig einen Bankplatz oder einen krachenden Transferflop wünschen, aus der Gladbach-Familie verbannt werden soll - einfach nur gefühlt alles Schlechte der Welt an den Hals wünschen. Da hört es für mich dann einfach auch irgendwann auf und da ist auch der fußballromantische Gedanke und die Liebe zu Traditionsklubs - die auch in mit so lodert - letztlich keine Ausrede mehr.

Rocco Reitz einst als Gladbacher Nachwuchshoffnung | Christian Verheyen/GettyImages
Reitz hat den Verein seit seinem neunten Lebensjahr repräsentiert, für ihn immer die Knochen hingehalten und darüber hinaus nun auch noch für dringend benötigte Millionen in den Kassen gesorgt. Da sind für mich im Umgang mit dieser Transfer die Grenzen des guten Geschmacks wie ich finde wirklich erreicht. Ein Spieler, der sich nie etwas zuschulden hat kommen lassen und der aus dem Fohlenstall den Sprung in die Nationalmannschaft schaffen könnte, so dermaßen zu verteufeln, nur weil er den Verein wechselt, hat mit Fußballverständnis oder Fußballromantik nichts zu tun. Egal wie lange es den aufnehmenden Verein schon gibt und welches Image ihn begleitet. Hier geht es schließlich nicht um RB Leipzig, sondern um den Gladbacher Jungen Rocco Reitz.

Aus dem Fohlenstall in die Fußballwelt: Rocco Reitz | Christian Verheyen/GettyImages
Das zeugt auch nicht von großer Vereinsliebe, sondern eher von plumpem Stammtischgegröle, das ohne Sinnhaftigkeit im Detail hinterfragt wurde. Wenn man einem Spieler, der sein gesamtes sportliches Leben diesem Verein gewidmet hat, bei einem derart großen Karrieresprung nur Schlechtes wünscht, sollte man sich vermutlich irgendwann in einer stillen Minute mal fragen, ob man sich abends noch guten Gewissens in den Spiegel und in die Augen schauen kann. Ich finde, das gehört sich einfach nicht! Und selbst wenn man in dieser Geschichte nichts Gutes zu sagen hat, sollte man vielleicht einfach auch mal besser gar nichts sagen.
Erfreulicherweise gibt es dennoch viele Fans, die den Wechsel fachlich und sachlich als das sehen, was er ist: Der nächste Schritt für einen talentierten Spieler aus den eigenen Reihen, der zu einem der aktuell besten Teams des Landes wechselt und seine Komfortzone verlassen möchte. Ein Anlass, über den man sich neidlos freuen darf, auch wenn der Abgang schmerzt. In diesem Sinne: Alles Gute, Rocco Reitz! Heute und morgen.
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